Günter Kern:
Die Entwicklung des Faches Mathematik
an der Universität Heidelberg

  Zur Inhaltsübersicht
(Seite 1)

I.1     EINLEITUNG

Das 19. Jahrhundert sah einen enormen Aufschwung der deutschen Universitäten, wobei vor allem die Naturwissenschaften diesen Fortschritt trugen. An der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg prägten in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts insbesondere Gustav Robert Kirchhoff und Hermann Helmholtz die Physik, Robert Bunsen, Viktor Meyer und Theodor Curtius um die Jahrhundertwende führten die Heidelberger Chemie zu Weltruhm (1.1). Daher stellt sich die Frage, inwieweit die Mathematik an der Ruperto Carola diesem Aufschwung folgen konnte, welche Persönlichkeiten hier prägend waren.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts war die Mathematik in ganz Deutschland eher zurückgeblieben, das Zentrum mathematischer Forschung lag in der französischen Hauptstadt Paris, wo die berühmtesten Mathematiker lehrten, darunter Lagrange, Laplace, Legendre, Fourier, Poisson und Cauchy (1.2). Erst mit Carl Gustav Jacob Jacobi und der von ihm gegründeten Königsberger Schule trat ab dem zweiten Drittel des vergangenen Jahrhunderts die Wende an deutschen Hochschulen ein (1.3). Daher wird auch die Frage zu beantworten sein, welche Stellung die Heidelberger Mathematik innerhalb Deutschlands einnahm (1.4).

Den Ausgangspunkt sollen dabei die Ordinarien der Heidelberger (Seite 2) Mathematik bilden, besonderes Augenmerk wird jedoch den Habilitanden, deren Habilitationsthemen sowie deren Forschung und Lehre in Heidelberg gewidmet werden (2.1). Gerade ihre Zahl und ihr weiterer Werdegang, d.h. ihre Stellung in der Mathematik als Forscher und Lehrer evtl. sogar an anderen Universitäten, läßt Rückschlüsse auf den Bekanntheitsgrad des Ordinarius und damit auf die Stellung einer Universität zu. Eine Eingrenzung findet der zu betrachtende Zeitraum — von 1835 bis 1914 — dabei durch zwei zumindest für Heidelberg wichtige und bedeutende Persönlichkeiten. So steht am Beginn des Untersuchungszeitraumes das Ausscheiden Carl Christian Langsdorfs aus der Vorlesungstätigkeit an der Ruperto Carola im Jahr 1827 und dessen Tod im Jahr 1834, worauf Ferdinand Schweins das alleinige Ordinariat für Mathematik einnahm; das Ende dieses Zeitraums wird gekennzeichnet durch das Ausscheiden Leo Königsbergers als Ordinarius aus der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät im Frühjahr 1914 (2.2).

(Seite 3)

I.2     Zur Quellenlage

Als Grundlage dienten der Untersuchung in erster Linie die Fakultätsakten der Philosophischen Fakultät bis 1890 (3.1), nach der Loslösung der naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer die Akten der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät (3.2). Hieraus ergaben sich die Promotions- und Habilitationsvorgänge, Herkunft und Bildungsgang der Habilitanden, oftmals waren bei Beförderungsgesuchen auch Listen aus der akademischen Quästur beigelegt, die Aufschlüsse über zustandegekommene Vorlesungen und über die Hörerzahlen gaben. Dies erwies sich als umso wertvoller, da nur für die Hälfte der Habilitanden Quästurakten vorliegen; dasselbe trifft auch auf die Ordinarien zu (3.3). Ebenso gaben die Personalakten der Habilitanden wichtige Auskünfte über Lebensläufe und Werdegang der einzelnen Mathematiker nach ihrer Habilitation und bis zum Ausscheiden aus der Ruperta Carola (3.4). Somit konnte anhand dieser Akten für die meisten der in Frage kommenden Gelehrten ein umfassendes Bild ihres Wirkens in Heidelberg gewonnen werden (3.5).


Zur Inhaltsübersicht:   Historia Mathematica     Heidelberger Texte zur Mathematikgeschichte     Die Entwicklung des Faches Mathematik …