Leo Koenigsberger: Hermann von Helmholtz

Helmholtz als Professor der Anatomie und Physiologie in Bonn
von Michaelis 1855 bis Michaelis 1858


Anfang des Kapitels

Heidelberger Berufungsverhandlungen

Kaum hatte sich nun Helmholtz in die Bonner Verhältnisse eingelebt, als bereits wieder Versuche gemacht wurden, ihn in einen neuen Wirkungskreis überzuführen. Im April 1857 theilte ihm Bunsen mit, „dass das Baden'sche Ministerium Willens sei, bedeutende Opfer zu bringen, um einen ordentlichen Physiologen nach Heidelberg zu ziehen“; die Auswahl der Candidaten sei lauter physikalisches Vollblut: Brücke, Ludwig, du Bois, Helmholtz; die Facultät würde wohl die beiden letzten vorschlagen, und er bitte als Mitglied des Senats Helmholtz um Auskunft über seine jetzige Stellung und die Bedingungen, die er bei einer Berufung nach Heidelberg stellen würde. In der Antwort vom 16. Mai 1857 erklärte dieser, dass er für den Augenblick eine gewisse Verpflichtung persönlicher Dankbarkeit gegen das preussische Ministerium hätte, welches ihn um der Gesundheit seiner Frau willen hierher versetzt habe, und die Bonner Zustände seien im Augenblicke noch zu unentwickelt, als dass ihn das viele Mangelhafte darin für den Augenblick berechtigte, sich über jene Rücksicht fortzusetzen.
„Schliesslich muss ich noch bemerken, dass du Bois-Reymond wahrscheinlich sehr gern und unter mässigen Bedingungen nach Heidelberg geht. Derselbe hat sich bei Gelegenheit meiner Versetzung nach Bonn äusserst rücksichtsvoll gegen mich verhalten, insofern er selbst wohl eine Zeit lang Lust hatte herzugehen, und es auch durch Humboldt durchgesetzt haben würde. Humboldt erklärte mir damals, er würde mein Gesuch nur dann unterstützen, wenn du Bois sich nicht bewerben wolle; darauf erklärte dieser, dass er auf die Bewerbung verzichte. Da ich nun glaube, dass für du Bois ein anständiger Wirkungskreis als Professor ord. viel wünschenswerther ist, als eine Verbesserung meiner eigenen Lage, so muss ich auf ihn die gleiche Rücksicht nehmen. Ich möchte Sie also bitten zu bewirken, dass erst du Bois gefragt wird, weil ich für den Fall, dass er entschieden wünschen sollte, nach Heidelberg zu gehen, ihm nicht hinderlich zu sein entschlossen bin.“

Er theilt am 18. Mai du Bois den Inhalt des an Bunsen gerichteten Schreibens mit, klagte über die Aussichtslosigkeit auf den Bau eines Anatomiegebäudes und über die Verhältnisse in der Facultät: „Busch und ich sind der compacten Reactionspartei gegenüber machtlos und widerstreben vergebens dem Systeme wissenschaftlicher Polizei, welches hier namentlich gegen die concurrirenden Privatdocenten geübt wird. Auch der Studienplan der Mediciner ist gründlich verfahren … Es bleibt hier nichts übrig, als dass man sich entschliesst, die Welt laufen zu lassen, wie sie läuft; dann kann ich ein ausreichendes Einkommen in der reizenden Umgebung behaglich verzehren, und mir auch Zeit zum Arbeiten verschaffen.“ Als du Bois am 24. Mai Helmholtz mittheilte, dass er fest entschlossen sei, nach Heidelberg zu gehen, wenn ihm nicht in Berlin nach allen Richtungen hin befriedigende Anerbietungen gemacht würden, konnte ihm Helmholtz schon am 26. Mai melden, dass der Prodecan der medicinischen Facultät in Heidelberg bei ihm gewesen sei, um mit ihm wegen Uebernahme der physiologischen Professur zu verhandeln, dass er ihm jedoch dieselbe Antwort wie Bunsen gegeben habe.

Zugleich machte er du Bois aber auch eine interessante wissenschaftliche Mittheilung, aus welcher wir entnehmen können, dass er schon in dieser Zeit mit den erst 13 Jahre später veröffentlichten elektrodynamischen Untersuchungen beschäftigt gewesen ist, indem er hinzufügt:

Weber's Grundgesetz kann kein definitives Grundgesetz sein; für geschlossene Leiter stimmt es mit Neumann's Gesetzen und der Wirklichkeit. Für ungeschlossene Ströme differirt es mit Neumann's Gesetzen, welche letztere dem Princip der Erhaltung der Kraft genügen, aber es fehlt die Entscheidung durch den Versuch, die auch sehr schwer zu gewinnen sein wird.“

Am 20. Juni benachrichtigt Kirchhoff seinen alten Freund Helmholtz, dass derselbe allein von der Facultät vorgeschlagen sei, und bittet ihn, falls er den Ruf ablehnen sollte, sich für die Berufung du Bois' beim Minister auszusprechen. Am 14. Juli konnte Helmholtz du Bois benachrichtigen, dass, nachdem er in einem ausführlichen Berichte Johannes Schulze die Sachlage dargestellt, ihm das Preussische Ministerium ausser einer Gehaltszulage von 400 Thalern eine erneute Zusicherung für den Neubau der Anatomie gegeben, und er in Folge dessen nach Heidelberg angezeigt habe, dass er definitiv entschlossen sei, in Bonn zu bleiben.

Helmholtz wurde noch im Juli durch den Besuch seines Vaters und seiner Schwester Julie erfreut. Er musste es nur bedauern, dass sich die Hoffnung seines alten Vaters, mit seinem Freunde Fichte zusammenzukommen, nicht erfüllen sollte; ein schweres Unglück, welches dessen Sohn getroffen, verhinderte das Wiedersehen der Freunde in Bonn. Helmholtz machte sodann eine mehrwöchentliche Reise in die Schweiz, deren äussersten Punkt der Gorner Grat bildete. Wieder sendet er seiner Frau schöne und enthusiastische Schilderungen, kehrte jedoch bereits am Ende des August wieder nach Bonn zurück, um die nöthigen Vorbereitungen zu der Ende September dort tagenden Naturforscherversammlung zu treffen, über deren Verlauf er seinem Vater auf dessen Wunsch am 3. October berichtet:

„… Bis vorgestern ist es bei uns immer noch etwas unruhig zugegangen. Von Eurer Abreise ab sind fortdauernd Fremde hier gewesen, die uns mehr oder weniger in Beschlag nahmen, und uns nicht zur Besinnung kommen liessen. Die Naturforscherversammlung selbst war sehr besucht (gegen 1000 Mitglieder), es war eine Menge von interessanten und bedeutenden Leuten hier, — wenn auch die bedeutendsten meist fehlten — mehr, als man verbrauchen konnte, so dass ich manchen, mit dem ich gern verkehrt hätte, kaum gesehen habe. So war die Versammlung wohl sehr interessant, aber auch eine wahre Hetzjagd für mich, obgleich ich von den meisten Vergnügungspartien zurückgeblieben bin. Auch Olga war ganz angegriffen, weil sie in meiner Abwesenheit eine Menge Besuche abgefangen hatte, die sich drängten. Von unseren Stuben waren nur zwei besetzt; es wohnten bei uns Professor Dove aus Berlin und v. Wittich aus Königsberg. Beide waren aber ebenso wie ich fast den ganzen Tag aus. Wittich und ich assen meist zu Hause. Bei der geistigen Anstrengung hätte ich grosse Gastmähler nicht aushalten können. Gleich das erste, das ich mitmachte, machte mich für den folgenden Tag caput. So ist bei uns also nicht viel getafelt worden, nur einen Abend hatten wir zum Thee einige Herren bei uns. Aber vor und nach der Versammlung haben wir allerdings viel Kaffee und Thee ausgeschenkt an die Vor- und Nachläufer.

Ich selbst habe in einer gemeinsamen Sitzung in der Reitbahn einen Vortrag über das Telestereoskop gehalten, und hatte zwei solche Instrumente verschiedener Art erst im Saale, nachher in der Anatomie, zuletzt in meiner Wohnung aufgestellt, und hatte viel zu thun, um die Leute, die es sehen wollten, alle dazu anzuleiten. In der anatomischen Section, die recht gut zusammengesetzt war und stark besucht wurde, habe ich Versuche mit dem Myographion über Zeitmessung an den Nerven ausgeführt und erklärt, weil diese Versuche noch wenig gesehen und wiederholt sind. Dann habe ich einen kürzeren Vortrag über Bewegung der Gehörknöchelchen mit Vorzeigung besonderer Präparate ebenda gehalten. In der physikalischen Section habe ich über Combinationstöne gesprochen. Ausserdem habe ich mich an der Debatte wegen der Geldverwendung betheiligt, wobei ich freilich in der Minorität blieb, wie Du aus den Zeitungen schon ersehen hast, aber meine Minorität besass desto mehr Autorität. Auch hatte ich eine unerwartete Genugthuung. Unmittelbar nachher bekam ich aus München einen Brief im Auftrage des Königs von Bayern, welcher gewillt ist, jährlich eine beträchtliche Summe genau zu dem Zwecke zu verwenden, den ich der Naturforscherversammlung vorgeschlagen hatte, nämlich Geld zu geben für wissenschaftliche Untersuchungen, welche die Kräfte von Privatpersonen übersteigen, und welcher Vorschläge über dessen Verwendung zu haben wünscht. Von den Vergnügungspartien habe ich allein nur die Fahrt nach Coblenz und mit Olga das Concert mitgemacht. Die erstere Fahrt war vom Wetter sehr begünstigt, und die Beleuchtung der Apollinariskirche machte sich wunderschön. Der Prinzessin von Preussen bin ich auch als Erfinder des Augenspiegels vorgestellt worden, worüber sie einige huldvolle Bemerkungen machte. Uebrigens war bei allen diesen Partien ein furchtbares Gedränge und grosse Noth, etwas zu essen zu erhalten. Das Concert, welches die Stadt Bonn gab, war die Perle der Festlichkeiten. Es wurden nur Beethoven'sche Sachen aufgeführt.“

Die allgemein interessanten akustischen Untersuchungen waren auch zur Kenntniss des Königs von Bayern gelangt, und Helmholtz erhielt die Aufforderung, einen kurzen Bericht über die Resultate seiner Forschungen auf dem Gebiete der Tonlehre zum Zwecke der Kenntnissnahme von Seiten des Königs zu verfassen. Am 7. Februar 1858 war ihm ein Schreiben des bayerischen Ministers v. Zweel zugegangen:

„Ew. Hochwohlgeboren schätzbares Schreiben vom 25. v. M. habe ich zu empfangen die Ehre gehabt und den Inhalt desselben bereits auch zur Allerhöchsten Kenntniss Sr. Majestät des Königs gebracht. Da sich Allerhöchstderselbe für Ihre merkwürdigen Untersuchungen interessiren, so wäre es mir sehr angenehm, wenn mir Ew. Hochwohlgeboren über den Fortgang derselben von Zeit zu Zeit, etwa von drei zu drei Monaten eine, wenn auch ganz kurze Mittheilung machen würden. Ich würde sodann diese Relationen meinem allergnädigsten König und Herrn zur Allerhöchsten Einsicht vorlegen. Indem ich um thunlichste Berücksichtigung dieses Wunsches bitte, benutze ich …“

Und bereits am 15. April 1858 schreibt Helmholtz an du Bois:

„Auf Kosten des Königs von Bayern habe ich mir jetzt einen complicirten Apparat zusammengebaut, um Stimmgabelschwingungen durch Elektromagnetismus nach Willkür zu dirigiren, Intensität und Phasenunterschiede vollständig zu beherrschen, und will damit Klangfarben zusammensetzen.“

Die Bewilligung des Königs für diesen Apparat betrug 400 Gulden.

Nachdem er im Wintersemester seine Vorlesungen und wissenschaftlichen Arbeiten wieder aufgenommen, wandte sich Bunsen am 15. December 1857 nochmals mit der Mittheilung an ihn, dass der badische Ministerialreferent in Universitätssachen die Hoffnung noch immer nicht ganz aufgegeben habe, Helmholtz für Heidelberg zu gewinnen, da der Neubau des Instituts in Bonn wiederum verschoben, und somit ein Theil der Gründe seiner Ablehnung weggefallen zu sein scheint, und dass derselbe deshalb bisher auf alle Schritte zu einer anderweitigen Besetzung verzichtet habe; die inzwischen vorgerückte Zeit mache aber eine Gewissheit sehr wünschenswerth, und er frage ihn in dessen Auftrage an, ob das Ministerium in erneute Unterhandlungen mit ihm treten dürfe. Bunsen hebt die grosse Bedeutung seiner Berufung für die Heidelberger Universität hervor und macht in Betreff des Neubaues des Bonner Laboratoriums seine eigenen Erfahrungen in Breslau geltend.

Helmholtz berichtet mit Bezug hierauf am 19. December seinem Vater: „dass die Heidelberger wieder mit mir Unterhandlungen angeknüpft haben, werde ich Dir geschrieben haben; sie sind noch in Schwebe, da ich wegen des Neubaues der Anatomie keine genügende Zusicherung bisher habe erhalten können.“ Und sein Vater räth ihm dringend, nach Heidelberg zu gehen:

„Für Dein wissenschaftliches Leben und die Befriedigung in Deinem Amte öffnen sich offenbar in Heidelberg ganz andere Aussichten als in Bonn; auch kann selbst die Beschränkung auf die Physiologie dort Deiner eigentlichen wissenschaftlichen Aufgabe nur förderlich sein; Deine Verpflichtungen gegen den Staat werden aber bei Deiner Lebensstellung von denen gegen die Wissenschaft überboten.“

So nahm nun Helmholtz den Ruf nach Heidelberg an; am 27. Februar 1858 schreibt ihm Kirchhoff: „Ganz Heidelberg jubelt darüber, dass Sie herkommen, und ich hoffe sicher, dass auch Sie Sich hier behagen werden“; und Bunsen meldet am 28. Februar: „Eine recht arge Verbrennung der rechten Hand lässt mich nur mit Mühe die Feder führen, so dass ich Ihnen nur mit zwei Worten sagen kann, wie sehr wir uns alle freuen, dass Sie kommen.“ Schon am 5. März konnte Helmholtz du Bois anzeigen, dass er soeben sein Abschiedsgesuch an Raumer gerichtet habe, da nach seiner ersten Ablehnung des Rufes nach Heidelberg der Senat und Minister es nicht mehr für nöthig erachtet hätten, irgend etwas für ihn zu thun und die gegebenen Versprechungen zu halten. Noch an demselben Tage schreibt er seinem Vater:

„… Endlich ist es so weit gekommen, dass ich die Berufung nach Heidelberg angenommen habe. Ich habe heute schon mein Entlassungsgesuch an den Minister v. Raumer eingereicht. Die Verhandlungen über den Neubau der Anatomie sind erst im Preussischen Ministerium ganz ohne Grund vier Monate liegen geblieben, endlich ist wieder eine unbestimmte, verschiebende Antwort gekommen, und die Stimmung des akademischen Senats, welcher durch Verkauf einiger der Universität gehöriger Grrundstücke einen Theil der Kosten decken soll, ist ganz unzuverlässig, so dass jetzt allerdings eine gewisse Wahrscheinlichkeit für den Bau der Anatomie vorliegt, aber keinerlei Sicherheit. Dagegen erhalte ich in Heidelberg eine für meine wissenschaftliche Thätigkeit in jeder Beziehung bequeme Stellung. Ich war in der Fastnachtszeit, wo hier am Rhein einige Tage Ferien gemacht werden müssen, selbst in Heidelberg, um mir die Gelegenheiten anzusehen, und schliesslich auch in Carlsruhe. Die vorhandenen älteren Localien in Heidelberg waren nicht zu gebrauchen, ich musste den Neubau eines physiologischen Instituts fordern, worauf der Minister indessen ohne grosse Schwierigkeiten einging.“ Hocherfreut antwortet ihm der Vater am 9. März:

„ … Ich freue mich Deines grossen Glückes, dass Du Dir einen Ruf erwerben konntest, der Dir in so jungen Jahren, noch dazu in dem Gelehrtenberuf, eine so seltene und ausgezeichnete Stellung verschafft. Ich habe Dir schon früher geschrieben, dass meiner Ueberzeugung nach Dir die Stellung in Heidelberg in jeder Beziehung vorteilhafter sein wird, als die in Bonn, wo mir der Geist der gelehrten Herren wenig und lange nicht so wie in Königsberg gefallen hat. Die Nähe des Hofes und der vornehmen Welt ist einmal der Gelehrtenwelt nicht günstig, die durch ihre Versenkung in die Wissenschaft zu sehr zum Idealisiren geneigt und zu wenig welterfahren ist; so lassen sie sich nur zu leicht von dem Glanze des Scheines verblenden. Wenn mich also dieser Theil Deines Briefes mit Freude und Stolz erfüllt hat, so würde mich sein zweiter Inhalt, die Krankheit Deiner theuren Olga, noch mehr betrüben, wenn ich nicht des Amasis gedächte, der des Falles des Polykrates gewiss war, weil die Götter ihm bis dahin ein ungetrübtes Glück gegönnt hatten. Wen Gott liebt, den prüft er; ein ungetrübtes so grosses Glück macht uns fast unvermeidlich übermüthig; und so mag denn auch Deine liebe Olga in ihren Schmerzen der vielen Gnade gedenken, die ihr Gott in der Liebe und Ehre ihres Mannes, in ihrer Mutter, in ihren holden Kinderchen und in der glücklichen Lage geschenkt hat, und geduldig die Prüfung hinnehmen, um durch ihr standhaftes Ertragen sich des ihr geschenkten Glückes immer würdiger zu zeigen. Die ersten warmen Sommerlüfte werden sie gewiss von ihrem Leiden befreien, die hoffentlich in dem so viel südlicher gelegenen und darum sicher milderen Heidelberg und seinen sonnigen Thälern, da ja in der Nähe alle die berühmten Heilörter liegen, nicht wiederkehren werden. Dir bleibt freilich nun für die Zukunft die erhöhtere Aufgabe, Deinem grossen Rufe zu genügen und dadurch den Neid über Dein Glück zu besiegen.“

Nachdem aber Helmholtz noch bis in den April hinein seine Entlassung aus dem preussischen Staatsdienste nicht erhalten, musste er seine Uebersiedelung nach Heidelberg auf den Herbst verschieben. Da traf am 28. April, nachdem er eben von einem Besuche bei Donders in Utrecht zurückgekehrt war, ein Schreiben du Bois' bei ihm ein, welches ihm den Tod von Johannes Müller meldete, und zugleich aus guter Quelle die Mittheilung brachte, dass der Prinz von Preussen in scharfen Ausdrücken Bericht über die Gründe des Abganges von Helmholtz gefordert und die Absicht ausgesprochen habe, sich persönlich nach Baden hin zu verwenden, um Helmholtz dort seines Contractes entbinden und ihm zu neuen Verhandlungen mit der diesseitigen Regierung Raum geben zu lassen. Du Bois schrieb diese Wendung dem Einflusse von Curtius zu. Am 21. Juni meldet Helmholtz seinem Freunde Donders:

„Ich weiss noch nicht, ob Sie uns hier oder in Heidelberg treffen werden. Mit uns ist noch Alles ungewiss. Der Prinz von Preussen, welcher gegenwärtig die Regierung führt, hatte sich schon bei einigen Gelegenheiten sehr missbilligend über die Art geäussert, wie in der Verwaltung der preussischen Universitäten die wissenschaftlichen Rücksichten den kirchlichen und politischen nachgesetzt worden sind, als ihm mein Entlassungsgesuch vorgelegt wurde. Er nahm die Gelegenheit wahr, sich noch einmal darüber gegen den Minister zu expectoriren und bot an, die Sache durch seine eigene Vermittelung beim Grossherzog von Baden rückgängig zu machen. Der Minister soll anfangs nicht haben darauf eingehen wollen, weil in diesem Verfahren ein Vorwurf gegen ihn selbst lag. Schliesslich aber, als J. Müller gestorben war, und nun Noth an geeigneten Candidaten eintrat, kam an mich vom Ministerium die Anfrage, ob ich nicht unter den mir in Heidelberg gebotenen Bedingungen hier bleiben wollte.“

Nun begannen jene Verhandlungen, die aus Unkenntniss oder Missgunst so häufig eine falsche Beurtheilung gefunden und von denen Helmholtz selbst in einem an seinen Vater am 23. Juli gerichteten Schreiben, genau übereinstimmend mit den an du Bois darüber gesandten Berichten, die nachfolgende Darstellung giebt:

„… Wir sind jetzt endlich so weit, dass eine Wohnung in Heidelberg gemiethet ist und wir uns darauf vorbereiten können, zum Anfang des September hinüber zu ziehen. Von den zu Pfingsten wieder begonnenen Unterhandlungen hat Olga Euch geschrieben. Wie ich jetzt aus guter Quelle weiss, waren sie wirklich durch den Wunsch des Prinzen von Preussen veranlasst, was aber damals mir gegenüber durchaus abgeleugnet worden ist. Ich hatte der Badischen Regierung einmal zugesagt, die Stelle in Heidelberg zu übernehmen, sehr drängende Interessen, um Bonn vorzuziehen, hatte ich durchaus nicht; wenn es auch im Allgemeinen mein Grundsatz ist, da zu bleiben, wo es mir in vielen Beziehungen gut geht, und nicht das Bekannte und Erträgliche leicht mit Unbekanntem von lockenderem Anschein zu vertauschen, wenn überdies Olga's Kränklichkeit eine Vermeidung des Umzuges wünschen liess, auch vielleicht die pecuniären Einnahmen sich hier, wenigstens anfangs, grösser gestellt hätten, als in Heidelberg, so musste ich mir doch sagen, dass es den Leuten dort offenbar darum zu thun sei, alles anzuwenden, was zur Beförderung des wissenschaftlichen Gedeihens der mir angebotenen Stellung nöthig ist, während man mir in Preussen aus persönlichen Rücksichten jetzt, was ich wünschte, versprochen, und das Versprochene nachher auch wohl dem Wortsinne nach ausgeführt haben würde, was sich aber später noch etwa als nothwendig herausgestellt hätte, mir wäre verweigert worden, wie jetzt Alles hier für die Universität nöthige abgeschlagen wird. Ich hatte also gar keinen Grund, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, und mich der Preussischen Regierung zu Liebe vor der Badischen zu compromittiren.

Anfangs suchte man mich dahin zu drängen, mein Wort einfach zu brechen, und erzählte mir eine Menge Geschichten von Professoren, die ihr Wort gebrochen hätten. Ich antwortete darauf etwas scharf und entschieden ablehnend. Nachher sollte ich den Antrag bei der Preussischen Regierung stellen, sie möchte mein Gesuch, von dem gegebenen Worte loszukommen, bei der Badischen unterstützen; es wurde mir eine in diesem Sinne abgefasste Erklärung vorgelegt, die ich gleich auf der Stelle unterschreiben sollte, weil sie nach Berlin telegraphirt werden müsse, und die höchste Eile — welche sich nachher als fingirt erwies — nöthig sei. Ich wies dies zurück, und machte eine andere Erklärung, die ich unterschrieb, aus welcher Alles, was sich auf persönliche Wünsche bezog, weggelassen war, und es ganz der Regierung zugeschoben war, in Baden zu erwirken, dass ich meines Wortes entbunden werde. Dann, erklärte ich, wäre ich bereit, in Bonn zu bleiben. Ich setzte dabei deutlich und ausführlich meinen Standpunkt aus einander. Ich glaubte eigentlich nicht, dass man daraufhin Lust haben würde, zu unterhandeln, und äusserte auch ganz offen meine Meinung, dass ich nicht wüsste, warum die Badenser nachgeben sollten; aber unsere preussischen Beamten haben eine viel zu hohe Meinung von der Grösse ihres Ministers, als dass sie glauben könnten, ein kleinerer deutscher Staat würde sich nicht sogleich seinen Wünschen fügen.

Nachdem die mündlichen Verhandlungen vorüber waren, erwartete ich, dass ich aufgefordert werden würde, schriftlich meine Forderungen auszusprechen; dabei wollte ich noch einmal dem Minister gegenüber auseinandersetzen, wie ich mich zu den Verhandlungen verhalten müsste; aber zu meiner Verwunderung geschah nichts dergleichen.

Ich musste nun nach Heidelberg hin anzeigen, dass ich nicht, wie verabredet, in den Pfingstferien kommen könne, um die Einrichtung des provisorischen physiologischen Instituts zu besprechen. Gleichsam als Antwort darauf erhielt ich mein Anstellungspatent, welches ich eigentlich erst nach erhaltenem Abschied bekommen sollte, und durch dessen unbedingte Annahme ich auch juristisch gebunden gewesen wäre. Ich schrieb also an den Badischen Minister von Stengel und benachrichtigte ihn kurz von den inzwischen erfolgten Verhandlungen, wobei ich natürlich nicht Grund hatte, das zu verschweigen, was in der von mir eingenommenen Stellung für Baden günstig war. Ich sprach aus, dass ich das gegebene Wort halten würde, wenn die dortige Regierung darauf Werth lege, auch dass ich es nicht für schicklich befunden hätte, meine eigenen Privatwünsche bei der Verhandlung geltend zu machen.

Nun scheint man von preussischer Seite die Sache so dargestellt zu haben, als hätte ich die Regierung angefleht, mich loszumachen, worauf die Badenser, sich auf meinen Brief berufend, wieder ihrerseits betont haben, dass ich entschlossen zu sein schiene, unter allen Umständen nach Heidelberg zu kommen, und das Ansinnen der Preussischen Regierung abschlugen. Auch scheint der Minister v. Raumer von den mit mir geführten mündlichen Unterhandlungen ein nicht ganz richtiges Bild gehabt zu haben, denn ich erhielt einen Brief, worin er mich aufforderte, zu erklären, wie das in der Badischen Antwort angegebene mit meiner früheren schriftlichen Erklärung stimmte. Glücklicherweise konnte ich ihm noch eine genaue Abschrift meines Briefes an Herrn v. Stengel schicken, und setzte ihm nun genau aus einander, was ich früher hier bei der mündlichen Verhandlung auseinandergesetzt habe. Ein solches Factum, wie die Abänderung der oben erwähnten schriftlichen Erklärung, wodurch meine ganze Stellung der Hauptsache nach festgestellt ist, kann man mir zum Glück nicht ableugnen. Uebrigens bat ich schliesslich noch einmal um meinen Abschied, weil es mich schwer ärgerte, dass ich als Dank für meine Nachgiebigkeit gegen die vaterländische Regierung solche Verdächtigungen einerntete.

Nachdem ich hierauf 14 Tage lang keine Antwort erhalten hatte, und von Heidelberg aus gedrängt wurde, mir eine Wohnung zu miethen, fragte ich bei J. Schulze an, und bat ihn, mich wissen zu lassen, ob der Minister noch unterhandeln wolle mit Baden. Ich erhielt in einem freundlich geschriebenen Briefe die Antwort, dass dies aufgegeben sei, und mein Abschiedsgesuch im Cabinet liege.

Darauf hin habe ich denn eine Wohnung an der Promenade in Heidelberg gemiethet, freundlich in der Nähe des Bahnhofes gelegen, mit freier Aussicht auf die Berge, mit Gärtchen, Parterre, hübsch eingerichtet, freilich nicht so gross wie unsere jetzige.“

So musste sich denn Helmholtz schon nach dreijähriger Wirksamkeit von Bonn lossagen.

„Diese drei Jahre“, so sagt seine Schwägerin, „waren eine Fortsetzung des Königsberger Anfangs in Ehe und Leben, nur dass die äusseren Verhältnisse ein breiteres Sichausleben gestatteten, und dass die unbeschreiblich reizende Natur der Landschaft einen ganz besonders poesievollen Hintergrund für das Thun und Treiben der Tage bildete. Auch entwickelten sich die beiden Kinder lebendig und eigenthümlich, und Helmholtz war ein überaus liebevoller Vater. Freunde und geselligen Verkehr gab es in Fülle. Ich nenne nur die Familien Heine, Busch, Naumann, Otto Jahn, den Mozart-Biographen, den alten Arndt, der besonders Olga lieb hatte, den Chirurgen Weber, englische Familien und vorübergehend, aber höchst bedeutsam, Professor Donders aus Utrecht, der ein warmer Freund der Gatten wurde. Die hohe Terrasse am Rhein mit dem Blick auf den Drachenfels, wo Helmholtz's in der alten Vinea Domini wohnten, hat viel frohe und kluge Menschen versammelt gesehen, und wenn der Garten Donders zu Ehren mit farbigen Lampen illuminirt wurde, und die Kinder dazu glückselig umhersprangen, da war man erfreut bei dem Anblick dieses sonnigen Familienglückes.“

„Unauslöschlich“, schreibt Frau Geheimrath Busch, eine Tochter Mitscherlich's und die Frau des mit Helmholtz eng befreundeten Chirurgen, „steht noch jetzt nach 40 Jahren der geistreiche Kopf vor meinen Augen mit dem klaren, tiefen Blick, mit seinem klassisch ruhigen, würdigen Ausdruck. Er war meist heiter und theilnehmend, ja auch schalkhaft und hatte eine grosse Freude an Leseabenden mit vertheilten Rollen, bei welchen er mit Vorliebe in Shakespeare oder anderen klassischen Stücken Charakterrollen übernahm. Es war ein fester kleiner Kreis, bei welchem das Helmholtz'sche Ehepaar den Vorsitz übernahm; der Universitätsrichter Wildenow und Frau, wir beide und ausserdem zwei jüngere Herren Prof. Otto Weber und Dr. med. Carl Binz bildeten die vergnügte Runde. Wohl konnte Helmholtz manches Mal still und in Gedanken versenkt sein, ich habe ihn aber nie verstimmt oder unfreundlich gesehen.“

  Fortsetzung des Kapitels


S. 293 - 307 aus:
Koenigsberger, Leo: Hermann von Helmholtz. - Braunschweig : Vieweg
Band 1. - 1902


Letzte Änderung: 24.05.2014     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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