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Charles Hermite †. |
Nachruf von E. Lampe. |
Sofort nach seinem Hinscheiden erscholl die Todtenklage um ihn. In seinem Vaterlande wurde zuerst der wehmüthige Trauergesang angestimmt; alle anderen Völker nahmen das Klagelied auf, in das aber allerorten die Genugthuung über ein so früchtereiches Leben hineintönte , dessen Verlauf das Herz zu erheben vermag. In diesem Sinne wollen auch wir des Verklärten gedenken, der nach der Zusendung des in der „Rundschau“ vom 25. Juni 1900 auf seinen Schwager Bertrand erschienenen Nachrufes uns schrieb: „Von allen Nekrologen von Bertrand, die ich bis jetzt gesehen habe, hat mir keiner so gut wie der Ihrige gefallen; keiner ist so vollständig und zugleich so schön, so wahr, so gerecht.“ Dies sind die letzten von seiner Hand an uns gerichteten Zeilen gewesen.
Weil das ganze Leben von Charles Hermite im wissenschaftlichen Arbeiten sich erschöpfte, darum sind alle bisher erschienenen Nekrologe sehr arm an biographischem Material über den äußeren Gang seines Lebens, selbst über seine innere Entwickelung. Geboren ist er am 24. December 1822 zu Dieuze in Deutsch-Lothringen, erzogen in Nancy, wohin seine Eltern übersiedelten und wo er das Gymnasium besuchte. Daselbst wohnen, wie er bei der Feier seines siebzigsten Geburtstages erwähnte, noch jetzt Verwandte von ihm. Später bezog er das Collège Henri IV in Paris, zuletzt das Collèege Louis-le-Grand. Hier hatte er Catalan zum Lehrer, der sich später gern als Bildner von Hermite bezeichnete; einen größeren Einfluß scheint jedoch Richard auf ihn ausgeübt zu haben, der mehrere Jahre vorher Galois ausgebildet hatte. Neben den Pflichtstudien vertiefte sich Hermite schon hier in den Traité dela résolution des équations numériques von Lagrange, noch mehr aber in die französische Uebersetzung der Disquisitiones arithmeticae von Gauß. Obgleich Richard seinen talentvollen Schüler, mit dem er bei der Prüfung Ehre einzulegen hoffte, wohl nicht gerade gern bei der Beschäftigung mit Dingen gesehen haben mag, die nicht zu den Prüfungsgegenständen gehörten, so tröstete er doch den um die Fortschritte des jungen Charles, besorgten Vater mit dem prophetischen Ausspruche, derselbe sei ein kleiner Lagrange. Bei dem Wettbewerb der Pariser Gymnasien im Jahre 1841 erhielt Hermite in der That nicht den ersten Preis, sondern nur das Accessit, obwohl nach der Bemerkung des Herrn Darboux bei dem Jubiläum Hermites (1892) die feinen Bemerkungen in dem vom jungen Hermite bei dieser Veranlassung geschriebenen Aufsatze das Geistvollste und Originellste bieten, was man zu dem Lehrsätze des Descartes sagen kann.
Dafür erschienen aber in der ersten Nummer der Nouvelles Annales de Mathématiques, die 1842 gegründet wurden, zwei Artikel von M. Charles Hermite, élève du College Louis-le-Grand. Wenn der erste derselben etwa eine Uebungsaufgabe ist, so bringt der zweite einen Beweis von der Unmöglichkeit der algebraischen Auflösung der allgemeinen Gleichung fünften Grades; dieser Beweis könnte nach Herrn Picards Ausspruch unter Hinznfügung kleiner Ergänzungen als klassisch in die (Seite 334/1) Lehrbücher übergehen. Von dem durch Abel 1824 erbrachten allgemeinen Beweise der algebraischen Unauflösbarkeit von Gleichungen, deren Grad über 4 hinausgeht, hatte Hermite damals nur einen Auszug gesehen. — Wie bei so vielen Mathematikern zeigte sich also bei Hermite schon sehr früh der Beruf zu mathematischer Forschung. Durch den Instinct, der die großen Geister unfehlbar leitet, wurde er als Knabe auf die Meisterwerke seiner Wissenschaft geführt und durch das Studium derselben zum Forschen und Schaffen mehr angeregt als durch seine Lehrer.
Gegen Ende des Jahres 1842 trat Hermite in die École Polytechnique ein und ließ sich durch die mit Eifer betriebenen Pflichtstudien nicht abhalten, seinen Lieblingsneigungen nachzugehen, besonders die Werke von Gauß, Jacobi, Abel, Dirichlet zu studiren. Als dankbaren Schüler dieser erhabenen Geister bekannte er sich denn auch bis an sein Ende; zu ihnen kehrte er in seinen späteren Lebensjahren zurück, wie er an seinen Freund Borchardt wiederholt schrieb, um in ihren unsterblichen Werken sich immer wieder neue Anregung zu holen. — Zum Ingenieur ausgebildet, konnte er sich nicht dazu entschließen, diesen Beruf praktisch auszuüben; unter Verzicht auf die mit der praktischen Laufbahn verknüpften Vortheile wandte er sich vielmehr nach dem Abgange von der École Polytechnique der ausschließlichen Beschäftigung mit der reinen Mathematik zu. Hatte er doch schon während seines ersten dort verbrachten Studienjahres auf Anrathen von Liouville in einem Briefe an Jacobi Früchte seiner Arbeit diesem Meister seiner Wissenschaft vorgelegt. Der zwanzigjährige Jüngling behandelte in diesem und in einem späteren zweiten Briefe Probleme bezüglich der hyperelliptischen Functionen, dieser analytischen Gebilde, auf welche Jacobi einige Jahre vorher die Aufmerksamkeit der Mathematiker mit Nachdruck hingelenkt hatte, für die er das aus der Theorie der elliptischen Transcendenten hergenommene Umkehrungsproblem ausgesprochen hatte. Neben der Jacobischen Antwort vom Jahre 1845 wurden beide Briefe im 32. Bande des Crelleschen Journals für die reine und angewandte Mathematik abgedruckt. Auf diese Weise von Jacobi in höchst schmeichelhaften Ausdrücken der mathematischen Welt vorgestellt, rechnete Hermite von nun an zu den Ersten seines Faches.
Inbetreff der Stellungen, welche Hermite während seines Lebens bekleidet hat, führen wir kurz folgende Daten an. Im Jahre 1848 wurde er zum Repetenten und zum Examinator für die Aufnahmeprüfungen an der École Polytechnique ernannt, 1863 zum Examinator für die Abgangsprüfungen. Am 14. Juli 1856 wurde er als Nachfolger von Binet mit 40 von 48 Stimmen zum Mitgliede der Akademie gewählt. Auf Antrag von Pasteur wurde 1862 für ihn eine Lehrstelle an der École Normale Supérieure gegründet; diese legte er 1869 nieder, als er den Lehrstuhl für höhere Algebra an der Sorbonne als Nachfolger von Duhamel erhielt. In demselben Jahre übernahm er auch die Vorlesung über Analysis, welche Duhamel an der École Polytechnique gehalten hatte. Dieses letztere Amt kündigte er jedoch schon 1876 wieder, um sich ganz seiner Hauptvorlesung an der Sorbonne zu widmen. Hier wirkte er mit dem glänzendsten Erfolge für die studirende Jugend bis zum Jahre 1897. In seinem 75. Lebensjahre zog er sich von seiner Lehrthätigkeit zurück ungeachtet aller Bitten, mit denen man ihn bestürmte, um ihn noch länger als Zierde der Sorbonne zu besitzen.
Alle Ehren, mit denen Männer der Wissenschaft geschmückt werden können, waren ihm im Laufe seines langen Lebens zugefallen. Zur Feier seines siebzigsten Geburtstages wurde er zum Großoffizier der Légion d'honneur ernannt. Von den Orden, die ihm aus dem Auslande verliehen worden sind, wollen wir hier nur den preußischen Orden, der Friedensklasse pour le méerite (Seite 334/2) und das schwedische Großkreuz des Ordens des Polarsterns erwähnen. Wohl von allen Akademien der Wissenschaften in Europa war er Mitglied, in Berlin seit 1884, nachdem er schon 1859 zum correspondirenden Mitgliede erwählt worden war. An diesen äußeren Zeichen ist ja die allgemeine Werthschätzung zu erkennen, in denen der Verstorbene bei allen Gelehrten aller Länder stand.
Wenn wir nun dazu übergehen sollen, unseren Lesern eine Vorstellung von den wissenschaftlichen Leistungen des großen Todten zu geben, so müssen wir bekennen, daß die Aufgabe an dieser Stelle kaum lösbar ist. Das Verzeichniß der Schriften Hermites, welches Camille Jordan der in der Aprilnummer der Revue des questions scieutifiques veröffentlichten biographischen Skizze Hermites angehängt hat, in der Mansion mit großem Fleiße das erreichbare Material zusammenstellt, umfaßt 191 Nummern. Die Arbeiten Hermites erstrecken sich auf das ganze Gebiet der Analysis: die Algebra, die Zahlentheorie, die Functionentheorie. Den abstractesten Theilen der reinen Mathematik galt also das Sinnen und Forschen des Verewigten, der sich hierbei die Worte seines Vorbildes Gauß vor Augen hielt, die Mathematik sei die Königin der Wissenschaften und die Arithmetik die Königin der Mathematik; diese lasse sich dann öfter herab, der Astronomie und anderen Naturwissenschaften einen Dienst zu erweisen, doch gebühre ihr unter allen Verhältnissen der erste Rang. Nur wenn die analytischen Resultate der Untersuchungen dazu aufforderten, berücksichtigte Hermite ihre Anwendungen auf die Mechanik oder die Geometrie. In der ganzen Analysis giebt es aber kein Gebiet, in welches er nicht thatkräftig eingegriffen hätte, um neue, fruchtbare Begriffe zu schaffen, die Bahn zu neuen Entdeckungen zu ebnen. Durch das Studium der klassischen Meister vorgebildet, besaß er ein sicheres Gefühl für solche Probleme, deren Lösungen der Wissenschaft förderlich sind; durch erneute Angriffnahme scheinbar abgeschlossener Untersuchungen deckte er das Band auf, durch welches dieselben mit weitab liegenden Betrachtungen verknüpft sind. Als ein charakteristisches Kennzeichen seiner Abhandlungen führt sein Schwiegersohn Herr Picard in der ausführlichen Würdigung des wissenschaftlichen Lebenswerkes von Hermite an (Annales de l'École Normale, 1901), daß man die einzelne Schrift oft nur schwer in ein bestimmtes Kapitel der Mathematik einreihen könne. Soll man seine Untersuchungen über die Gleichungen fünften Grades zur Algebra oder zur Theorie der elliptischen Functionen stellen ? Ist seine Abhandlung über die Transformation der Abelschen Functionen der Arithmetik oder der Functionentheorie zuzurechnen? Wie Frobenius in der schönen akademischen Gedächtnißrede auf Kronecker sagt, daß die Größe desselben in der gleichmäßigen Beherrschung und Durchdringung aller Gebiete der Analysis bestand, während er in den einzelnen Zweigen von unseren anderen mathematischen Größen vielleicht übertroffen wurde, so kann man etwas Aehnliches von Hermite behaupten; bei seinem schon erwähnten Jubiläum 1892 hob er ja selbst in der Erwiderungsrede auf die gehaltenen Ansprachen mit wunderbarer Bescheidenheit hervor, in welchen Punkten die anwesenden Häupter der französischen Mathematik ihn überflügelt hätten. Diese letzteren hätten allerdings ihm entgegnen können, daß Hermites Entdeckungen erst die ihrigen ermöglicht hätten.
Aus der großen Fülle dieser Entdeckungen sollen einige hier näher bezeichnet werden, die einem größeren Leserkreise vielleicht faßlich erscheinen. Die erste Bekanntschaft mit dem Namen Hermite machten wir Studenten aus dem Anfange der sechziger Jahre in den Vorlesungen über Algebra bei Kronecker, der uns auf die Untersuchungen Hermites hinwies, durch welche in ähnlicher Art wie durch seine eigenen die Aussicht auf das gelobte Land der Auflösung der Gleichungen (Seite 335/1) fünften Grades eröffnet sei. Mit heiliger Scheu lasen wir den Abdruck der bezüglichen Originalartikel in dem Cours d'algèbre supérieure von Serret. Wie in diesen Untersuchungen, so hat Hermite durch diejenigen über die Modulargleichungen im Gebiete der elliptischen Functionen die Lehre von den algebraischen Gleichungen dadurch gefördert, daß er die Galoisschen Gedanken über die Gruppe einer Gleichung in die Behandlung einführte.
Der formalen Algebra gehört dann weiter eine Folge von Arbeiten an, in denen Hermite neben Cayley, Sylvester und Aronhold als einer der Schöpfer der invarianten Gebilde der modernen Algebra auftrat; seine Forschungen hingen so eng mit denen der beiden englischen Gelehrten zusammen, daß der im Erfinden neuer Benennungen geschickte Sylvester diese drei Mathematiker scherzhaft als invariantive Trinität bezeichnete. Das Hermitesche Reciprocitätsgesetz der invarianten Bildungen im binären Gebiete verewigt seinen Namen in diesem Abschnitte der formalen Algebra. Was in den hierher gehörigen Arbeiten Hermites einen Unterschied von denen der englischen Mathematiker ausmacht, ist der oben erwähnte Zusammenhang seiner Untersuchungen mit Problemen anderer Gebiete, welche Beziehungen entweder klar angegeben oder doch angedeutet sind: Fragen aus der Auflösung der Gleichungen, der höheren Zahlentheorie, besonders auch der Transformation höherer Transcendenten in der Functionentheorie sollen ihrer endgültigen Beantwortung nähergeführt werden. Während die englische Schule die Invariantentheorie mit ihrem Reichthum an Formen und den zwischen ihnen bestehenden Gesetzen als selbständige Disciplin um ihrer selbst willen ausbaute, spürt man bei Hermite, daß die bezüglichen Forschungen ihm nur Mittel zu höheren Zwecken sind, und hierin stimmte er mit seinem Freunde Kronecker völlig überein.
Eine andere Entdeckung Hermites hat seinen Namen allbekannt gemacht: er hat die grundlegenden Untersuchungen über die Basis e des natürlichen Logarithmen-Systems geführt, durch welche bewiesen wurde, daß diese (Seite 349/1) Zahl nicht Wurzel einer algebraischen Gleichung mit rationalen Coefficienten sein kann, daß also diese Zahl transcendent, durch Zirkel und Lineal nicht construirbar ist; nach dem Vorbilde dieser Schlußweise hat dann Herr Lindemann 1882 gezeigt, daß die Zahl π, von der die Quadratur des Kreises abhängt, die nämlichen Eigenschaften besitzt, daß also die Quadratur des Kreises mit Zirkel und Lineal unmöglich ist, eine Leistung, die Weierstrass dazu anregte, die Gedankenreihe auf seine Weise noch einmal darzulegen. Die Ideen, welche sich hier als so fruchtbar erwiesen haben, gehören der allgemeinen Functionentheorie an; Hermite benutzte dabei die Theorie der Kettenbrüche in ihrer Anwendung auf die Functionentheorie, wie er dies in vielen Untersuchungen gethan hat. In ähnlicher Weise hat der russische Mathematiker Tschebyscheff solche Entwickelungen bei der von ihm angestrebten und vielfach erreichten, angenäherten Darstellung von Functionen angewandt, um Formeln zu construiren, welche die Lösungen praktischer Aufgaben in vereinfachter Gestalt darstellen.
Der functionentheoretischen Arbeiten aus dem Gebiete der elliptischen und hyperelliptischen Functionen wurde bei der Schilderung der Jugend Hermites Erwähnung gethan. Während seines ganzen Lebens ist er immer wieder zu diesen Forschungen zurückgekehrt; besonders in den siebziger und achtziger Jahren entwickelte er eine lebhafte Thätigkeit auf diesem Felde. Eine von Lamé aufgestellte Differentialgleichung aus der Wärmetheorie veranlaßte ihn zur Abfassung einer Folge von Artikeln über Differentialgleichungen zweiter Ordnung mit doppeltperiodischen Coefficienten; hieran schlossen sich dann die Untersuchungen anderer Mathematiker mit Erfolg an. Die Hermiteschen diesbezüglichen Arbeiten wurden 1885 in einem Bande von 145 Seiten gesammelt.
Wenn wir im Vorangehenden es versucht haben, einzelne Arbeiten oder Gattungen von Arbeiten flüchtig aus der Menge der Abhandlungen Hermites hervorzuheben, so geschah dies nur, um für die allgemeine Charakterisirung des Schaffens dieses genialen Forschers einige Belege zu bringen und dadurch eine ungefähre Vorstellung von der Natur seiner Arbeiten zu geben; eine erschöpfende Darstellung seiner Thätigkeit vermögen wir hier nicht zu liefern. Viele Ergebnisse seiner Forschung sind schon Gemeingut der Mathematiker geworden; viele Gedankenkeime, die er ausgestreut hat, harren aber auch noch desjenigen Arbeiters, unter dessen Händen sie sich entwickeln können. Wenn die gesammelten Werke, deren Herausgabe Herr Picard im Auftrage der Familie besorgen soll, erst erschienen sein werden, dann wird es leichter sein, den inneren Zusammenhang der einzelnen Artikel zu übersehen, die in vielen Zeitschriften der verschiedenen Länder verstreut erschienen sind.
Außer der schriftstellerischen Thätigkeit Hermites muß aber auch seiner Wirksamkeit als Lehrer gedacht werden. Seinem Einflusse ist es zu verdanken, daß die deutschen Forschungen von Gauss, Jacobi, Dirichlet, Riemann, Weierstrass in Fankreich bekannt geworden sind. Er wagte den Schritt, in seinen Vorlesungen über den hergebrachten, für die Prüfungen nöthigen Stoff hinauszugehen, also Vorlesungen in dem Sinne zu halten, wie das die deutschen Mathematiker seit Jacobi immer gethan haben, nämlich Vorlesungen, die darauf abzielen, die studirende Jugend bis zu den neuesten Errungenschaften zu führen, damit neue Forscher dort einsetzen können, wo die alten ihr Tagewerk einstellen. Die jetzige Generation der französischen Mathematiker führt die hohe Blüthe dieser neuen Schule auf die Lehrthätigkeit Hermites zurück, der nicht müde geworden sei in der Darlegung der schöpferischen Gedanken von Riemann und Weierstrass, der freigebig die Ideen zu neuen Untersuchungen in seine Hörerschaft getragen (Seite 349/2) habe. Die Eigenart dieses Unterrichts ist für Fernstehende ersichtlich aus dem Cours d'analyse de l'École Polytechnique vom Jahre 1873, der nicht einen Lehrgang in dem üblichen Sinne des Wortes darstellt, sondern überall die eigenen Gedanken des Verf. über den jeweilig abgehandelten Gegenstand hervortreten läßt. Die späteren Ausgaben des Cours d'analyse de la Faculté des Sciences sind, obwohl nur autographirt, zu wiederholten Malen neu herausgegeben (1882, 1887, 1891) und weit verbreitet worden. Ein Abriß der Theorie der elliptischen Functionen erschien zuerst 1862 als Anhang zu Lacroix' Traité élémentaire de calcul différentiel et intégral, später (1881) ebenso für Serrets Cours de calcul différentiel et intégral.
Endlich ist Hermite brieflich für jeden Mathematiker zugänglich gewesen, der sich an ihn gewandt hat. Wir können es uns nicht versagen, die bezügliche Stelle aus der schon erwähnten Vorlesung seines Schwiegersohnes Picard in der Faculté des Sciences vom 2. März 1901 hier mitzutheilen:
„In den letzten Jahren beschäftigte der ungeheure Briefwechsel Hermites ihn immer mehr. Er hatte nie den großen Gesellschaftsverkehr geliebt und fürchtete dessen Verpflichtungen, die für den Mann der Forschung oft nur große Zeitverluste bedeuten. Seine ganze Thätigkeit nach außen verdichtete sich in lange briefliche Plaudereien mit fernen Freunden. Die Mathematik hatte einen großen Antheil darin, ebenso aber auch viele andere Gegenstände, und zwischen zwei den elliptischen Functionen und den Bernoullischen Zahlen gewidmete Seiten schob sich unversehens eine Seite über die europäische Politik. Seine Lectüre erstreckte sich auf die mannigfaltigsten Gegenstände, und sein ausgezeichnetes Gedächtniß hielt treu alles fest, was er gelesen hatte. Neben dem Gelehrten steckte in Hermite ein Schriftsteller. In den kleineren Artikeln, die er von Zeit zu Zeit zu schreiben hatte, hinterließ seine gewichtige und ungesuchte Ausdrucksweise einen tiefen Eindruck; mehr als eine Seite seines Briefwechsels verdiente erhalten zu bleiben, wenn die Veröffentlichung gestattet wäre.“
Das bescheidene Heim des großen Mannes Rue de la Sorbonne 2, wohin die Briefe aus allen Gegenden der Welt zusammenströmten, wo alle Mathematiker, die nach Paris kamen, vorsprachen und willkommen geheißen wurden, hört nun auf, ein Centrum mathematischen Verkehrs zu sein. Der Mund, der bei den Todesfällen großer Mathematiker das Lob der Verblichenen sympathisch und beredt, dabei aber immer gerecht und wahr in der Akademie verkündete, aus dem den Besuchern des greisen Hauptes der französischen Mathematiker die volle Herzensgüte entgegentönte, ist rascher verstummt, als wir es vermuthet hatten. Allgemeine Verehrung folgt ihm weit über das Grab hinaus.
Daß wir Deutschen allen Grund haben, Hermite als einen der idealsten Männer der Wissenschaft zu verehren, der frei von nationalen Vorurtheilen alles Gute mit einer Art von Schwärmerei aufsuchte und daher unsere mathematischen Größen aus voller Seele bewunderte, erhellt schon ans dem bisher Gesagten, würde sich aber auch durch manche Stellen seiner an Deutsche geschriebenen Briefe reichlich belegen lassen. Als in der Mitte der siebziger Jahre von russischer Seite der Wahn erzeugt und genährt wurde, daß Deutschland einen Ueberfall Frankreichs plane, schrieb Hermite an seinen Freund Borchardt, er komme soeben aus einer Sitzung der Akademie und habe zu seiner tiefen Betrübniß vernommen, daß zwischen den beiden Völkern, die erst einige Jahre zuvor Frieden geschlossen hätten, die Greuel eines neuen Krieges ausbrechen sollten. Ob denn dies wahr sei und sich dagegen nichts thun lasse? Er wolle auf seine Weise dahin zu wirken suchen, daß der Groll zwischen den beiden Nationen schwinde; er wolle das beste, was er gerade arbeite, seinem Freunde (Seite 350/1) Borchardt zur Veröffentlichung im Journal für Mathematik übergeben und damit in der einzig ihm möglichen Weise gegen solche abscheulichen Hetzereien protestiren.
Hermite versagte seine Beihülfe nie, wenn er darum angegangen wurde. Vor der Herausgabe der gesammelten Werke von Dirichlet sah er auf Ansuchen von Kronecker alle französisch geschriebenen Abhandlungen inbezug auf den Stil mit großer Bereitwilligkeit durch und las dann beim Drucke die Correcturbogen dieser Artikel. Aus dieser Veranlassung schrieb er an mich auf einer Postkarte: Haben Sie die Güte, mir die Correcturbogen nach Paris zu schicken. Ich finde kaum ein Wort daran zu ändern, und es wird für mich ein ebenso großer Nutzen wie ein Vergnügen sein, von neuem die Abhandlungen über quadratische Formen, sowie viele andere von hoher Wichtigkeit zu lesen.
Bei Gelegenheit der Feier des siebzigsten Geburtstages Hermites wurde ihm sein Medaillon-Porträt in Gold überreicht, wofür die Mittel durch eine internationale Subscription beschafft worden waren. In dem Schlußworte der Ansprache des Herrn Poincaré heißt es: „Obgleich Sie gegen den Ruhm, der Ihnen zugefallen ist, ohne daß Sie ihn gesucht haben, sich gleichgültig verhalten, hoffen wir dennoch, daß Sie die Aufrichtigkeit unserer Gefühle zu gut kennen, um dieses bescheidene Zeugniß unserer Hochachtung nicht zurückzuweisen.“ — Da ich gerade zu jener Zeit Rector der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin war, veranlaßte ich den Senat dieser Hochschule zur Absendung eines Glückwunsches. Als Verf. dieses Schreibens, das sich in großen Zügen gemäß der bei solchen Anlässen üblichen Formen an die Persönlichkeit des Jubilars richtet, erlaube ich mir, die Uebersetzung der Adresse hierherzusetzen, weil ich dadurch der Pflicht überhoben werde, die Persönlichkeit von Hermite zusammenfassend zu schildern.
Der Senat der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin hat mich in seiner letzten Sitzung beauftragt, Ihnen gelegentlich der 70. Wiederkehr Ihres Geburtstages seine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen; er schließt sich damit den Wünschen der ganzen wissenschaftlichen Welt an, und ich fühle mich glücklich, daß das Amtsjahr meines Bectorates mir diese Ehrenpflicht auferlegt. Im Monate Januar des Jahres 1843 oder etwa vor einem halben Jahrhundert haben Sie Ihren ersten Brief an unseren Landsmann C. G. J. Jacobi gerichtet, den Sie in einem Ihrer späteren Briefe als den unsterblichen Meister bezeichnen, dessen Arbeiten das Studium Ihres ganzen Lebens gebildet haben und weiter bilden werden, und in wenigen Tagen werden wir den Todestag des vielbeklagten Kronecker feiern, dieses Ihnen so eng verwandten Genius, mit dem eine innige Freundschaft Sie während eines langen Lebens verbunden hat, und dessen Gedächtniß Sie in wahrhaft ergreifenden Worten geehrt haben. Welche Fülle von Meisterwerken Ihres reichen Geistes, von denen ein Theil in unserem Journal für die reine und angewandte Mathematik veröffentlicht ist, liegt zwischen diesen beiden Ereignissen! Darum ist es nur billig, daß die Königliche Technische Hochschule die Erlaubniß nachsucht, unter der Menge derer Zutritt zu erhalten, die sich heute zu Ihnen drängen, um Sie zu beglückwünschen für die Fortschritte, welche die Mathematik unter Ihren Händen gemacht hat; zugleich wollen wir mit den Uebrigen Ihnen für alle Güte danken, die Sie den Jüngern unserer Wissenschaft stets entgegengebracht haben, wenn sie in dem Wunsche nach Ermuthigung Ihnen die Proben ihrer Arbeiten zur Beurtheilung unterbreiteten. Indem Sie Ihre Arme jedwedem öffneten, der Ihnen die bescheidenen Früchte seiner Forschung darbot, haben Sie ein vorurtheilsfreies und wohlwollendes Herz offenbart und in großartiger Weise dazu beigetragen, die Idee einer allgemeinen, die ganze Menschheit umspannenden Wissenschaft lebendig zu erhalten. Die Anerkennung, welche (Seite 350/2) Sie für alle Altäre der Wissenschaft bekundet haben, auf denen das Feuer Ihres Genius die Flammen entzündet hat, und die Bescheidenheit, die der schönste Schmuck Ihres reichen und fruchtbaren Geistes ist, haben Sie, hochgeehrter Herr, so hoch emporgehoben, daß wir alle uns in Ehrfurcht vor Ihnen neigen und uns glücklich preisen, daß wir die Macht Ihrer Erfindungsgabe und Ihres Scharfsinns, nicht minder aber die unerschöpfliche Güte Ihres Herzens voll Bewunderung haben schauen dürfen. Möge der Himmel Sie noch lange vor den Gebrechen des Alters schützen, damit die Strahlen der Glorie, die von Ihrem herrlichen Geiste ausgehen, die Mitwelt noch länger erleuchten und erwärmen.
Auf dieses Glückwunschschreiben erfolgte unter dem 25. Januar 1893 die folgende Antwort, deren Uebersetzung wir zum Schluß als Probe für die edle Denkweise und Ausdrucksweise Hermites ebenfalls zum Abdruck bringen.
Geehrter Herr Rector! Haben Sie die Güte, beim Senate der Technischen Hochschule der Dolmetscher meiner ehrfurchtsvollen und tiefen Dankbarkeit zu sein und ihm auszusprechen, wie glücklich ich bin, gelegentlich der 70. Wiederkehr meines Geburtstages das Zeugniß seiner Achtung und Sympathie erhalten zu haben, mit dem Sie mich beehrt haben. Sie haben ganz richtig mich hierbei daran erinnert, daß ich vor einem halben Jahrhundert meinen ersten Versuch Jacobi zugesandt habe, dessen Genius mir gerade damals die mathematische Laufbahn eröffnet hatte, auf der ich mich während meines ganzen Lebens an seinen Arbeiten begeistern sollte. Dem Dank, den ich dem Senate der Technischen Hochschule ausspreche, erlaube ich mir, mein Herr Rector, den Ausdruck der ewigen Erkenntlichkeit gegen Gauss und Jacobi hinzuzufügen, die einen so großen Raum in meinem Forscherleben eingenommen haben, die den Ruhm Deutschlands und des menschlichen Denkens bilden. Das Suchen und Forschen gewährt aber auch noch andere Belohnungen als die Entdeckung der Wahrheit; mir ist dadurch die Freundschaft von Borchardt und Kronecker zu Theil geworden, die während so vieler Jahre die Vertrauten meiner Untersuchungen gewesen sind, und deren Andenken mit meinem Denken ebenso verknüpft ist wie meine Trauer um ihren Heimgang. Noch manche andere haben auf mich durch den Zauber ihrer Zuneigung gewirkt und mich an Ihr Vaterland mit den Banden der Wissenschaft und der Freundschaft gefesselt. Die Festigkeit und die Tiefe dieser Verbindung kann durch nichts gestört werden; ich werde sie bis zu meinem letzten Tage treu bewahren. Indem ich den gefühlswarmen Ton Ihres Briefes erfasse, erlaube ich mir, Herr Rector, auch Sie unter die Zahl meiner deutschen Freunde zu begreifen und unter Erneuerung des Ausdruckes meiner tiefen Dankbarkeit gegen den Senat der Technischen Hochschule zu Berlin gestatte ich mir, Ihnen die Versicherung meiner Hochachtung sowie meiner Gefühle aufrichtiger und herzlicher Zuneigung auszusprechen.
Quelle:
Naturwissenschaftliche Rundschau, Bd. 16 (1901), S. 333-335 und 348-350
Letzte Änderung: März 2026 Gabriele Dörflinger
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