Der 80. Geburtstag von Leo Koenigsberger

Mitten im ersten Weltkrieg am 15. Oktober 1917 wurde der langjährige Heidelberger Mathematikprofessor Leo Koenigsberger 80 Jahre alt. Er selbst schrieb in seinen Erinnerungen Mein Leben:
(Seite 209) Zu meinem 80. Geburtstage lehnte ich alle persönlichen Glückwünsche ab; es wäre sinnlos gewesen, das lange Leben eines körperlich und geistig alternden Greises feiern zu lassen, während draußen auf den Schlachtfeldern die Blüte unserer Nation hingemordet wurde.

Entsprechendes wird aus dem Verband Alter Herren des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Vereins zu Heidelberg berichtet:

Inbetreff der Feier des 80. Geburtstags unseres hochgeschätzten Ehrenmitglieds Sr Excellenz Geh. Rat Königsberger (15. Okt. 1917) war ich mit Herrn Geh. Hofrat Prof. Dr. Stäckel - Heidelberg in Verbindung getreten. Unser A. H. L. Schlesinger, Prof. a. d. Universität Gießen, hatte schon für diesen Tag eine Zusammenkunft der A. H. angeregt (er fügte seinem Schreiben bei:„Ich möchte bei der Gelegenheit zum Ausdruck bringen, mit wie treuer Anhänglichkeit ich der Zeit gedenke, die wir zusammen im Heidelberger M. V. verlebt haben.“) Herr Geh. Rat Prof. Königsberger bat jedoch Herrn Prof. Stäckel, rechtzeitig jede Gelegenheit zu benutzen, um persönlichen Freunden sowie amtlichen Stellen gegenüber auszusprechen, daß er dringend bitte, von jeder persönlichen Beglückwünschung abzusehen; er begründete seinen Entschluß, den Tag in völliger Zurückgezogenheit zu verleben, in den Zeitverhältnissen, die nicht zu Feiern angetan seien, und in dem Umstand, daß ihm bereits zum 70. und 75. Geburtstag, sowie zum 50. Professoren-Jubiläum so viele Beweise des Wohlwollens und der Anerkennung zuteil geworden seien, daß er nicht von neuem seine Freunde in Anspruch nehmen dürfe. Wir mußten uns daher auf schriftliche Glückwünsche beschränken, für die Herr Geh. Rat K. herzlichst dankte. Er fügte seinem Schreiben bei: „Sie wissen, wie gerne ich der Zeit gedenke, in denen ein gütiges Geschick es mir gewährt hat, so viele ausgezeichnete Schüler, die heute die mathemat. Welt zu ihren hervorragendsten Forschern und bedeutendsten Lehrern zählt, zu ernsten Studien anregen zu dürfen. Noch jetzt in meinem hohen Alter zu einer Zeit, in der jeder Deutsche all seine geistigen und körperlichen Kräfte in den Dienst des Staates stellen muß, übe ich wie früher meine Docententätigkeit in vollem Umfange aus und habe nur noch den einen Wunsch, einen baldigen ehrenvollen Frieden zu erleben. Sie werden es gewiß gebilligt haben, daß ich durch den Ernst der Zeit veranlaßt, die Bitte ausgesprochen haben, daß man von jeder persönlichen Beglückwünschung absehen möge, und so habe ich auch meinen Geburtstag in ernster Stimmung nur im Kreise meiner Familie verlebt!.“ Die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt a. M. hat Herrn Geh. Rat Königsberger zum Ehrendoktor der Naturwissenschaften ernannt. Unser A. H. Geh. Reg. Rat Prof. Dr. Wachsmuth hat das Diplom überbracht.
S. 11 aus:
23. Bericht des Verbandes Alter Herren des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Vereins zu Heidelberg. Juni 1918. (Kriegsnachrichten 9.)
Originalbericht
Signatur UB Heidelberg: F 2155::25/33.1915/19

Der Mathematische Verein Heidelberg war 1876 von Lazarus Fuchs gegründet worden. Sein Schwiegersohn Ludwig Schlesinger hatte im Wintersemester 1883/84 und im Sommersemester 1884 in Heidelberg bei Fuchs studiert. Als Fuchs im Sommer 1884 den Ruf der Universität Berlin annahm, folgte ihm Schlesinger nach Berlin. Richard Wachsmuth hatte vom Sommer 1887 bis zum Sommer 1888 in Heidelberg Mathematik/Physik studiert und dabei auch Leo Koenigsberger gehört. 1893 war er in Berlin Helmholtz' Assistent geworden und berichtete Leo Koenigsberger für seine Helmholtz-Biographie über den Gehirnschlag und den Tod Hermann von Helmholtz'. (Vgl. Helmholtz-Biographie.) Die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Frankfurt an Koenigsberger geht auf seine Initiative zurück. Der zur gleichen Zeit in Frankfurt lehrende Mathematiker Ernst Hellinger, der im Sommersemester 1902 Koenigsbergers Vorlesungen gehört hatte, war an der Ehrenpromotion wohl nicht beteiligt.
Quelle: Adressbücher der Universität Heidelberg 1818-1922


Weitere Informationen zu den oben genannten Personen:
  Lazarus Fuchs
  Ernst Hellinger
  Paul Stäckel
Ludwig Schlesinger (aus Wikipedia)
Richard Wachsmuth (aus Wikipedia)


Letzte Änderung: Mai 2014     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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