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Dirichlet als Lehrer der Allgemeinen Kriegsschule. |
Von E. Lampe (Berlin). |
Die Allgemeine Kriegsschule, die heutige Kriegsakademie, wurde 1810 durch den General von Scharnhorst ins Leben gerufen; sie verdankt also ihre Entstehung denselben treibenden Ideen wie die Berliner Universität und wird mit ihr zugleich in einigen Jahren das hundertjährige Bestehen feiern. Wenn der Friedrich-Wilhelms-Universität der Ruhm gebührt, die geistigen Führer aus der großen und schweren Zeit der Freiheitskriege unter ihren Lehrern gehabt zu haben, so muß man auch bei der Erinnerung an die Zeit des Wiedererstarkens des preußischen Staates der Allgemeinen Kriegsschule gedenken, die dazu berufen wurde, als Universität des Heeres den geistig hervorragenden Offizieren zu höherer Ausbildung zu verhelfen.
Die Grundlinien des Studienplans, welche Scharnhorst mit bewundernswürdigem Weitblick entworfen hat, sind bis auf den heutigen Tag beibehalten worden. Auf drei Jahre ist das Studium berechnet; in jedem Jahre ist aber nur die Zeit vom 1. Oktober bis zum 1. Juli des folgenden Jahres dem Unterrichte gewidmet. Während der drei Monate vom 1. Juli bis zum 1. Oktober kehrt der Offizier zum praktischen Dienst zurück, vertauscht aber dabei die Waffengattungen, so daß z. B. der Infanterist den Dienst bei der Kavallerie und Artillerie aus eigener Anschauung kennen lernt. Der Unterricht soll nicht in rein akademischen Vorträgen bestehen, sondern stets auch „applikatorisch“ betrieben werden, damit der Lehrer über den Erfolg bei den Hörern ein Urteil gewinne. Damit ist der seminaristische Betrieb, den die Universitäten erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allgemein eingeführt haben, gleich bei der Organisation der Allgemeinen Kriegsschule planmäßig vorgeschrieben worden.
Um der jungen Anstalt tüchtige Lehrer zu sichern, setzte die Verwaltung eine mit Rücksicht auf den damaligen Wert des Geldes gute Besoldung der Lehrkräfte fest. Für eine Wochenstunde wurde das Honorar auf 300 M. im Jahre bemessen, ein Betrag, der bis 1877 ungeändert blieb und dann für die Zivillehrer auf 450 M. erhöht wurde. Da die Mathematik in jedem Jahre mit sechs Vortragsstunden bedacht war, zu denen unter Umständen noch wöchentlich mehrere „Applikationsstunden“ traten, so bedeutete das Angebot, welches Dirichlet auf Vermittelung von Alexander von Humboldt 1828 gemacht (Seite 483/2) wurde, eine sichere jährliche Einnahme von mindestens 1800 M., also gegen seine Besoldung von 1200 M., die er als außerordentlicher Professor der Breslauer Universität bezog, eine Erhöhung um 600 M. Zugleich aber kam der im 24. Lebensjahre stehende Mathematiker in eine Umgebung, die seinen Bedürfnissen nach größerer geistiger Anregung entsprach.
Als Dirichlet in so jugendlichem Alter am 1. Oktober 1828 seine Lehrtätigkeit an der Allgemeinen Kriegsschule begann, erhielt er nicht sofort eine Stelle als selbständiger Lehrer; er wurde zunächst als Repetent für die Applikation des Prof. Poselger im dritten Studienjahr beschäftigt. Damit nämlich die Applikationsstunden für die Teilnehmer vorteilhafter ausgestaltet werden könnten, wurde jedem der mathematischen Professoren ein Assistent zugeteilt, dem die eine Hälfte der Zuhörer für die Übungsstunden überwiesen wurde, während der Professor selbst die andere Hälfte übernahm. So ist später neben Dirichlet der Premierleutnant von Forstner längere Zeit mit der Abhaltung von Applikationsstunden betraut gewesen. Als ein Kuriosum sei ferner hier erwähnt, daß Dirichlet seinen Gymnasiallehrer aus Cöln, den berühmten Physiker Georg Simon Ohm, als Assistenten seines Bruders vorfand, des Mathematikers Martin Ohm († 1872). Der erste von den regelmäßigen Vierteljahrsberichten, die jeder Lehrer zu jener Zeit einzureichen verpflichtet war, ist von Dirichlet am 26. Februar 1829 erstattet worden; der neue Lehrer meldet, daß er in der seiner Leitung anvertrauten Abteilung die Offiziere mit Aufgaben aus der Hydrostatik, der Hydraulik und der mathematischen Geographie beschäftigt habe. Aber schon in diesem nämlichen Studienjahre wird seine Stellung eine andere; ihm wird gegen Ende des Monats März ein Repetitorium für die zurückgebliebenen Offiziere des dritten Jahrganges übertragen, und er ist in seinem Berichte vom 18. Juli 1829 auch imstande, diejenigen Offiziere zu nennen, „welche diesen Vorträgen eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet haben“.
Mit dem 1. Oktober 1829 beginnt die regelmäßige Lehrtätigkeit Dirichlets an der Allgemeinen Kriegsschule. Die Offiziere, welche in die Anstalt eintreten, werden von ihm in den drei auf einander folgenden Studienjahren durch die vorgeschriebenen Gebiete der Mathematik geführt; nach Ablauf dieser drei Jahre beginnt der Kreisgang von neuem.
Wenn man nun wähnt, daß Dirichlet einen mathematischen Kursus vorzutragen hatte, der dem berühmten Cours d'analyse de l'Ecole Polytechnique gliche, wie man ihn aus den klassischen Lehrbüchern der französischen Mathematiker von Lagrange an genau kennt, so schätzt man die mathematische Bildung in Deutschland zu jener Zeit allzu hoch ein. Erst die Universitätsvorträge von Dirichlet und Jacobi haben darin eine Wandlung zum Besseren herbeigeführt. Was Dirichlet im ersten Jahrzehnt seines Wirkens an der Allgemeinen Kriegsschule vorzutragen hatte, alles das und manches mehr habe ich als Oberlehrer (Seite 484/1) in der Luisenstädtischen Oberrealschule zu Berlin bis zum Jahre 1889 gelehrt.
Nach den Quartalsberichten Dirichlets, welche ich durchgesehen habe, umfaßte der Lehrgang in der Mathematik während des ersten Studienjahres die Algebra bis zu den Gleichungen vierten Grades, die elementare Theorie der Reihen, den ersten Teil der Stereometrie und die Elemente der darstellenden Geometrie. Der Unterricht des zweiten Jahres erstreckte sich auf die Trigonometrie, die Lehre von den Kegelschnitten in analytischer und synthetischer Behandlung, den zweiten Teil der Stereometrie und die Anfänge der analytischen Geometrie des Baumes. Dem dritten Studienjahre fiel die Mechanik der festen und flüssigen Körper zu, sowie die mathematische Geographie. Außerdem wurde im dritten Jahre von einem besonderen Lehrer die niedere Geodäsie vorgetragen. Die Infinitesimalrechnung war als „höhere Mathematik“ von der Allgemeinen Kriegsschule ausgeschlossen.
Hierin Wandel geschaffen zu haben, ist ein Verdienst Dirichlets. In dem Quartalsberichte vom 21. Mai 1835 schreibt er: „In den Applikationsstunden habe ich, dem einstimmigen Wunsche der Herren Offiziere folgend, einen Teil der Zeit zu einer gedrängten Darstellung der Hauptlehren der höheren Analysis benutzt und behalte mir vor, im letzten Quartal deren Anwendung auf die Mechanik zu zeigen.“ Zwar erfolgt darauf die Randbemerkung des Direktors v. R. (von Radowitz): „Für die Applikationsstunden kann es gerechtfertigt werden, daß einzelnen besonders befähigten Schülern die höhere mathematische Behandlung gezeigt worden ist. Im Vortrage aber würde eine solche Abweichung von dem vorgeschriebenen Kursus nicht zu gestatten sein.“ Nichtsdestoweniger meldet Dirichlet in seinem Schlußbericht des Studienjahres vom 6. Juli 1835: „In den Applikationsstunden habe ich nach dem im vorigen Quartal gegebenen Resume der Infinitesimalrechnung die Anwendung derselben auf mechanische Fragen gezeigt und, soweit die Zeit erlaubte, den Herren Gelegenheit gegeben, sich in den gewöhnlichsten Transformationen der höheren Analysis Übung zu verschaffen.“
Damit war der Anfang zur Einführung der Differential- und Integralrechnung in die Allgemeine Kriegsschule gemacht, und es währte nicht mehr lange, bis der noch jetzt bestehende Lehrplan der Mathematik eingeführt wurde. Erstes Jahr: Algebra, Reihentheorie, Stereometrie und sphärische Trigonometrie, analytische Geometrie. Zweites Jahr: Differential- und Integralrechnung. Drittes Jahr: Analytische Mechanik. Es ist interessant, gerade jetzt auf diese Vorgänge hinzuweisen, wo eine lebhafte Agitation für die Einführung der Infinitesimalrechnung in die Mittelschulen stattfindet.
An der Allgemeinen Kriegsschule hat sich Dirichlet als der ausgezeichnete Lehrer bewährt, wie ihn die Studenten der Universität immer bewundert haben. Die einfache Tatsache, daß ein junger Gelehrter von (Seite 484/2) kaum 24 Jahren sich als Lehrer von Offizieren behauptet, die meist älter sind als er und vermöge ihrer gesellschaftlichen Stellung hohe Ansprüche zu machen gewohnt sind, spricht für die Gediegenheit seiner Leistungen als Lehrer. Der Ernst seiner Natur, die Ehrlichkeit seines Denkens und Handelns, die weltmännische Feinheit seines Wesens, wegen deren der gröber veranlagte Steiner ihm den Spottnamen Marquis beilegte, ließen ihm überall die Herzen seiner Zuhörer zufallen. Er selbst hat sowohl an dem Umgange mit den Offizieren als auch an dem Unterrichte seine Freude gehabt; dies leuchtet aus seinen trockenen Berichten hervor, deren Abfassung ihm bei seiner Schreibfaulheit höchst zuwider war. Folgende Proben mögen als Beleg dienen. 28. Juli 1830: „Es bleibt mir nur noch übrig, den Eifer zu rühmen, womit der größte Teil der Herren Offiziere des ersten Coetus den Studien der Mathematik obliegt.“ 25. Juli 1831: „Bei der dieses Jahr so sehr verringerten Frequenz bin ich doppelt erfreut, einer verehrlichen Studiendirektion drei Offiziere nennen zu können, die sich in gleich hohem Grade durch Fleiß und Fortschritte auszeichnen.“ 31. Juli 1834: „Ich würde mich unendlich glücklich fühlen, wenn eine verehrliche Studiendirektion die über die Mehrzahl der Herren Offiziere von mir ausgesprochenen günstigen Urteile mit den eingereichten Arbeiten im Einklange finden könnte.“
Auch ein Zeugnis eines seiner Schüler kann ich mitteilen. Der General von Flatow, Direktor der Kriegsakademie von 1878 bis 1886, Vater des gegenwärtigen Direktors, hat bei Dirichlet den mathematischen Unterricht auf der Allgemeinen Kriegsschule gehabt und ist, wie er mir selbst erzählt hat, dadurch ein leidenschaftlicher Verehrer der Mathematik geworden, der bis zu seinem Lebensende in der Beschäftigung mit mathematischen Problemen Erholung suchte und fand. Er besuchte gerade die Allgemeine Kriegsschule, als Dirichlet seiner italienischen Reise wegen Urlaub nahm (1843/44). Während dieser Zeit wurde dieser durch Steiner und Jacobi vertreten. Steiner mit seiner Geometrie des Kreises habe keine Erfolge erzielt und den Unterricht bald aufgegeben. Jacobi habe einen tieferen Eindruck hinterlassen, aber für die Offiziere zu schnell vorgetragen. Als Dirichlet den Unterricht wieder aufnahm, erkundigte er sich genau, was sie bei Jacobi aus der Infinitesimalrechnung gelernt hätten, und erklärte dann, er hielte es für angemessen, von vorn anzufangen; es ist dies ganz im Sinne des Aufbaus seiner bekannt gewordenen Vorlesungen.
Dirichlet habe aber den Offizieren nicht bloß durch seine mathematische Gelehrsamkeit und durch sein Lehrtalent imponiert, sondern auch durch die Feinheit im gesellschaftlichen Umgange. Er lud seine Zuhörer zu seinen festen Gesellschaftsabenden ein, und der General von Flatow erinnerte sich mit jugendlicher Freude der geistigen Genüsse in den angeregten Stunden der Gesellschaften bedeutender Menschen, deren Mittelpunkt Dirichlet bildete.
(Seite 485/1) In dieser Verbindung will ich es nicht unterlassen, aus dem Berichte vom 17. Juni 1832 eine Stelle herzusetzen: „Indem ich mir noch erlaube, eine verehrliche Studiendirektion wegen der etwas verspäteten Einsendung dieses Berichtes und der demselben beigefügten Quartalsarbeiten gehorsamst um Entschuldigung zu bitten, verharre ich“ usw. Woher rührte die Verspätung? Dirichlet hatte im Mai 1832 mit Rebecka Mendelssohn, der Schwester von Felix Mendelssohn, Hochzeit gehalten. Im Hause Leipzigerstraße Nr. 3, das seinen Schwiegereltern gehörte, nahm er mit seinem jungen Weibe Wohnung; hier empfing er, von seiner gewandten Frau unterstützt, die Offiziere der Allgemeinen Kriegsschule als seine Gäste.
So lebte Dirichlet in der Erinnerung seiner Hörer der Allgemeinen Kriegsschule als beglückender und beglückter Lehrer. Dieser Stellung verdankt es Berlin, ihn gewonnen zu haben. Wenn er dann im Alter von 50 Jahren sich danach sehnte, in seiner angestrengten Lehrtätigkeit an der Allgemeinen Kriegsschule und an der Universität Erleichterung zu erhalten, und er in erster Linie die in immer gleichmäßigem Kreislaufe sich wiederholenden Vorlesungen der militärischen Bildungsanstalt aufzugeben wünschte, falls er für den Ausfall an Einnahmen Deckung erhalten könnte, so ist dieser Wunsch durch das Bedürfnis nach Muße zum selbständigen Schaffen hinlänglich gerechtfertigt. Der Grund, welcher dann noch angeführt wird, daß er sich bei seiner freiheitlichen Gesinnung in der Reaktionsperiode zu Anfang der 50er Jahre unter den Offizieren beengt gefühlt habe, mag ja in Stunden des Unmutes von ihm ausgesprochen sein, dürfte aber gegenüber den unzweifelhaften Zeugnissen für seine Befriedigung an der Allgemeinen Kriegsschule nicht allzuschwer wiegen. Die Langsamkeit der Bureaukratie hat es verschuldet, daß die Bewilligung der Entschädigung für das Aufgeben seiner Lehrtätigkeit an der Kriegsschule erst zu seiner Kenntnis gelangte, als er nach seinem verpfändeten Worte die Nachfolge von Gauss in Göttingen angenommen hatte. Berlin hatte ihn verloren (1855).
Sein Nachfolger wurde Kummer, der 19 Jahre lang neben den mathematischen Vorlesungen an der Universität den Unterricht an der Allgemeinen Kriegsschule beibehielt und an ihm sein Vergnügen fand. Als er zu seiner Entlastung 1874 diese letztere Tätigkeit aufgab, trat ich auf die Empfehlung dieses meines hochverehrten Lehrers als sein Nachfolger in die Kriegsakademie ein, zu welcher der große Kaiser Wilhelm die Allgemeine Kriegsschule umgenannt hatte. Als zweiter Nachfolger Dirichlets sehe ich jetzt auf 32 vollendete Lehrjahre an der Kriegsakademie zurück; in dankbarer Erinnerung der Freuden, welche ich in dieser Stellung gehabt habe, habe ich es für passend gehalten, den wohltätigen Einfluß der Stellung Dirichlets an der Allgemeinen Kriegsschule auf den Verlauf seines Lebens schärfer hervorzuheben, als dies sonst geschehen ist.
Quelle:
Naturwissenschaftliche Rundschau.
Band 21. 1906
S. 482 - 485
Signatur UB Heidelberg: O 29-3 Folio::8
Letzte Änderung: März 2026 Gabriele Dörflinger
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