Leo Koenigsberger: Hermann von Helmholtz

Helmholtz als Professor der Physiologie in Heidelberg
von Michaelis 1858 bis Ostern 1871.
(Fortsetzung)


Anfang des Kapitels (Band 2)

Heidelberg 1865/66

Das Jahr 1865 führte in den häuslichen Verhältnissen von Helmholtz dadurch eine Veränderung herbei, dass seine Schwiegermutter, Frau von Velten, dauernd nach Dahlem übersiedelte, von wo aus sie in der langen Zeit bis zu ihrem Tode im Jahre 1881 nur noch einmal 1874 zum Besuche (Seite 69) ihrer damals schon verheiratheten Enkelin Käthe nach Heidelberg kam.

In den Herbstferien besuchte Helmholtz wie gewöhnlich wieder die Schweiz, wo lange und schwierige Touren ihn körperlich und geistig kräftigten — aber sehr bald riefen trübe und schmerzliche Nachrichten über das Befinden seines Sohnes Robert ihn nach Heidelberg zurück. Freilich suchte ihn seine Frau wieder so lange als möglich von Hause fern zu halten:

„… Geniesse nur Deine Reise so recht von Grund aus und kurire Dein armes Haupt, lieber Hermann, damit wir Beide wenigstens frisch und kräftig sind, wenn wieder neue Krankheit uns bedrohen sollte. Den Muth müssen wir uns ja erhalten, wie sollte man sonst durchkommen … Glaube nicht, dass ich mich im Jammer verzehre, ich suche mich aufrecht und heiter zu halten und meine Muthlosigkeit vertreibe ich mir stets, wenn ich an Dich und Deine Abneigung gegen alle Uebertreibungen denke …“

Aber Helmholtz macht sich nach den Diagnosen der Aerzte nicht länger Illusionen über das Leiden seines Kindes und kehrt von Genf aus direct nach Hause zurück, indem er sich nur einige Stunden in Freiburg aufhält, um sich wieder an den Klängen der schon vor vielen Jahren von ihm so bewunderten Orgel zu erfreuen:

„Die Orgel ist nun wirklich merkwürdig, für einen Akustiker wohl noch mehr als für einen Musiker. Ich muss sagen, dass ich bisher noch keine Ahnung von den Effecten eines solchen Instrumentes gehabt habe, in Bezug auf die Masse und Gewalt sowohl wie auf die Mannigfaltigkeit der Klangfarbe.“

Die dritte Abtheilung der physiologischen Optik sollte nun im nächsten Jahre 1866 erscheinen, und Helmholtz war Eile in der Publicirung dieses letzten Theiles derselben aufgezwungen, damit nicht wieder eine grosse Fülle neuer Resultate anderer Forscher, welche sich seinen (Seite 70) Arbeiten anschlossen, wie in den beiden ersten, gesondert ausgegebenen Abtheilungen, unberücksichtigt bliebe, wie denn überhaupt sich grosse Missstände daraus ergaben, dass das Werk als ein Theil der von Karsten herausgegebenen „Allgemeinen Encyclopädie der Physik“ erschien.

„Ich öffne“, schreibt ihm du Bois, „nie Deine Optik, ohne mich zu ärgern, dass Du Dich damals von dem todtgeborenen Karsten'schen Unternehmen bemuttern liessest, wodurch das Buch erstlich so sehr an Verbreitung eingebüsst hat, zweitens Dir eine Form aufgedrungen worden ist, die das Verständniss und die Uebersichtlichkeit nicht gerade erleichtert. Die colossalen Seiten des engsten Druckes, auf denen die schwersten Sachen stehen, geben gar keinen Ruhepunkt, und wenn Du etwas schreibst, ist ja gar kein Grund, es klein zu drucken.“

Und erst, als dann das Werk als Handbuch der physiologischen Optik selbständig herausgegeben wurde, schreibt ihm du Bois am 25. April 1867:

„Das Buch wird jetzt erst den grösseren Theil seiner Wirkung entfalten, nun es frei und ungetheilt in den Buchhandel kommen wird. In meinem Laboratorium z. B. kannten es die jungen Leute, wie Rosenthal und Hermann, fast nicht, da es eben auch kein Buch ist, welches man in der Zeit durcharbeiten kann, für die man mit Anstand Bücher leiht.“

Es war für Helmholtz eine schwere Aufgabe, das sich inzwischen neu aufhäufende Material durchzuarbeiten und wenigstens noch für die dritte Abtheilung und die bis ins Einzelne gehende Literaturübersicht seines Werkes zu verwerthen.

„Wie schön muss doch der Zustand eines gelehrten Theologen, Juristen oder Historikers sein, der sein Leben lang immer neue Auflagen von demselben Buche mit kleinen Aenderungen machen kann, während wir armen Naturforscher eins nicht fertig schreiben können, ehe der Anfang (Seite 71) schon wieder veraltet ist“, klagt er Donders gegenüber; aber er erlahmt nicht Die meisten bekannt gewordenen Thatsachen und Theorien werden einer kritischen Untersuchung unterzogen; er richtet dabei hauptsächlich auf die Punkte sein Augenmerk, welche für seine in der dritten Abtheilung zu bearbeitende Theorie der Gesichtswahrnehmungen und der Ausgestaltung seiner erkenntnisstheoretischen Principien von Wichtigkeit werden, wobei ihm besonders die Erscheinungen von hohem Interesse sind, welche auf optischen Täuschungen beruhen. Für diese sowie für die Sinnestäuschungen überhaupt wollte Helmholtz nur die eine einfache Regel gelten lassen, dass wir stets solche Objecte vor uns zu sehen glauben, wie sie vorhanden sein müssten, um bei normaler Beobachtungsweise dieselben Netzhautbilder hervorzubringen — falsche Inductionsschlüsse, die Helmholtz unbewusste Schlüsse nennt.

In einem an Recklinghausen am 16. Mai 1865 gerichteten Briefe schreibt er:

„Ich muss gestehen, dass mir Ihre Erklärung der Erscheinungen, wenn ich sie richtig verstehe, einige bedenkliche Punkte zu enthalten scheint. Erstens nämlich scheint es mir überhaupt eine unwahrscheinliche — obgleich, wie ich zugebe, nicht widerlegbare — Annahme zu sein, dass wir unmittelbar die wirkliche Form des Netzhautbildes wahrnehmen sollten, so dass wir dessen etwaige Verzerrungen auf die Objecte übertrügen. Diese Annahme führt namentlich auch zu Widersprüchen gegen die scheinbaren Ausmessungen des Gesichtsfeldes, über die ich eine Reihe neuer Versuche angestellt habe. Dann sieht man die von Zöllner, Hering, Kundt beschriebenen Täuschungen auch, wenn man die Zeichnungen so weit vom Auge entfernt, dass ihr Netzhautbild kaum noch eine messbare Flächenkrümmung haben kann. Ich finde nicht einmal, dass die Täuschung durch Verkleinerung schwächer, durch Annäherung und dadurch bedingte Vergrösserung grösser werde, so lange man (Seite 72) nur überhaupt noch alle Linien der Zeichnung erkennen kann. Bei der Zöllner'schen Figur und einigen entsprechenden Mustern von Hering finde ich aber einen merkwürdigen Einfluss der Bewegung des Auges. Fest fixirt verlieren sie für mich ihr täuschendes Aussehen oft gänzlich, während es durch Bewegung verstärkt wird, am meisten, wenn man horizontal quer über die Zöllner'sche Figur mit mässiger Geschwindigkeit eine Nadelspitze führt und dieser mit dem Blicke genau folgt. Dann treten sonderbare Scheinbewegungen der Streifen auf, die einen nach aufwärts, die anderen nach abwärts. Diese scheinen mir zur Erklärung der durch Bewegung bedingten Verstärkung der Täuschung zu führen. Die vollständige Erklärung lässt sich freilich erst im Zusammenhange des Ganzen geben.“

So verwendet er nun das ganze Jahr 1865 auf die Fertigstellung der dritten Abtheilung seiner physiologischen Optik, eine riesengrosse Arbeit, die seine Gesundheit arg erschüttert. Fortwährende Migräneanfälle zwingen ihn, in den Herbstferien drei Wochen in Engelberg Molken zu trinken; eine scharfe Fusstour um den Montblanc herum lässt freilich die Anfälle etwas schwächer und seltener als früher wiederkehren, aber die Fortsetzung jener Arbeit, besonders in ihrem erkenntnisstheoretischen Theile, greift seine Gesundheit von Neuem bedenklich an, „die Anfälle machen immer noch jede Beschäftigung unmöglich, jeder Anfall raubt mir 24 Stunden Arbeitszeit“.

Reise nach Paris

Sein Befinden zwang ihn, sich auch noch in den folgenden Osterferien eine vierzehntägige Erholung zu gönnen, und er reiste nach Paris, wo er bei dem Onkel seiner Frau, dem berühmten Orientalisten Julius von Mohl gastliche und liebevolle Aufnahme fand. Eine kurze Unterbrechung der Reise dorthin war wieder der Besichtigung von Strassburg gewidmet, wo er die Galerie des Thurmes der Cathedrale bestieg und sich an den kühnen Steinconstructionen erfreute, „ich habe auch des alten Ulrich's (Seite 73) Räthsel wegen des Vierecks und Achtecks mir angesehen, die Lösung ist äusserst einfach“. Es verging in Paris der erste Abend im Mohl'schen Hause „in Frieden und hoffentlich gegenseitigem Wohlgefallen“, Sehr interessante und ausführliche Berichte über die Erlebnisse eines jeden Tages bringen die an seine Frau gerichteten Briefe, welche Paris und alle hervorragenden Persönlichkeiten durch den längeren Aufenthalt bei ihrer Tante genau kannte.

„… Um 11 Uhr musste ich zurück sein für ein Frühstück mit Mr. Hermite und dem Mathematiker Professor Smith aus Oxford. Dabei kam zur Sprache, dass man mich habe nach Oxford berufen wollen als Professor der Physik. Sie haben aber nicht mehr Gehalt zusammenbringen können als 700 £, was zwar mehr ist, als wir in Heidelberg haben, aber kaum genug, um in England mit derselben Behaglichkeit zu leben … Ich finde es also ganz in der Ordnung, dass Herr Professor Max Müller erklärt hat, er könne ihnen bestimmt sagen, ich würde daraufhin nicht kommen … Mr. Hermite war gegen mich sehr schmeichelhaft und introducirte auch noch Mr. Grandeau, um mich zu begrüssen und nach der Ecole normale zu führen, wo mich auch der dortige Chemiker St. Claire Deville, eine heranwachsende Grösse ersten Ranges, sehr herzlich empfing. Dieser führte mich herum im physikalischen Cabinet, wobei wir durch eine Classe passiren mussten, in der eine Lehrstunde (Physik) war, ich wurde den Schülern vorgestellt und mit Beifallklatschen entlassen, weil sie — angeblich wenigstens — in meinen akustischen Theorien alle sehr wohl unterrichtet sein sollten …

Grandeau und Laugel führten mich zu dem ersten Orgelbauer Cavallié-Col, dessen Atelier wir erst besahen und mit dem wir dann in die Kirche St Sulpice gingen, um die grösste von ihm gebaute Orgel Europas zu besichtigen, was aber wegen des Gottesdienstes nur sehr unvollkommen geschehen konnte; heute Nachmittag soll es genauer (Seite 74) geschehen. Es interessirte mich sehr, was ich sah; Herr Cavallié, der sich vom Arbeiter zum ersten Meister heraufgearbeitet hat, ist ein sehr intelligenter und erfinderischer Kopf . . . Im Concert des Conservatoire hatten wir eine Symphonie von Haydn, ein Stück aus Beethoven's Ballet Prometheus und die ganze Musik zum Sommernachtstraum, ausserdem ein Chor von Bach und Allelujah von Händel. Die Chöre hört man in Deutschland besser, aber die Vollendung des Orchesters ist allerdings einzig in ihrer Art. Die Oboen tändelten in der Haydn'schen Symphonie wie ein leichter Zephyrhauch; alles so rein im Accord, namentlich die ersten hochliegenden Accorde von Mendelssohn's Ouvertüre, mit denen es nachher wieder schliesst, die immer so falsch zu klingen pflegen, waren goldrein. Das Stück Prometheus war der wunderbarste harmonische Wohlklang mit vorwiegenden Hörnern. Dieses Concert war neben der Venus von Milo der zweite Genuss reinster Schönheit, der ein Lebensereigniss bildet... Ich fuhr mit Herrn Cavallié und Bussy in die Wohnung eines Harmoniumfabrikanten Mustel, welcher mir seine neuesten Erfindungen, namentlich auch ein Stimmgabelclavier mit aushaltenden Tönen vorzeigen wollte. Dasselbe bestätigte meine theoretische Voraussetzung und machte keinen besonderen Effect, welches Factum aber für meine Theorie von Wichtigkeit ist. Die Fortschritte in der Construction des Harmoniums waren sehr bedeutend, namentlich hatte er ein sehr vollkommenes und leicht ansprechendes Piano erreicht und allerlei zweckmässige Aenderungen im Mechanismus, um die Oberstimmen hervorzuheben u. s. w. Ich habe diese Gelegenheit benutzt, um für die reine Stimmung der Orgeln zu predigen, und Herr Cavallié schien auch geneigt, den Versuch zu machen … Am Mittwoch war ich zuerst in der Vorlesung von Mr. Regnault am Collège de France. Ich hoffte ihn experimentiren zu sehen, er ist einer der berühmtesten Experimentatoren, das that er aber nicht; er zeigte mir (Seite 75) seine Instrumente, eine in der Geschichte der Physik sehr berühmte Sammlung …

Ich begab mich nach der Ecole normale, wo mich Herr Grandeau und Deville hinbestellt hatten, um Versuche des letzteren und Instrumente von Herrn König zu sehen. Zu meinem Erstaunen erschien auch noch der Minister des Unterrichts Mr. Duruy mit einem seiner Räthe, und es wurde von mir verlangt, dass ich ihm einen Vortrag über die Analyse der Vocaltöne halten sollte, was ich auch that …“

Aus Paris zurückgekehrt, ging er sogleich wieder an die Fertigstellung seiner physiologischen Optik, wurde aber durch die Wirren in Süddeutschland, welche der Krieg zwischen Preussen und Oesterreich mit sich brachte, in der stetigen und so überaus schwierigen Arbeit vielfach gestört und gehindert. Als Preusse von Geburt und mit ganzer Seele seinem engeren Vaterlande zugethan, musste ihm die Lage, in die gerade Baden durch die eigenthümliche Verwickelung der Verhältnisse gerathen war, sehr zu Herzen gehen. Er huldigte nie Extremen in religiösen und politischen Dingen; wie er durch Erziehung und Ueberzeugung stets im edelsten Sinne religiös, nie im orthodoxen Sinne kirchlich gewesen, so war er, wenn er sich auch nie in seinem Leben activ an der Politik betheiligt hat, doch schon von Jugend auf durch die Tradition im elterlichen Hause und durch ruhige und klare Wägung der Verhältnisse ein im besten Sinne liberal denkender Mann, der sich von reactionären Gelüsten und radicalen Strömungen fern hielt. Ueber die politischen Anschauungen, welche den jugendlichen Helmholtz in der grossen und sturmbewegten Zeit der Jahre 1848 und 1849 beherrschten, liegen uns briefliche Andeutungen nicht vor; die Nähe seines Vaters gestattete einen mündlichen Gedankenaustausch über die Fragen der Politik mit dem alten Freiheitskämpfer, und seine Stellung als Militärarzt musste ihm selbstverständlich die grösste (Seite 76) Zurückhaltung in den Briefen an seine Freunde auferlegen. Aber sein jugendlicher Sinn, begeistert für alles Edle und Gute, war doch damals tief ergriffen von dem Ringen der Nation um politische Freiheit und Einheit.

„Ich weiss in unverwischlicher Deutlichkeit“, schreibt seine Schwägerin, „dass ihn damals eine für das Gleichmaass seiner Natur geradezu leidenschaftliche Antheilnahme beherrschte. Die Tage nach dem 18. März fanden ihn in einer fast stürmischen Begeisterung, und ein kleiner Zug illustrirt das Gesagte sprechend. Er kam an einem jener Tage direct von Berlin zu uns, und als ich ihm meinen vierzehn Tage alten Jungen zum ersten Male zeigte, zog er strahlend aus der Westentasche eine schwarz-roth-goldene Cocarde, heftete sie dem Kinde an die kleine Mütze und gratulirte der „Bürgerin Mutter zu ihrem in Freiheit Erstgeborenen“. Der hübsche Scherz war ein beredtes Symptom für die in ihm arbeitende, leidenschaftliche Theilnahme an dem erwachenden Bewusstsein der Nation. Er verfolgte später die Debatten in der Paulskirche, die traurige Ausartung der Bewegung und endlich ihr Versumpfen und Versanden mit dem Antheil des Herzens und Charakters.“

So stand er nun auch in den Wirren des Jahres 1866 begeistert für die Einheit und Freiheit Deutschlands ganz auf Seiten Preussens, denn er sah dort das Kräftecentrum, nach dem alles gravitiren musste, um sich nach aussen im Gleichgewicht zu halten — und er hat sich auch darin nicht getäuscht.

Aber auch seine Frau, die von Geburt Süddeutsche, tritt mit Begeisterung auf die Seite Preussens:

„… Hier ist jeder anständige Mensch“, schreibt sie am 12. Juli ihrer Mutter, „preussisch seit diesem französischen Bündniss Oesterreichs. Ich habe Häusser heute gesehen und gesprochen, leider sehr verändert äusserlich, aber so lebhaft als je und Gottlob ganz unserer Meinung. (Seite 77) Wäre er nicht krank, so wäre manches klare gute Wort auf unsere wirren Geister gefallen …“

Physiologische Optik

Als sich nun alles rascher, als man vermuthet, den Herzenswünschen von Helmholtz gemäss gestaltete, da ging er mit frischem Muth und rüstiger Kraft an die begonnene grosse Arbeit über die Gesichtswahrnehmungen in seinen physiologisch-optischen Untersuchungen.

„Es musste am Ende der Versuch gemacht werden, Ordnung und Zusammenhang in dieses Gebiet hineinzubringen und es von den auffälligen Widersprüchen zu befreien, die sich bis jetzt durch dasselbe hinzogen. Ich habe dies gethan in der Ueberzeugung, dass Ordnung und Zusammenhang, selbst wenn sie auf ein unhaltbares Princip gegründet sein sollten, besser sind als Widersprüche und Zusammenhanglosigkeit. Ich habe deshalb das Princip der empiristischen Theorie, von dem ich mich immer mehr überzeugt habe, je länger ich arbeitete, dass es das einzige ist, welches ohne Widersprüche durch das Labyrinth der gegenwärtig bekannten Thatsachen hindurchführt, zum Leitfaden genommen.“ So schloss er mit der dritten Abtheilung im Jahre 1866 das Handbuch der physiologischen Optik ab, von dem du Bois sagt:

„Jenes umfangreiche, einheitliche, doch auf das Feinste gegliederte Werk, in dem er diesen Zweig der Physiologie systematisch und literargeschichtlich in grösster Vollständigkeit darstellt, von den mathematischen Anfangsgründen der theoretischen Optik bis zu den letzten erkenntnisstheoretischen und ästhetischen Gesichtspunkten; keine wissenschaftliche Literatur irgend einer Nation besitzt ein Buch, welches diesem an die Seite gestellt werden kann, nur ein zweites Werk von Helmholtz selber kann daneben genannt werden, die Lehre von den Tonempfindungen.“

Der Weg, auf welchem Helmholtz zu seinem Systeme der Erkenntnisstheorie gelangte, führte hin auf dem Unterbau seiner psycho-physiologischen und geometrischen (Seite 78) Forschungen, von denen die letzteren jedoch erst einen methodischen Gang annahmen, als er seine physiologisch-optischen und akustischen Studien beendet und die tiefen Untersuchungen über die Axiome der Geometrie und Mechanik begonnen hatte. Ein in sich abgeschlossenes System seiner Philosophie gab er erst in seiner berühmten Rede zur Stiftungsfeier der Berliner Universität „Ueber die Thatsachen der Wahrnehmung“.

Wir haben es hier also zunächst nur mit der Begründung seiner erkenntnisstheoretischen Anschauungen zu thun, wie sie sich in ihm schon unmittelbar nach der Veröffentlichung seiner Schrift über die Erhaltung der Kraft entwickelt hatten, und zu denen ihn alle seine Untersuchungen über Sinnesempfindungen und Sinneswahrnehmungen hindrängten, welche er stets als die Basis für den Aufbau seiner Philosophie betrachtet hat. In der dritten Abtheilung seiner physiologischen Optik schlägt er zum Zwecke der Darstellung den umgekehrten Weg ein. Nachdem er zunächst seine philosophischen Anschauungen entwickelt, suchte er bei der genauen Darlegung der Theorie der Gesichtswahrnehmungen für alle seine Untersuchungen und Erklärungsweisen über die Augenbewegungen, die Richtung des Sehens, die Wahrnehmung der Tiefendimensionen und das binoculare Doppelsehen — welche in den früher angeführten Einzelarbeiten bereits veröffentlicht, jetzt nur systematisch zusammengestellt und durch neue Versuche und tiefere theoretische Behandlung erweitert wurden — die Bestätigung und Uebereinstimmung mit der von ihm aufgestellten, consequent durchgeführten und bis an sein Ende aufrecht erhaltenen empiristischen Hypothese nachzuweisen. Die hier niedergelegten erkenntnisstheoretischen Anschauungen, so weit sie auf physiologischer Basis entstanden sind, entwickelte er auch in leicht verständlicher Weise und in geradezu vollendeter Form in den für die Preussischen Jahrbücher im Jahre 1868 ausgearbeiteten, in Frankfurt und Heidelberg (Seite 79) gehaltenen Vorträgen „Die neueren Fortschritte in der Theorie des Sehens“, während er die rein ästhetischen Folgerungen seiner optischen Untersuchungen, wie er es in dem Capitel über die Verwandtschaft der Klänge in seinen Tonempfindungen gethan, in meisterhafter Weise in den in Berlin, Düsseldorf und Cöln 1871 bis 1873 gehaltenen und unter dem Titel „Optisches über Malerei“ veröffentlichten Vorträgen ausführte.

Helmholtz sieht in einer richtigen Kritik der Erkenntnissquellen eine praktische und höchst wichtige Aufgabe der Philosophie, aber er ist weit davon entfernt, materialistischen Anschauungen zu huldigen und zu glauben, dass eine solche Kritik uns dazu führen wird, in das Wesen der Dinge an sich einzudringen; „der Beobachter mit taubem Ohr kennt die Schallschwingung nur, so lange sie sichtbar und fühlbar am schweren Stoffe haftet, sind unsere Sinne dem Leben gegenüber hierin dem tauben Ohre ähnlich?“

Nicht einmal in dem Widerstreit der realistischen und idealistischen Hypothese tritt er rückhaltlos auf die Seite der ersteren. Freilich ist die realistische Hypothese, da sie für die einer Handlung folgenden Veränderungen der Wahrnehmungen gar keinen psychischen Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Willensimpuls voraussetzt, die einfachste und fruchtbarste als Grundlage für das Handeln; es kann selbst eine idealistische Anschauung das Gesetzliche in unserer Empfindung nicht anders ausdrücken, als dass die mit dem Charakter der Wahrnehmung auftretenden Bewusstseinsacte so verlaufen, als ob die Welt der stofflichen Dinge wirklich bestände — aber er spricht es doch unumwunden aus, dass neben der realistischen doch immer noch andere unwiderlegbare idealistische Hypothesen möglich bleiben; „ich sehe nicht ein, wie man ein System selbst des extremsten subjectiven Idealismus widerlegen könnte, welches das Leben als Traum betrachten wollte.“

Schon seine ersten optischen und akustischen (Seite 80) Untersuchungen hatten ihn gelehrt, dass für unsere sinnlichen Wahrnehmungen ausser den Empfindungen des Nervenapparates noch eine eigenthümliche Seelenthätigkeit in Betracht kommt, um zu der Vorstellung des äusseren Objects zu gelangen, welches unsere Empfindung erregt hat. In seiner Kant-Rede hatte er bereits im Anschluss an Lotze die Empfindung unserer Sinnesnerven nur als Zeichen für gewisse äussere Objecte betrachtet und sah die richtigen Schlüsse von den Empfindungen auf die entsprechenden Objecte als durch Einübung entstanden an. Als wesentlich neues Moment trat aber aus seinen Untersuchungen über den blinden Fleck im Auge, die Obertöne u. s. w. die Erkenntniss des für alle unsere Sinneswahrnehmungen geltenden Gesetzes hinzu, dass wir auf unsere Sinnesempfindungen nur so weit achten, als sie uns die äusseren Objecte erkennen lassen, und dass wir erst bei der wissenschaftlichen Untersuchung unserer Sinnesthätigkeit diejenigen Empfindungen analysiren, welche nicht directen Bezug auf äussere Objecte haben. Und nun greift Helmholtz die schwierige Frage an, welche Art der Uebereinstimmung zwischen der Vorstellung und ihrem Objecte vorhanden sei, oder welche Art von Wahrheit wir unseren Vorstellungen und Perceptionen zuschreiben dürfen.

Wie die Empfindungen des Auges, Ohres, Tastgefühls unter einander so gänzlich verschieden sind, dass man zwischen denen verschiedener Sinne gar keine Vergleichung in Bezug auf Qualität oder Intensität anstellen kann, — man nennt diesen Unterschied den des Modus der Empfindung, während der Unterschied zwischen gleichartigen Empfindungen als der der Qualität bezeichnet wird —, so verhält es sich auch, wenn man Wahrnehmungen von Seelenzuständen, welche Kant einem besonderen Sinne, dem inneren Sinne oder der inneren Anschauung, zuschreibt, mit solchen des Auges und Ohres vergleichen wollte. Trotz noch mannigfacher anderer Unterschiede haben sie aber doch ein Gemeinsames darin, dass die Wahrnehmungen des inneren sowie der (Seite 81) äusseren Sinne sich durch eine fortdauernde Thätigkeit des Gedächtnisses der Zeitreihe einordnen, wodurch die Möglichkeit gegeben ist, regelmässige Wiederholungen solcher Zeitfolgen von gleichartigen Wahrnehmungen als solche zu beobachten und wiederzuerkennen. Wenn also auch die Qualitäten der Empfindung nur als blosse Form der Anschauung erkannt werden müssen, und die Empfindungen selbst nur Zeichen sind, deren besondere Art ganz von unserer Organisation abhängt, so sind sie doch Zeichen von etwas Bestehendem oder Geschehendem und bilden uns daher das Gesetz dieses Geschehens ab. Das Gesetzliche in der Erscheinung können wir also unzweideutig und als Thatsache finden. Nennt man daher Substanz das, was ohne Abhängigkeit von anderem gleich bleibt in allem Wechsel der Zeit, und nennt man dagegen das gleich bleibende Verhältniss zwischen veränderlichen Grössen das sie verbindende Gesetz, so können wir nur dieses direct wahrnehmen, während der Begriff der Substanz immer problematisch bleibt.

„Nur die Beziehungen der Zeit, des Raumes, der Gleichheit und die davon abgeleiteten der Zahl, der Grösse, der Gesetzlichkeit, kurz das Mathematische, sind der äusseren und inneren Welt gemeinsam, und in diesen kann in der That eine volle Uebereinstimmung der Vorstellungen mit den abgebildeten Dingen erstrebt werden.“

Von dieser philosophischen Grundlage aus geht er zur Entwickelung einer Theorie der Raumanschauung über, welche sich auf seinen physiologisch-optischen Grundanschauungen aufbaut. Der nativistischen Theorie der Raumanschauung von Johannes Müller stellt er seine empiristische Theorie des Sehens gegenüber; während sich nach ersterer die Netzhaut selbst in ihrer räumlichen Ausdehnung empfindet, diese Raumanschauung angeboren ist, und die von aussen her erregten Eindrücke nur an entsprechender Stelle in das räumliche Anschauungsbild des Organs von sich selbst eingetragen werden, geben nach Helmholtz's Ansicht unsere Sinnesempfindungen (Seite 82) uns überhaupt nichts weiter als Zeichen für die äusseren Dinge und Vorgänge, welche zu deuten wir durch Erfahrung und Uebung erst lernen müssen. Die Bedeutung der Localzeichen der Empfindung, welche dieselbe Farbe an verschiedenen Netzhautstellen erregt, für die Aussenwelt muss nach der empiristischen Theorie erst erlernt werden, während für die nativistische Theorie die Localzeichen nur eine unmittelbare Anschauung der Raumunterschiede ihrer Art und Grösse nach sind; die Theorie des Stereoskops, das Einfachsehen mit zwei Augen und eine grosse Reihe anderer optischer Erscheinungen geben eine „merkwürdige Bestätigung für die Voraussetzung der empiristischen Theorie, dass als örtlich getrennt im Allgemeinen nur solche Empfindungen angeschaut werden, die sich durch wirkliche Bewegung von einander trennen lassen“. Wir lernen die Bedeutung der Zeichen lesen, indem wir sie mit dem Erfolge unserer Bewegungen und den Veränderungen, die wir selbst durch diese in der Aussenwelt hervorbringen, vergleichen. Einen Unterschied zwischen den Schlüssen der Logiker und den Inductionsschlüssen, deren Resultat in den durch die Sinnesempfindungen gewonnenen Anschauungen der Aussenwelt zu Tage kommt, sieht Helmholtz nur darin, dass jene ersteren des Ausdruckes in Worten fähig sind, während letztere statt der Worte die Erinnerungsbilder der Empfindungen substituiren. Dieses Gebiet der Vorstellungsfähigkeit combinirt nur sinnliche Eindrücke, die des unmittelbaren Ausdruckes durch Worte nicht fähig sind, „wir nennen es im Deutschen das Kennen“.

Sein oben erwähnter Vortrag „Die neueren Fortschritte in der Theorie des Sehens“ bietet zu dem Inhalte seiner physiologischen Optik dadurch noch mancherlei Ergänzungen, dass er einzelne allgemeine und interessante Bemerkungen, welche in dem grossen Werke unbemerkt geblieben wären, hier in übersichtlicher und geistvoller Form zusammenstellt.

Bei der Besprechung der Mängel des optischen Apparates (Seite 83) des Auges hebt er in Uebereinstimmung mit seiner empiristischen Auffassung hervor, „dass es nicht die mechanische Vollkommenheit der Sinneswerkzeuge ist, welche uns diese wunderbar treuen und genauen Eindrücke verschafft“, und nachdem er die Gesichtsempfindungen erörtert, die Theorie der Farben, Nachbilder und Contraste besprochen, sagt er:

„Was wir in dem optischen Apparate und dem Netzhautbilde an Ungenauigkeiten und Unvollkommenheiten gefunden haben, erscheint als durchaus unerheblich neben den Incongruenzen, denen wir hier im Gebiete der Empfindungen begegnen. Fast könnte man glauben, die Natur habe sich hier absichtlich in den kühnsten Widersprüchen gefallen, sie habe mit Entschiedenheit jeden Traum von einer prästabilirten Harmonie der äusseren und inneren Welt zerstören wollen.“

Auch in diesem Vortrage entwickelt Helmholtz wieder die Grundzüge seiner empiristischen Theorie.

„Wie in dem Vorigen“, sagt du Bois in seiner Gedächtnissrede auf Helmholtz, „das Princip der Erhaltung der Energie uns stets als sicherer Leitfaden durch Helmholtz's Gedankenwege diente, so fehlt es auch in diesem Abschnitte nicht an einem ähnlichen Führer. Der diese Untersuchungen beherrschende Gedanke ist die empiristische Weltanschauung, welcher Helmholtz huldigt, im Gegensatze zu der von ihm verworfenen nativistischen. Es ist dies derselbe Gegensatz, der schon im siebzehnten Jahrhundert zwischen der Leibniz'schen prästabilirten Harmonie und dein Locke'schen Sensualismus bestand, dem aber dann Kant eine entschiedene Wendung zu Gunsten der ersteren Learmeinungen gab.“

Schon hier, aber noch viel schärfer später, tritt Helmholtz in Gegensatz zu Kant, welcher behauptete, dass sowohl das Causalgesetz als auch die Anschauung der Zeit des dreidimensionalen Raumes mit seinen geometrischen (Seite 84) Axiomen transcendentalen Ursprungs, uns a priori eingeborene Einsichten seien. Trotzdem bleibt Helmholtz sich dessen bewusst, dass seine empiristische Theorie doch nur eine Hypothese ist und bleiben wird. Aber Hypothesen sind nach ihm nothwendig für das Handeln, und man muss sich nach dem moralischen oder ästhetischen Gefühl entscheiden; nur das Experiment, bei welchem „die Kette der Ursachen durch unser Selbstbewusstsein hindurchläuft“, kann kritisch angesehen werden, während die Beobachtung, ein ohne unser Zuthun ablaufender Vorgang, durch physische und psychische Ursachen modificirt wird. Er wusste wohl, dass seine Hypothese vielem Widerspruch begegnen würde, und war nicht erstaunt, als ihm du Bois am 25. April 1868 schrieb:

„Deine Aufsätze aus den Preussischen Jahrbüchern habe ich kürzlich auf einer Eisenbahnfahrt zu und von Ludwig mit grossem Genuss gelesen. Gegen die streng empiristische Anschauung scheint mir immer zu sprechen, dass sie eben durchaus consequent müsste durchführbar sein, was, wie Du selbst zugiebst, der Fall nicht ist; denn wenn dem Kälbchen angeboren ist, dem Euter des Geruchs halber nachzugehen, was kann ihm dann nicht noch alles angeboren sein? Mir scheint immer noch so viel Nativismus übrig zu bleiben, den man nicht. los werden kann, dass es auf eine Hand voll mehr oder weniger nicht ankommt. In der Bewegungssphäre z. B. sind doch zahllose Fälle der schwierigsten Art, wo er nicht hinwegzubringen ist. Du wirst sagen, dass man wenigstens versuchen solle, ihn nach Möglichkeit einzuschränken, und das will ich nicht verkennen. Uebrigens haben wir über diesen Gegenstand schon vor 20 Jahren verhandelt, als ich behauptete, das Gefühl für die Schönheit sei uns angeboren, und Du meintest, wir nennten schön nur das Zweckmässige, die weibliche Brust z. B. nur, weil wir ihr ansähen, dass sie gut zum Säugen sei. Ich muss gestehen, dass in diesem Punkte mein Causalitätsbedürfniss einer grösseren Resignation fähig ist als das Deinige.“
(Seite 85)

Helmholtz beantwortete alle diese Einwände später in seiner Rede „Ueber die Thatsachen der Wahrnehmung“ mit den Worten:

„Für eine grosse Zahl von Physiologen, deren Ansicht wir als die nativistische bezeichnen können, im Gegensatz zur empiristischen, die ich selbst zu vertheidigen gesucht habe, erscheint die Vorstellung einer erworbenen Kenntniss des Gesichtsfeldes unannehmbar, weil sie sich nicht klar gemacht haben, was doch am Beispiel der Sprache so klar vorliegt, wie viel die gehäuften Gedächtnisseindrücke zu leisten vermögen. Es sind deshalb eine Menge verschiedener Versuche gemacht worden, wenigstens einen gewissen Theil der Gesichtswahrnehmungen auf einen angeborenen Mechanismus zurückzuführen in dem Sinne, dass bestimmte Empfindungseindrücke bestimmte fertige Raumvorstellungen auslösen sollten. Aber die nativistischen Hypothesen erklären erstens nichts, sondern nehmen nur an, dass das zu erklärende Factum bestehe, zweitens erscheint die Annahme sämmtlicher nativistischer Theorien, dass fertige Vorstellungen von Objecten durch den organischen Mechanismus hervorgebracht werden, viel bedenklicher, als die Annahme der empiristischen Theorie, dass nur das unverstandene Material von Empfindungen von den äusseren Einwirkungen herrühre, alle Vorstellungen aber daraus nach den Gesetzen des Denkens gebildet werden. Drittens sind die nativistischen Annahmen unnöthig.“

Für Helmholtz war es bei Aufstellung seiner empiristischen Hypothese um eine Reihe thatsächlicher Fragen zu thun, auf die bestimmte Antworten zu geben waren, und er war bei der Untersuchung des gesetzlichen Verhaltens objectiver Thatsachen zu dem Ergebniss gelangt, dass die Sinnesempfmdungen nur Zeichen für die Beschaffenheit der Aussenwelt sind, deren Deutung durch Erfahrung gelernt werden muss. Es gab ihm für die unentwegte Verfechtung seiner Hypothese die Thatsache eine grosse Zuversicht, dass (Seite 86) sich dieselbe mit Müller's Theorie der specifischen Energien durchaus vereinbar erwies. Wenn auch das Signal der irgendwie afficirten Sehnerven immer dasselbe bleibt, so ist das Gehirn doch gewohnt, von dem durch Aetherschwingungen gegebenen Signal auf Licht zu schliessen, und wird, auch wenn die Affection durch einen Stoss vor sich ging, sich erst nach der Empfindung von Licht des Irrthums bewusst werden. Aber den oben hervorgehobenen Charakter einer Hypothese hat Helmholtz stets betont, indem er wiederholt ausgesprochen, dass ihm bisher keine Thatsache bekannt geworden sei, welche mit derselben unvereinbar wäre, und dass für dieselbe nichts weiter anzunehmen ist, als die durch tägliche Erfahrung ihren Gesetzen nach bekannten Associationen der Anschauung und Vorstellung. Er kann auch den Einwand nicht als berechtigt anerkennen, dass seine Hypothese bisher noch nicht eine vollständige Erklärung der psychischen Thätigkeiten zu geben im Stande war, da auch keine Form der nativistischen Theorien es vermeiden konnte, auf die Wirksamkeit derselben zurückzugreifen. Er konnte sich in seinem weiteren Leben nie mehr von der Erforschung dieser erkenntnisstheoretischen Probleme lossagen.

„Das Interesse für die erkenntnisstheoretischen Fragen war mir schon in der Jugend eingeprägt, wo ich oft meinen Vater, der einen tiefen Eindruck von Fichte's Idealismus behalten hatte, mit Collegen, die Hegel und Kant verehrten, habe streiten hören.“

Aber er blieb sich auch stets dessen bewusst, dass er den Widerspruch der Philosophen immer von Neuem hervorrufen würde.

„Auf diese Untersuchungen stolz zu werden, habe ich bisher wenig Veranlassung gehabt. Denn auf je einen Freund habe ich dabei etwa zehn Gegner gefunden; namentlich habe ich immer alle Metaphysiker, auch die materialistischen, und alle Leute von verborgenen metaphysischen Neigungen dadurch aufgebracht.“
(Seite 87)

Aber er fand auch unter den besten und ihm befreundeten Physiologen bisweilen eine nur sehr bedingte Zustimmung, indem diese nicht nur, wie du Bois, durch ein gewisses nativistisches Gefühl geleitet, der consequenten Durchführung der empiristischen Hypothese unsympathisch gegenüberstanden, sondern Einwendungen deshalb gegen dieselbe machten, weil sie ihnen mit der Existenz der Sinnestäuschungen nicht vereinbar erschien. Von diesem Standpunkte aus erhob auch Donders Bedenken gegen die Helmholtz'sche Hypothese, auf welche dieser am 26. Mai 1868 erwidert:

„Ich halte die Veröffentlichung sorgfältig beobachteter Studien über die Projection von Schielenden mit Berücksichtigung der Eventualität, dass dieselbe vielleicht der Natur der Sache nach gar nicht fest ist, für sehr wichtig und wünschenswerth. Die bisherigen Angaben darüber scheinen mir durchaus von vorgefassten Meinungen beeinflusst zu sein. Und obgleich Sie vorläufig noch selbst in den Klauen der nativistischen Theorie stecken, so habe ich zu Ihnen doch das Vertrauen — wie auch Ihre Versuche über Stereoskopie bei elektrischer Beleuchtung zeigen — dass Ihnen die Thatsachen höher stehen, als die Theorie. Ich weiss übrigens sehr wohl, dass meine empiristische Theorie vorläufig nur eine der möglichen Ansichten der Sache ist, und vielleicht findet man bald Thatsachen, die sie zu einer unmöglichen machen; wenn das geschieht, so hat sie ihren Nutzen gehabt und kann abtreten. Für sehr wahrscheinlich halte ich das freilich nicht, was die Vorstellungen und das Wahrnehmen betrifft. Was die Bewegungstriebe betrifft, so ist es mit denen etwas anderes. Deren sind wirklich und unleugbar beim Neugeborenen wie beim Erwachsenen welche da, und die Möglichkeit, dass gewisse Gruppenbewegungen von vornherein leichter eintreten, als andere, ist denkbar; das mag auch bei den Augenbewegungen der Fall sein. Aber bei diesen von Zwang zu reden, geht doch nicht an. (Seite 88) Was ich wünschte, wäre nur der Beweis, dass eine natürliche Begünstigung dieser Bewegungen besteht. Der heillosen Hypothesenwirthschaft gegenüber über nie gesehene Nervenverbindungen mit allen möglichen undenkbaren Eigenschaften, die seit einer langen Reihe von Jahren die Fortschritte in der Physiologie der Centraltheile hemmt, glaubte ich aber, sei es wichtig, den Leuten vor Augen zu stellen, wie viel Hypothesen sie gemacht hätten unnöthiger Weise, und lieber die entgegengesetzte Ansicht eventualiter zu übertreiben, als in dem bisherigen faulen Schlendrian zu bleiben. Reflexbewegung, so kann man jetzt definiren, ist alles in der Physiologie, was man nicht erklären kann. Es sind die Nachtheile übertriebener materialistischer Metaphysik, von der die Leute zu den Thatsachen zurückgerufen werden müssen.“

Gerade, weil Helmholtz die aus der Existenz der Sinnestäuschungen hergenommenen Einwände gegen seine Hypothese entkräften wollte, hatte er für alle Täuschungen eine Regel darin aufgestellt, dass wir stets solche Objecte vor uns zu sehen glauben, wie sie vorhanden sein müssten, um bei normaler Beobachtungsweise dieselben Netzhautbilder hervorzubringen; und er hatte für diese Vorgänge die Bezeichnung der unbewussten Schlüsse gewählt, bei welchen nur statt der Worte die Empfindungen und die Erinnerungsbilder derselben treten, die aber dieselbe geistige Thätigkeit bedingen, wie die gewöhnlichen Schlüsse. Selbst die Anhänger der nativistischen Theorie müssen, wie er besonders hervorhebt, eingestehen, dass die eigentliche Vollendung und Verfeinerung der sinnlichen Anschauung auf der Erfahrung beruht.

  Fortsetzung des Kapitels


S. 68 - 88 aus:
Koenigsberger, Leo: Hermann von Helmholtz. - Braunschweig : Vieweg
Band 2. - 1903


Letzte Änderung: 24. Mai 2014     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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