Ida von Schmidt-Zabierow

HD2-HD1861-62

(Seite 2) „Durch Reisen nach England“, schreibt seine Schwägerin Freifrau v. Schmidt-Zabiérow, die ältere Tochter Robert v. Mohl's, „wie durch wiederholten langen Aufenthalt bei unseren Verwandten in Paris, in der durchgeistigten Atmosphäre des Salons unserer Tante in der Rue du Bac 120, dem Mittelpunkt vornehmer Geselligkeit, gelangte auch die glänzende Begabung meiner Schwester zur vollen Entfaltung, wurde ihr der Verkehr mit bedeutenden Menschen zum Bedürfniss. Reichliche Gelegenheit zur Anknüpfung fördernder Beziehungen ergab sich für meine Schwester nicht nur im elterlichen Hause, sondern in vielen damals in Heidelberg lebenden geistig und gesellschaftlich hochstehenden Freunden fremder Nationen. Erweiterung der Lebensanschauungen, gesteigerte Lebensbedürfnisse waren die nothwendige Folge dieser internationalen Verhältnisse. Die englische und französische Sprache beherrschte meine Schwester so vollständig wie ihre Muttersprache, jegliche Beschränkung auf abgegrenzte gesellschaftliche Kreise war ihr von früher (Seite 3) Jugend an unerträglich. Ihr frisches fröhliches Naturell, ihr Humor, ihr rasches Erfassen von Charakteren und Dingen mögen in ihrer Unmittelbarkeit beglückend auf Helmholtz gewirkt haben.“

H2-HD1865

(Seite 76) „Ich weiss in unverwischlicher Deutlichkeit“, schreibt seine Schwägerin, „dass ihn damals eine für das Gleichmaass seiner Natur geradezu leidenschaftliche Antheilnahme beherrschte. Die Tage nach dem 18. März fanden ihn in einer fast stürmischen Begeisterung, und ein kleiner Zug illustrirt das Gesagte sprechend. Er kam an einem jener Tage direct von Berlin zu uns, und als ich ihm meinen vierzehn Tage alten Jungen zum ersten Male zeigte, zog er strahlend aus der Westentasche eine schwarz-roth-goldene Cocarde, heftete sie dem Kinde an die kleine Mütze und gratulirte der „Bürgerin Mutter zu ihrem in Freiheit Erstgeborenen“. Der hübsche Scherz war ein beredtes Symptom für die in ihm arbeitende, leidenschaftliche Theilnahme an dem erwachenden Bewusstsein der Nation. Er verfolgte später die Debatten in der Paulskirche, die traurige Ausartung der Bewegung und endlich ihr Versumpfen und Versanden mit dem Antheil des Herzens und Charakters.“

H2-Physik

(Seite 119) Mitten in die Verhandlungen hinein fällt die Geburt seines Sohnes Friedrich Julius am 15. October 1868:

„Von Geburt an“, schreibt Frau v. Schmidt-Zabiérow, „war auch er ein schwächliches Kind, das nur durch unablässigste Sorgfalt und Pflege am Leben erhalten werden konnte, und dessen geistige wie körperliche Entwickelung die Quelle ununterbrochener Sorge für die Eltern war und (Seite 120) blieb. Es bedurfte der beispiellosen Widerstandsfähigkeit meiner Schwester, um dem doppelten Kummer der Krankheit ihrer beiden Söhne nicht zu erliegen, die Verdüsterung des Lebens ihres Mannes hintanzuhalten. Persönliches Leid sollte seine Arbeitskraft nicht beeinträchtigen, alltägliche Dinge sollten ihm ferngehalten werden. Dieses Bestreben lag dem Thun und Lassen meiner Schwester zu Grunde. Während sie sich in schwierigen Fällen seinen Rath erbat und sich seinem Urtheil unterwarf — „mir steigen überall Bedenken auf, wo ich Dich nicht habe, um meinen Ideen das Fundament zu geben“ — so verschonte sie ihn doch mit Klagen über Unabänderliches. Ihr fröhliches, warmes Temperament blieb nicht ohne Rückwirkung auf seine oftmals allem Irdischen entrückte Denkerseele.“

H2-Berlin

(Seite 189) „Meiner Schwester“, schreibt Frau von Schmidt-Zabièrow, „fiel der Abschied aus der süddeutschen Heimath, das Loslösen von den geliebten Jugendverhältnissen, das Scheiden aus dem Kreise der ihr warm ergebenen Freunde sehr schwer, doch erfasste sie in vollem Umfang die Bedeutung dieser Wendung in dem Leben ihres Mannes und brachte alle persönlichen Bedenken zum Schweigen.“

H3-Tod

(Seite 123) Am 18. Juli schreibt Frau von Helmholtz ihrer Schwester:

„… Seine Gedanken gehen wirr durch einander, Wirklichkeit und Traumleben, Wünsche und Geschehenes, Ort und Zeit sind in nebelhafter schwankender Bewegung vor seiner Seele — meist weiss er nicht, wo er ist — glaubt auf Reisen, in Amerika, auf dem Schiffe zu sein. Die Bilder vom Niagara musste ich herannehmen lassen … Es ist immer, als wäre seine Seele weit, weit weg, in einer schönen edlen Sphäre, wo nur Wissenschaft und ewige Gesetze herrschen — dann stimmt das mit nichts, was ihn umgiebt, und er wird unklar und irre…“

(Seite 140) „Verzeiht mir, dass ich hier sterbe“, waren ihre letzten Worte.
„Ihre Sehnsucht nach der unerreichbaren heissgeliebten Tochter war für uns Verzweifelnde herzzerreissend.“

„Lasse ich die Jahre“, schreibt Frau von Schmidt-Zabierow, „in welchen sich das äussere Leben meiner Schwester in Berlin sowie das meine in Oesterreich durch die Stellungen unserer Männer und günstige Umstände stetig weitete, in der Erinnerung an mir vorüberziehen, so ist das Bild meiner Schwester eine Lichtgestalt, zu der ich in allen Verwickelungen und Schwierigkeiten vertrauensvoll emporblickte. Ihrem sicheren Urtheile, ihrem reichen Seelenleben, der Lauterkeit ihrer Gesinnung entströmte jene Kraft, die ihren Einfluss, ihr selbst oft unbewusst, auf ihre Umgebung, auf Hoch und Niedrig, auf Alle, die mit ihr in Berührung kamen, zu allen Zeiten sicherte. So wie die schlichte Arbeiterfrau aus dem Volke Verständniss für die Mühsal ihres Lebens, Trost und Hülfe bei meiner Schwester fand, so schöpften die auf der Höhe des Daseins Wandelnden, gekrönte Fürstinnen, den Sorgen und Anschauungen der Alltäglichkeit weit entrückt, aus der reichen Lebenserfahrung meiner Schwester das Erkennen der Möglichkeiten weitgreifender socialer Reformen. Mit einem Worte, Nichts Menschliches war ihr fremd.“