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Karl Theodor Wilhelm Weierstrass. |
Nachruf von Prof. Emil Lampe in Berlin. |
(Seite 218/1) Karl Theodor Wilhelm Weierstrass ist als ältester Sohn des Bürgermeisters Weierstrass zu Ostenfelde im Regierungsbezirk Münster am 31. Oktober 1815 geboren und gehörte, wie seine drei Geschwister, von denen sein Bruder Professor Peter Weierstrass, ein Philologe, und seine Schwester Elise ihn überleben, der katholischen Confession an, da sein Vater zum Katholicismus übergetreten war. Auf dem Gymnasium zu Paderborn von Ostern 1829 bis zum Herbste 1834 für das Studium vorbereitet, bezog er die Universität Bonn und studirte dort von 1834 bis 1838 in der juristischen Facultät die Rechts- und Cameralwissenschaffcen. Als eifriges Mitglied des Corps Saxonia fehlte er, wie er später gern erzählte, keinen Abend auf der Verbindungskneipe. Das juristische Studium, aus welchem als einzige Leistung eine kräftige Opposition bei der Promotion eines Freundes erwähnt wird, befriedigte ihn jedoch nicht, und daher begab sich der dreiundzwanzigjährige Jüngling, der schon früh durch die „Mécanique céleste“ mächtig angezogen worden war, zu Gudermann nach Münster und studirte hier unter der Leitung dieses von ihm ungemein verehrten Lehrers privatim in den Jahren 1838 bis 1840 Mathematik; nur eine Vorlesung Gudermann's hat er in dieser Zeit gehört. Im Sommer 1841 bestand er das Examen pro facultate docendi in Münster und lieferte bei dieser Gelegenheit die Bearbeitung dreier Aufgaben, unter ihnen eine, bei der er sich die selbstständige Wahl des Themas erbeten hatte. Nach Ablegung des Probejahres in Münster bis zum Herbste 1842 übernahm er die Stelle eines Lehrers an dem Progymnasium zu Deutsch-Krone unweit Schneidemühl im äussersten, westlichen Zipfel der Provinz Westpreussen und verblieb daselbst sechs Jahre. Von 1848 an war er Oberlehrer an dem Gymnasium zu Braunsberg in Ostpreussen. Während seiner Gymnasiallehrerzeit verfasste er die Arbeiten über Abel'sche Functionen, deren Veröffentlichung seinen Ruhm begründete. In den Ferien kehrte er gern zu den Eltern und Geschwistern, mit denen er durch herzliche Liebe verbunden blieb, nach Westfalen zurück. Da sein Vater inzwischen Salinenbeamter zu Westernkotten geworden war, so ist unter anderem seine erste im Сrelleschen Journale erschienene Arbeit zur Theorie der Abelschen Functionen aus Westernkotten vom 11. September 1853 datirt.
Als erste Frucht dieser Aufsehen erregenden Arbeiten erhielt er 1854 honoris causa den Doctorhut von der Universität Königsberg i. Pr., wo Richelot, durch Jacobi's Einfluss auf dasselbe Gebiet der Forschung gelenkt, zuerst erkannt hatte, wie weit der Braunsberger Gymnasiallehrer alle Mathematiker überflügelte, welche sich mit derselben Frage beschäftigten. Nach einem vorangegangenen Aufenthalte von Weierstrass in (Seite 218/2) Königsberg wurde ihm die Ehre des Gegenbesuchs von Richelot in Braunsberg zu theil, und eben dahin eilte Borchardt aus Berlin, um den jungen gleichstrebenden Forscher zu besuchen; zu jener Zeit wurde zwischen beiden Mathematikern die Freundschaft angeknüpft, die ohne jede Trübung mit steigender Innigkeit anhielt, bis der Tod Borchardt's 1880 dem schönen Bunde ein plötzliches Ende bereitete, als Weierstrass auf dem Landsitze des erkrankten Freundes bei Rüdersdorf zu Beginn des Sommers selbst Erholung von einer Krankheit suchte. In in rührender Dankbarkeit gedachte Weierstrass am Tage der Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres des ersten Besuches seines Freundes zu Braunsberg . — Zum Zwecke weiterer Studien wurde Weierstrass 1856 unter Belassung seines Gehaltes nach Berlin beurlaubt, wie er auch vorher schon einen Urlaub für einen Aufenthalt in Königsberg erhalten hatte. Die Erledigung des Lehrstuhls der reinen Mathematik an dem damaligen Gewerbeinstitute zu Berlin schuf dann die günstige Gelegenheit, dem einundvierzigjährigen Gelehrten eine angemessene Stellung in der Hauptstadt des Königreiches zu verschaffen. Vom 1. Juni 1856 an wurde er als Lehrer für die reine Mathematik an dem Gewerbe-Institute angestellt; eine ausserordentliche Professur am der Universität wurde ihm zu Michaelis desselben Jahres verliehen. Zu derselben Zeit erfolgte auch seine Wahl in die Akademie der Wissenschaften, so dass er seine Antrittsrede am 9. Juli, dem Leibniztage des folgenden Jahres 1857, in der Akademie halten konnte. Die Erwiederungsrede des Secretärs Encke mit ihrem herzlichen Willkommensgrusse für den neuen Akademiker spiegelt die freundliche und erhobene Stimmung wieder, mit welcher der frühere Gymnasial-Oberlehrer in diesen erlauchten Kreis aufgenommen wurde.
Die anstrengende Lehrthätigkeit in Berlin, welche zwölf Stunden Vorlesungen an dem Gewerbeinstitnte erforderte, ausserdem mindestens eine Privatvorlesuag und ein Publicum an der Universität, ferner die in dem engen Verkehr mit den mathematischen Freunden gesteigerte wissenschaftliche Arbeit konnten nicht ohne Einfluss bleiben auf den Gesundheitszustand des neuen Professors. Infolge der Ueberreizung der Nerven zeigten sich seit 1860 wiederholte Schwindelanfälle, und eine sehr ernste Erkrankung während des Winters 1861/62 zang ihn zum Verzicht auf die Lehrthätigkeit an Gewerbe-Institute. Hier wurde er durch Aronhold vertreten, behielt aber das Einkommen der Stelle bis zum Frähjahre 1864. Erst zu diesem Termine war es möglich geworden, für ihn an der Universität zu den beiden ordentlichen Lehrstühlen für Mathematik, welche Ohm und Kummer inne hatten, ein drittes Ordinariat zu schaffen.
Diese Stellung behielt Weierstrass vom Sommer 1864 bis zu seinem Tode; in ihr haben wir ihn wirken und schaffen sehen, geehrt und geliebt von allen, welche das Glück hatten, mit ihm in Berührung zu kommen. Trotz aller Leiden, denen er Stand halten musste, hat er sein Leben höher gebracht, als wir es nach dem Einbruch in seine Gesundheit zu Anfang der sechziger Jahre hoffen durften. Zur Feier seines siebzigsten Geburtstages wurde ihm von Freunden und Schülern seine Marmorbüste überreicht, eine Denkmünze mit seinem Bildniss geprägt; ein Festmahl vereinte viele Mathematiker aus nah und fern. Die Arbeitspause, welche er sich hiernach auferlegen musste, war bedeutend länger als sonst. Wiederholt versuchte er dann die Aufnahme seiner Lehrthätigkeit und konnte noch mehrere Male, besonders im Sommer, seine Vorlesungen beendigen. Endlich jedoch musste er auf diese ihm so liebe Beschäftigung verzichten. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er still in seinem Hause auf dem Rollstuhle zu, weil er nicht mehr selbständig gehen konnte. Ohne vermählt gewesen zu sein, führte er mit seinen zwei Schwestern, von denen die eine, Clara, ihm vor Jahresfrist im Tode vorangegangen (Seite 219/1) ist, ein trautes Familienleben, in das er Jeden gern einführte, der zu ihm in nähere Beziehungen trat. Ein Lungenleiden, vielleicht Folge der Influenza, die in seinem Hause herrschte, bereitete ihm am 19. Februar 1897 ein schnelles Ende. Dies sind die äusseren Umrisse eines an wissenschaftlicher Arbeit und an hoch bedeutsamen Früchten derselben reich gesegneten Lebens.
Im Hinblick auf die frühe Entwickelung mancher Mathematiker ersten Ranges, die oft schon im Knabenalter deutliche Zeichen der ihnen angeborenen Geistesrichtung gegeben haben, ist wohl die Meinung ausgesprochen worden, dass die höchsten Leistungen in der Mathematik nur von solchen Geistern stammten, die sich von Kindheit an in mathematischen Forschungen ausgezeichnet hätten. Als Gauss seine Disquisitiones arithmeticae bereits vollendet hatte, stand er in demjenigen Lebensalter, in welchem Weierstrass erst anfing, sich dem Studium der Mathematik zu widmen. Trotz solcher und ähnlicher Beispiele muss man aber jene Meinung als irrig erklären. In unserem vielgestaltigen Leben gehören günstige Einflüsse der nächsten Umgebung eines Kindes dazu, um die Entfaltung mancher Geistesanlagen, die in der Knospe vorhanden sind, zu begünstigen, jene Knospe zur Blüte zu bringen. Besonders können bedeutende Personen, mit denen das Kind zusammentrifft, vor allem anregende Lehrer dem kindlichen Gemüte Neigung für einen Beruf einflössen, für den keine besonderen Talente vorhanden sind. Kummer und Emil du Bois-Reymond sind von der Theologie aus, jener zur Mathematik, dieser zur Physiologie übergegangen und haben dann in diesen neuen Gebieten das Feld gefunden, wo ihre Genien alle Kräfte entfalten konnten. Und wenn ein Weierstrass erst nach der Beendigung des juristischen Trienniums erkennt, dass seine wahre Bestimmung um auf die Mathematik weist, so braucht man sich nicht zu ereifern, wenn junge Männer nach den ersten Semestern des Studiums statt des zuerst erwählten Faches ein anderes vorziehen. Dass aber in Weierstrass die höchste mathematische Befähigung und ein eiserner Fleiss mit zielbewusstem Willen gepaart waren, das ist uns über alles Erwarten offenbar geworden, als 1894 der erste Band seiner Werke mit den Arbeiten erschienen ist, welche in den drei Jahren seines Aufenthaltes in Münster entstanden sind und bisher ungedruckt bei ihm im Kasten geruht hatten. Die im Sommer 1840 abgefasste Arbeit für die Oberlehrerprüfong zeigt den ehemaligen Juristen als fertigen Mathematiker und im Besitze derjenigen Gedanken und Hülfsmittel, die ihn zu den höchsten Ergebnissen führen sollten. Es ist gewiss selten, dass eine nach so kurzer Studienzeit und zu solcher Gelegenheit verfasste Arbeit 54 Jahre nach ihrer Entstehung das Interesse wissenschaftlicher Kreise in gleichem Masse fesselt; nicht weniger merkwürdig ist es, dass sie solange ungedruckt geblieben ist, obschon der Verfasser seitdem mehrfach aufgefordert wurde, die ganze Arbeit zu veröffentlichen, von der ein Theil des Inhaltes in eine andere Abhandlung im 52. Bande des Crelleschen Journals übergegangen war.
Die Functionenheorie ist nämlich das Lebenswerk des grossen Todten. Nicht möchte ich dies so verstanden wissen, als ob Weierstrass, wie ein einseitig gebildeter Mathematiker, nur ein Gebiet gekannt und bearbeitet, die anderen vernachlässigt hätte. Im Gegentheil, man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Universalität er alle Zweige der Mathematik beherrschte, wie genau er über alle hervorragenden Arbeiten seiner Wissenschaft Bescheid zu geben wusste, wie vielseitig er seine Schüler anregte. Wie aber Abel einst darüber erstaunt gewesen war, dass das scheinbar so sicher gefügte Gebäude der Mathematik keine zuverlässigen Fundamente besässe, so erkannte Weierstrass das Bedürfnis strengerer Methoden zur Sicherung der Wahrheiten der Analysis gegen alle Anzweifelungen. Die Schilderung der Leistungen (Seite 219/2) von Weierstrass auf diesem seinem Forschungsgebiete erheischt aber solche eingehenden sachlichen Auseinandersetzungen, dass der Versuch an dieser Stelle scheitern würde. Man braucht sich nur der Worte zu erinnern, mit welchen Kronecker am siebzigsten Geburtstage von Weierstrass die Tischrede einleitete, und zwar vor einer Versammlung, die zum grössten Theile aus Schülern des Jubilars bestand. Manche Probleme der Mathematik, so führte Kronecker aus, sind uralt und Jedermann geläufig, so die Quadratur des Kreises, die algebraische Lösung der Gleichungen. Das Problem aber, an dessen Lösung Weierstrass seine Lebensarbeit setzte, ist von ihm selbst grösstentheils erst formulirt, daher weder allgemein bekannt, noch auch mit wenigen Worten auszusprechen.
In dem Centrum aller Arbeiten von Weierstrass stehen die Abelschen Functionen; man könnte sogar sagen, dass alle allgemeinen functionentheoretischen Untersuchimgen von ihm nur zu dem Zwecke unternommen sind, um das Problem in Vollständigkeit und Klarheit zu lösen, das durch die Forderung der Darstellung der Abelschen Functionen seiner Zeit gestellt war. Auf diesem Gebiete begegneten sich die Forschungen von Weierstrass und Riemann; doch sind die Wege, auf denen die beiden gleichstrebenden Mathematiker ihre Ergebnisse erhielten, durchaus verschieden. Jedenfalls war Weierstrass von Bewunderung erfüllt für die Leistungen seines dem Leben nur zu früh entrissenen Rivalen, und die herzliche Aufnahme, welche Riemann 1859 bei seiner Anwesenheit in Berlin fand, als er nach seiner Ernennung zum korrespondirenden Mitgliede der preussischen Akademie den Berliner Mathematikern seinen Besuch abstattete, bewies ihm, wie hoch dieselben ihn schätzten; dies wurde ja später {1866) durch die Wahl Riemanns zum auswärtigen Mitgliede bestätigt.
Aus der Theorie der elliptischen Functionen ist vor allem das Aufgeben der Jacobischen Bezeichnungen, der Aufbau der ganzen Lehre mit Hülfe der „Weierstrassschen Functionen“ ℘(u) und σ(u) zu nennen. Es gehörte die Sicherheit und Klarheit des Meisters dazu, die Wege zu verlassen, auf denen Jacobi seine von der ganzen mathematischen Welt bewunderten Erfolge errungen hatte, und den Studenten eine nirgends veröffentlichte Theorie vorzutragen.
Wir weisen nur im Fluge auf die in den Abhandlungen der Berliner Akademie erschienene, epochemachende Arbeit zur Theorie der eindeutigen analytischen Functionen hin (1876), welche, wie mehrere andere Schriften von Weierstrass, ins französische übersetzt worden ist und auf die neueste Entwickelung der französischen Mathematik einen bedeutenden Einfluss ausgeübt hat. Die deutsche Nation trägt damit gegen die französische den Dank ab, der dieser letzteren für die fundamentalen Untersuchungen von Cauchy über Functionen mit complexen Variabeln geschuldet wird; denn auf diesen Forschungen beruhen ja wieder die bahnbrechenden Gedanken von Weierstrass, bei denen die Spuren Cauchyscher Überlegungen sich überall zeigen.
Der Nachweis einer stetigen Function, welche in keinem Punkte eine Ableitung besitzt, wirkte in höchstem Masse aufklärend für die Begriffsbestimmungen der ersten Eigenschaften der Functionen. Die im Anfange der sechziger Jahre gehaltene Vorlesung über Zahlen, die mit beliebig vielen Einheiten gebildet werden, wies damals schon auf Schwierigkeiten hin, die später den Ausgangspunkt fruchtbarer Forschungen gebildet haben. Auf dem Gebiete der Algebra lieferte Weierstrass einen Beweis des Fundamentaltheorems der algebraischen Gleichungen, sowie erschöpfende Behandlungen über die Transformationen quadratischer und bilinearer Formen. Für die Minimalflächen gab er die fundamentalen Entwickelungen, mit deren Hülfe Herr Schwarz die grosse Reihe seiner bedeutsamen Arbeiten auf diesem Gebiete (Seite 220/1) erledigen konnte. Kurz, wohin man auch auf dem Gebiete der Analysis blickt, überall wirkte Weierstrass reformirend, indem er stets bis zu den tiefsten Gründen der Fragen vordrang.
(Seite 232/2) Während er so in seiner Gedankenwerkstätte unablässig an den schwierigsten Problemen arbeitete, erledigte er noch manche anderen, zeitraubenden Geschäfte. Im Auftrage der Akademie gab er 1881/82 die gesammelten Werke von Steiner in zwei Bänden heraus, und nach dem Tode Borchardts (1880), der mit der Herausgabe der Jacobischen Werke betraut war, aber nur den ersten Band bis zum Drucke der letzten Abhandlung geführt hatte, übernahm Weierstrass auch die Last der Veröffentlichung dieser Werke und führte mit Hülfe seiner ihm getreulich beistehenden Schüler nach längeren Jahren (bis 1891) die Bearbeitung der sieben Bände glücklich ans Ziel. Ebenso trat er nach Borchardts (Seite 233/1) Tode in Gemeinschaft mit Kronecker die Erbschaft der Redaction des Journals für Mathematik an, von deren Geschäften er sich aber in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mehr und mehr zurückzog.
In Anerkennung seiner Verdienste um die Universität, wo er wegen seines idealen Sinnes und seiner Lehrerfolge in höchstem Ansehen stand, erwählten ihn die Professoren der Hochschule 1873 zum Rector magnificus, und er bewährte sich hier, wie in seinem ganzen Leben, als ein Mann von Welt, dem in seinem natürlichen Wesen nichts ferner lag als die Art eines Stubengelehrten, der vielmehr sein Lebenlang den freien Ton eines frischen Burschen schätzte und liebte. Der in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom Sonntag dem 21. Februar erschienene, sympathische Nekrolog aus offenbar sachkundiger Feder berichtet, dass damals freundliche Beziehungen zu der kronprinzlichen Familie entstanden, und dass bei den Gesellschaften im kronprinzlichen Palaste besonders Moltke und Weierstrass sich zu einander hingezogen gefühlt und manches Stündchen in einer Ecke vertraulich plaudernd verbracht hätten.
Bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages erzählte Weierstrass mit grossem Behagen, dass er unter den vielen ihm in seinem Leben zugefallenen Pflichten vor 1848 in Deutsch-Krone das Amt eines Censors für das dortige Localblatt ausgeübt hätte. Der königliche Beamte, dem die Ueberwachung übertragen war, hatte eine Abneigung gegen die schönwissenschaftliche Litteratur und begnügte sich daher mit der Durchsicht des politischen Theils; die Beaufsichtigung des belletristischen Theiles übertrug er dem Mathematiker Weierstrass. Da nun gerade zu jener Zeit die Herweghschen Freiheitslieder erschienen und Weierstrass zugesandt wurden, so machte es ihm ein besonderes Vergnügen, unter den Augen des streng conservativen Censors die revolutionären Freiheitslieder abdrucken zu lassen, sicher, dass jener die Gedichte nicht lesen würde. Endlich wurde durch Einschreiten der vorgesetzten Behörden diesem burschikosen Spasse ein Ende gemacht, der nur dem Beamten, nicht aber dem Gymnasiallehrer Weierstrass Unannehmlichkeiten einbrachte. Hier haben wir den frischen, frohgemuten Weierstrass, der trotz seiner 28 bis 30 wöchentlichen Lehrstunden, unter ihnen Schreib- und Turnstunden, und trotz seiner tiefsinnigen Untersuchungen über die Abelschen Functionen im Kreise fröhlicher Freunde zu lustigem Schwanke bereit ist.
In der Enge der Kleinstadt und in den Banden des seine Kräfte beanspruchenden Standes eines Gymnasiallehrers fühlte er sich durchaus nicht unbehaglich; im Gegentheil, er bewahrte dieser Zeit ein dankbares Andenken und dachte noch an seinem 80. Geburtstage mit Frohgefühl an seine Gymnasiallehrerzeit zurück, tadelte auch diejenigen, welche sich in diesem Stande nicht wohl zu fühlen vermöchten. Was er damals in seiner Rückerinnerung beklagte, war die ganz ungenügende Bibliothek des Gymnasiums, für deren Ersatz das spärliche Einkommen keine hinreichenden Mittel bot, und der Mangel an Freunden des Faches zum Austausche von Gedanken. Er muss aber auch einen liebenswürdigen Director in Braunsberg gehabt haben, wie aus einer anmuthigen Erzählung hervorgeht, welche dieser über seinen früheren Untergebenen, den später so berühmten Akademiker in Umlauf gesetzt hat. Als eines Morgens aus einer Klasse grosser Lärm gehört wurde, stellte sich heraus, dass Weierstrass, der die Stunde zu geben hatte, nicht erschienen war. Der Director begab sich persönlich in die Wohnung von Weierstrass; auf das Anklopfen tönte von innen das Herein, und drinnen sass Weierstrass, obschon es lichter Tag war, im verdunkelten Zimmer bei herabgebrannter Lampe. Er hatte die Nacht hindurch gearbeitet und den Anbruch des Tages nicht gemerkt. (Seite 233/2) Vom Director darauf aufmerksam gemacht und auf die ihn erwartenden lärmenden Schüler hingewiesen, erwiderte er nur, er könne seine Arbeit nicht unterbrechen; denn er sei einer wichtigen Entdeckung auf der Spur, die in der Wissenschaft Aufsehen machen werde. Eine moderne Wiederholung des Noli turbare circulos meos!
Die Mittheilung dieser kleinen Geschichten scheint deshalb hier nicht unpassend zu sein, weil es sich ja darum handelt, aus solchen einzelnen Zügen das lebensvolle Bild des grossen Mannes zusammenzusetzen.
Derselbe freie Sinn, mit welchem Weierstrass das Leben gewissermassen als Souverän behandelte, zeigte sich auch in seinen Veröffentlichungen. Die Entdeckungen, welche er in seinem langen, arbeitsvollen Leben gemacht hat, sind von ihm nur zum kleineren Theile dem Drucke übergeben worden. Vielleicht verursachte ihm die Arbeit des Redigirens manche Unbequemlichkeit, zumal er an die endgültige Form peinliche Anforderungen stellte; vielleicht auch hatte er über irgend einen nebensächlichen Punkt noch nicht völlige Klarheit gewonnen; dies genügte dann für ihn, die Veröffentlichung zurückzuhalten. Wie Helmholtz von sich bei seinem Jubiläum einst offen sagte, er hätte seine Arbeiten im Grunde nur ausgeführt, um sich selber klar zu werden über die vorliegenden Probleme, an sonstige Zwecke aber hätte er kaum dabei gedacht, so gilt das gleiche auch von Weierstrass. Dieser trat sogar nach erlangter Klarheit mit seinen Ergebnissen nicht einmal immer in die Oeffentlichkeit, sondern war zufrieden, wenn er seinen Freunden und Schülern Einblick in seinen Gedankengang gewähren konnte. Hierin bewährte er die Trefflichkeit eines Ausspruches von Kummer: Eine echte Freude empfindet der Forscher nur einmal bei der Entdeckung einer Wahrheit; das spätere Anschauen derselben lässt kalt. Doch kommt jener Freude die andere nahe, wenn der Entdecker andere Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit leiten kann.
Besonders war es in den Vorlesungen an der Universität und in den Mittheilungen an die Mitglieder des auf Antrag von Kummer und Weierstrass 1861 gegründeten mathematischen Seminars, wo Weierstrass die Resultate seiner Forschungen entwickelte. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit dieser Vorlesungen wurden die Nachschriften derselben vervielfältigt, und dadurch verbreitete sich allm&aum;lig die Kenntnis der in ihnen niedergelegten Gedanken. In den gesammelten Werken werden die Hauptvorlesungen von denjenigen seiner Schüler bearbeitet erscheinen, die er schon bei Lebzeiten um die Uebernahme dieser ehrenvollen Arbeit gebeten hatte. Der Inhalt einiger dieser Vorlesungen ist schon früher ohne seine Mitwirkung veröffentlicht worden, so besonders in der „Theorie der analytischen Functionen“ von O. Biermann.
An dieser Stelle ist es vielleicht passend, einige Worte über die Vortragsweise von Weierstrass einzufügen. Als er 1856 in Berlin seine Vorlesungen begann, waren dieselben zwar durch Originalität, durch Tiefe der Gedanken und durch den Reichtum an Gesichtspunkten gleich ausgezeichnet; aber er hatte als Vortragender noch nicht die ruhige Sammlung gewonnen, durch welche die übersprudelnden Ideen für den Hörer in übersichtliche Entwickelungen zu bringen waren. In seinem freien Vortrage versah er sich leicht und war dann genöthigt, in der nächsten Vortragsstunde ganze Partien der vorangehenden Vorlesung zurückzunehmen und neu darzustellen. Dazu kam ein anderer, ihn belästigender Umstand. Wenn er beim Schreiben dicht vor der Tafel stand, so schienen sich ihm die Buchstaben an der Tafel zu bewegen, und damit war der Beginn der oben erwähnten Schwindelanfälle gegeben. Gegen diesen unangenehmen Einfluss schützte er sich nach den Erfahrungen der ersten Jahre seit 1862 (Seite 234/1) dadurch, dass er einen Zuhörer zum Schreiben an der Tafel benutzte, währepd er selbst, in einiger Entfernung bequem sitzend, mit seinem in der Hand gehaltenen Schlüsselbunde oder auch mit seinem Spazierstocke den Vortrag in nachdrücklichen Bewegungen begleitete und zugleich den Anschreiber überwachte. Auf diese Weise gewannen seine Vorträge allmälig die abgerundete und vollendete Gestalt, welche später an ihnen mit Recht gerühmt wurde.
Die Verehrung, mit welcher die Schüler von Weierstrass an ihm hingen, wurde aber besonders dadurch erzeugt und genährt, weil in ihm der hohe wissenschaftliche Sinn mit dem feinsten Verständnisse aller menschlichen Eigenschaften harmonisch vermählt war, sodass er von sich mit vollem Rechte hätte sagen können: „Homo sum, humani nil a me alienum puto“. Obgleich er ein klares Bewusstsein von dem Werte seiner Leistungen hatte, blieb er im Umgange mit Jedermann der schlichte, leutselige Mensch, der nichts Menschliches als gering achtete. Wie er einst von Gudermann als Privatschüler in die Mathematik eingeführt worden war, so nahm er die schüchterne Sonja Kowalevsky gütig auf, geleitete sie mit sicherer Hand in die Tiefen der mathematischen Erkenntniss und freute sich ihrer staunenswerthen Fortschritte. Bei der Veröffentlichung ihrer berühmten Doctordissertation äusserte er sich, er wäre froh, dass diese von ihm längst geplante Untersuchung damit abgeschlossen wäre; er selbst hätte nie die Zeit zu der mühsamen Durchführung erübrigt. Das Verhalten zu dieser seiner genialen Schülerin ist typisch für das Verhältnis, in welchem er zu seinen Schülern stand. Zwar ist das Urtheil offenbar viel zu hart, das Anna Charlotte Leffler über diese ihre Freundin in deren Biographie ausgesprochen hat: „Ihre ganze wissenschaftliche Wirksamkeit war nichts anderes als eine Entwickelung der Ideen ihres grossen Lehrers.“ Aber solch ein schiefes Urtheil hatte einen gewissen Grund in der Verschwendung, mit der Weierstrass seinen Gedankenreichthum seinen Schülern offenbarte. Aus der Fülle seiner Ideen schöpfend, kümmerte er sich nicht darum, was aus den Gaben wurde, die er als königlicher Spender um sich ausstreute. Wenn er in seinen Vorträgen der früheren Zeit einmal den Faden verlor, so freuten wir uns über solche Entgleisungen; denn bei den Ueberlegungen, die er dann mitzutheilen pflegte, entwickelte er aphoristisch eine Menge fruchtbarer Gedanken, von denen manche durch seine Schüler zu Abhandlungen verarbeitet wurden. Dabei fiel es ihm nie ein, solche Gedanken als sein Eigentum in Anspruch zu nehmen; man wird demnach den Ausspruch eines seiner Schüler verstehen: Weierstrass freue sich über jeden Gedanken, der ihm gestohlen werde, wenn er denselben bei dem Entwender wiederfinde.
Indem Weierstrass seine eigensten Gedanken auf seine Schüler vererbte, hatte er an ihren Arbeiten, wenn sie in seinem Sinne ausfielen, dieselbe Freude, wie ein Vater an den Erfolgen seiner Kinder. Daher blieb er auch in dauernder Freundschaft mit ihnen verbunden, und wie er seinen Schülern aus dem Schatze seiner Aufzeichnungen ohne Bedenken einzelne Bogen zum freien Gebrauche überliess, so erwartete er auch als verständlich ihre Unterstützung, wenn er ihrer bedurfte. Während des letzten Jahrzehntes seines Lebens, wo er zuerst seltener, nachher gar nicht mehr das Haus verlassen konnte, verabredeten sich die in Berlin ansässigen jüngeren Docenten und Professoren, welche seine Schüler sind, dahin, dass jeder von ihnen den geliebten Lehrer an einem bestimmten Wochentage der Reihe nach besuchte, um mit ihm zu plaudern über wissenschaftliches oder auch über die Vorfälle des täglichen Lebens, wenn ihn wissenschaftliche Gespräche zu sehr anstrengten. Wenn er zwischen seinen Schülern sass, so ging ihm das Herz wieder auf, besonders so (Seite 234/2) lange er noch ein Glas Wein mit ihnen trinken konnte. Welche Treue er ihnen bewahrte, davon wissen Viele zu erzählen. Eine seiner letzten Freuden, vielleicht überhaupt die letzte war es ja, als er wenige Tage vor seinem Heimgange die Berufung eines seiner Schüler auf einen Lehrstuhl der Mathematik erfuhr; eine Nachricht, die er mit Ungeduld erwartet hatte, von der er wiederholt sagte, er würde ihr Eintreffen nicht mehr erleben.
Bei der Vollendung des achtzigsten Lebensjahres, am 31. Oktober 1895, vereinten sich alle deutschen Mathematiker, um dem greisen Veteranen der Mathematik ihre Huldigung darzubringen. Feste in grösserem Stile zu feiern, verbot sich von selbst, weil der Jubilar, seit lange schon an den Rollstuhl gefesselt, auf ärztliche Anordnung nur etwa zwei Stunden lang die Abordnungen empfangen durfte, um die ihm von vielen Seiten dargebrachten Glückwünsche entgegenzunehmen. Bei dieser Gelegenheit war sein Bildnis für das Nationalmuseum in künstlerischer Vollendung gemalt worden; doch bei allen ihm zuströmenden Ehrungen versicherte er, es wäre für ihn die schönste Feier des Tages, seine Freunde und Schüler um sich sehen zu dürfen, die jetzigen Studenten in der Abordnung des mathematischen Vereins begrüssen zu können; innigen Dank liess er diesem Vereine zurufen für den Kommers, der zu seinen Ehren veranstaltet wurde, dem aber nur seine beiden Schwestern beiwohnen konnten.
Nachdem sein kräftig gedrungener Leib, der mehr als einundachtzig Jahre dem gewaltigen Geiste als Wohnung gedient hat, durch die vielen Leiden zuletzt gebrechlich geworden, sank er schliesslich dahin, des Lebens beraubt. Uns aber bleibt das Andenken an einen Mann, der wegen seiner geistigen Gaben den ersten der Menschheit zuzuzählen ist, und der doch immer schlicht und einfach war und nichts sein wollte als der Bruder seiner Mitmenschen.
Quelle: Naturwissenschaftliche Rundschau. Bd. 12 (1897), S. 218-220 und 232-234
Letzte Änderung: März 2026 Gabriele Dörflinger
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