Hermann Nothnagel

S. 92 - 97 aus

Mecenseffy, Grete:
Evangelische Lehrer an der Universität Wien. - Graz [u.a.] : Böhlau, 1967. - 274 S. : Ill.
Signatur der UB Heidelberg: 68 B 230


Hermann Nothnagel

1841 September 28 bis 1905 Juli 7


Mit Hermann Nothnagel betritt einer der edelsten Helfer der Menschheit das Gebiet der medizinischen Arena Wiens. Seine vor hundert Jahren geschriebenen Briefe an seine Eltern klingen wie aus einem versunkenen Traumland, voller kindlicher Liebe, voller Treue und Verehrung, getragen von einem unerschütterlichen Gottesglauben, der auf umfassender Bibelkenntnis ruhte.

Er wurde als Sohn eines mit äußeren Gütern nicht gesegneten, aber in seiner Gesinnung tadellosen Landarztes in Alt-Lietzegöricke in der Neumark als ältester Sohn geboren; ihm folgten drei Schwestern, die mit großer Liebe und Bewunderung an dem Bruder hingen. Früh zeigte sich die ungewöhnliche Begabung des Knaben. Er schloß das Gymnasium mit einem glänzenden Zeugnis ab und begann, der geringeren Kosten wegen, an der Militärärztlichen Bildungsanstalt in Berlin, der Pepinière, Medizin zu studieren, denn sein Ziel war, als praktischer Arzt zu wirken und seinen leidenden Mitmenschen zu helfen. Im Juni 1863 legte er glänzende Rigorosen ab und trat bei Professor Ludwig Traube an der Charité als Unterarzt ein. Er arbeitete fleißig und unermüdlich. 1864 mußte er einrücken und in einem Lazarett Dienst machen. 1865 legte er das Staatsexamen ab und bald eröffnete sich ihm die akademische Laufbahn, als sein Stabsarzt Ernst von Leyden ihm eröffnete, daß er Aussicht habe, an die Universität nach Königsberg zu kommen und ihn als seinen Assistenten mitnehmen wolle. Solch vorzüglichen Eindruck hatte Nothnagel auf seinen Vorgesetzten gemacht. Für die Zeit der Assistentenstelle wurde er vom Militärdienst freigestellt. Ein neuer Abschnitt seines Lebens hatte begonnen.

In Königsberg wurde er zum Dienst an der Poliklinik eingeteilt. Die Arbeitslast war gewaltig, und es schmerzte ihn tief, daß er zur Silberhochzeit der Eltern nicht nach Hause fahren konnte, aber die Pflichterfüllung ging ihm über alles. Bald wurde er von den Studenten gebeten, Vorlesungen zu halten. Seine friedliche Betätigung wurde durch den Krieg von 1866 unterbrochen. Er kehrte aus dem Felde heim mit Entsetzen und Ekel vor dem Schrecklichen, das er hatte sehen müssen, und mit einem Fluch gegen den Krieg auf den Lippen. Er hatte auch die Korruption kennengelernt, die der Krieg mit sich bringt.

In Königsberg habilitierte er sich 1866 für Innere Medizin. In der Hauptstadt Ostpreußens begann nicht nur seine wissenschaftliche Laufbahn, dort lernte er auch das Mädchen kennen, das seine innigstgeliebte Gattin wurde, Marie Teubner, die aus Freistett in Baden stammte. Als er 1868 in sein militärisches Dienstverhältnis nach Berlin zurückkehren mußte, ließ er die venia legendi dorthin übertragen. Damals entstand eine Reihe neurologischer Arbeiten. Im Juni 1870 wurde Nothnagel nach Breslau versetzt. Er richtete dort eine hübsche Wohnung ein und gedachte zu heiraten. Da brach im Juli der Deutsch-Französische Krieg aus. Bevor er ins Feld ging, heiratete er in aller Stille in Breslau.

In Lunéville und Châlons lag er lange als Stabsarzt. Im Sommer 1871 konnte er nach Breslau zurückkehren, an dessen Universität er nun lehrte. Als er auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte 1872 in Leipzig weilte, erreichte ihn die Berufung als ordentlicher Professor der Arzneimittellehre und medizinischen Klinik nach Freiburg im Breisgau. Er wirkte dort als pharmakologischer Kliniker. Dort entstanden die ersten Arbeiten über Gehirnkrankheiten. Herzlichste Freundschaft verband ihn bald mit dem Professor der Chirurgie, dem Billroth-Schüler Vinzenz Czerny. 1874 wurde die Freiburger Zeit durch die Berufung nach Jena beendet. Auf diesem alten deutschen Kulturboden, der Universität Friedrich Schillers, des Lieblingsdichters Nothnagels, fühlte sich der Arzt und Forscher so recht in seinem Element. Jena ist die Zeit der vollen Entfaltung seiner Kräfte geworden. Er führte seine Forschungen über Gehirnerkrankungen fort, die in seinem Hauptwerk „Topische Diagnostik der Gehirnkrankheiten“ ihren schriftlichen Niederschlag fanden. Das Werk galt als die hervorragendste klinische Arbeit der damaligen Zeit. Außer der Gehirnphysiologie und Neuropathologie waren es die arhythmische Herztätigkeit, die perniziöse Anämie, die Krankheiten der Verdauungsorgane, die ihn beschäftigten. Neben dem Forscher stand der Lehrer und Arzt, der auch als Consiliarius eifrig tätig war. Denn er galt als genialer Diagnostiker und hervorragender Arzt; immer wieder hat er ausgesprochen, daß nicht die Krankheit zu behandeln sei, sondern der Kranke. In ihm wirkte das wahrhaft Humane der Geistesfürsten der großen Weimarer Epoche. Jena war auch die Zeit seines persönlichen Glückes an der Seite einer geliebten Frau, inmitten dreier Kinder, zweier Mädchen und eines Knaben. Jena wurde aber auch die Zeit der unsäglichen Trauer: 1879 starb der Vater nach einem qualvollen Leiden; immer wieder hatte der Sohn sich Tage abgerungen, um den Todkranken in Lietzegöricke zu besuchen. 1880 wurde ihm nach der Geburt eines Töchterchens die Gattin infolge einer septischen Erkrankung, die die Amme eingeschleppt hatte, entrissen, knapp vor dem zehnten Hochzeitstag. Diesen Verlust hat er nie überwunden; er erleichterte ihm den Abgang aus Jena, als der Ruf aus Wien an ihn erging.

Dort war durch den Tod Adalbert Ducheks im Jahre 1882 die I. Medizinische Lehrkanzel frei geworden. Die II. war seit 1872 mit Heinrich von Bamberger ausgezeichnet besetzt, und dieser war es, der als Nachfolger Ducheks den hervorragenden Kliniker, Professor Nothnagel in Jena, unico loco vorschlug. Diesem Gutachten schloß sich die Mehrheit des Professorenkollegiums an; zwei widersprachen. Es waren die alten Gegner Billroths, die 1867 seiner Wundfieberbehandlung entgegengetreten waren: Eduard Albert und Salomon Stricker; sie hätten gern einen Österreicher an Nothnagels Stelle gesehen, aber es gab eben keinen einheimischen Kliniker von der Bedeutung und der Autorität des Jenaer Professors. Am 11. Juli 1882 erfolgte die Ernennung durch den Kaiser. Nothnagel löste sich trotz seinem Streben, von Jena wegzukommen, nicht leicht von dem Orte, in dessen Nähe seine Mutter und seine Schwestern wohnten. Marie ging mit ihm nach Wien, um ihm den Haushalt zu führen.

Trotz der leichten Enttäuschung, die Nothnagel angesichts der räumlichen Verhältnisse in Wien empfand, hat er sich in den Kreis der hervorragenden Gelehrten an der Universität und in die großen Aufgaben, die ihm gestellt wurden, glänzend eingelebt; allerdings hat er das Kulturleben der Zeit nicht in gleicher Weise miterlebt wie Billroth. Dieser wurde einer der besten Freunde, wenn er auch mit etwas Bangen die große Arbeitslast der Privatpraxis betrachtete, die Nothnagel aufbaute. Bambergers Prognose: „Sie werden hier zufrieden sein und sich wohlfühlen!“ hat sich voll und ganz erfüllt. Wie so viele andere ist auch Nothnagel zum Österreicher geworden und hat dem neuen Vaterland seine ganze Kraft gewidmet. Seine Antrittsvorlesung am 16. Oktober 1882 zeigte, daß er über das wissenschaftliche Erbe, das er übernehmen sollte, ausgezeichnet unterrichtet war; sie deutete allerdings auch die großen Anforderungen an, die er an die „klinischen Semester“ stellte. Die Rede enthielt den Satz, der ihm aus tiefstem Herzen kam: „Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein.“

Die Arbeit überfiel ihn mit Macht, sie verzehrte ihn förmlich, aber er suchte ja Vergessen in ihr. Seine Hörerschaft zählte bald nach Hunderten. Nothnagels ungewöhnliche Beherrschung der Sprache, sein enormes Gedächtnis, eine staunenswerte Kenntnis der Literatur standen ihm jederzeit zur Verfügung. Keiner seiner Schüler hat seine Vorlesung über „Spezielle Pathologie und Therapie“, die am Krankenbett stattfand, je vergessen können. Glanzvoll behandelte er die Therapie der Herzkrankheiten, die topische Diagnostik von Gehirntumoren oder den Typhus abdominalis.

Nothnagel wurde ein hervorragendes Mitglied der „Gesellschaft der Ärzte“, Begründer der „Wiener Gesellschaft für Innere Medizin“. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift für klinische Medizin und des Deutschen Archivs. Unbegreiflich ist, daß er so spät zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften vorgeschlagen wurde, daß er die Bestätigung durch den Kaiser nicht erlebte. Dennoch hat ihn die Regierung geehrt durch die Ernennung zum Hofrat, die Verleihung des Leopoldsordens und die lebenslängliche Berufung ins Herrenhaus. Nachdem Bamberger 1888 gestorben war, war Nothnagel der erste Kliniker der Monarchie. Es gelang ihm, den bisher immer in Wiesbaden tagenden (IX.) Kongreß für Innere Medizin 1890 nach Wien zu laden. Er hat ihn mit einer glänzenden Eröffnungsrede begrüßt. Berühmt geworden ist auch seine Rede über „Die Grenzen der Heilkunst“, die er 1891 vor der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Halle hielt. Glanzvoll wurde am 28. September 1891 sein 50. Geburtstag gefeiert. Am Abend des 30. September gab es einen Festkomrners, an dem der älteste Assistent Nothnagels, Professor O. Rosenbach aus Breslau, die Rede hielt. Er hat ihn als großen Freund der Menschheit gepriesen.

Die dreizehn Jahre, die Nothnagel in Wien gegönnt waren, hat er großartig genützt und zum Ruhm der II. Medizinischen Schule nicht wenig beigetragen. Doch gab es auch Rückschläge, so zum Beispiel die Tragödie, die sich auf seiner Klinik abspielte, als durch Übertragung von Pestbazillen, mit denen experimentiert wurde, auf einen Diener der Klinik, auf den Dozenten Dr. Hermann Franz Müller und eine der Wärterinnen, der Tod der drei Menschen herbeigeführt wurde. Ganz Wien stand in heller Aufregung. In der Presse gab es Angriffe gegen Nothnagel, der einer gewissen Gruppe von Hetzern um seiner judenfreundlichen Einstellung willen zum Ärgernis geworden war. Aber er vermochte allen Verdächtigungen standzuhalten, begleitete den gestorbenen Arzt auf seinem letzten Wege und hielt in der Gesellschaft der Ärzte die Gedächtnisrede. Am 25. März 1900 sprach er in der Concordia über das Sterben. Damals ahnte er nicht, daß im gleichen Jahre der Tod ein Glied seiner Familie treffen würde. Während der Abwesenheit des Vaters von Wien verübte sein begabter Sohn Walter Selbstmord. Von diesem Schlag hat sich der große Gelehrte nicht mehr erholt, wenn er auch seinen Verpflichtungen auf der Klinik mit größter Pünktlichkeit nachkam und im Sommer 1905 länger als andere bis zum 6. Juli gelesen hat. Wohl muß er um sein Leiden gewußt haben, denn zu Beginn des Juli hat er einige qualvolle stenokardische Anfälle gehabt. Nach jenem vollen Arbeitstag des 6. Juli kam er erst gegen 11 Uhr zur Ruhe, als die Anfälle wieder einsetzten. Am Morgen fand der Diener den Entschlafenen; auf dem Nachttisch lag ein Zettel, auf dem der Kranke den Verlauf der vorletzten drei heftigen Anfälle aufgezeichnet hatte. Daneben lag ein Band der Schillerschen Gedichte; aufgeschlagen war: „Das Ideal und das Leben“. Nothnagel war ähnlich gestorben wie Billroth, dessen Ende die Freunde allerdings vorausgesehen hatten. Jener war mitten aus der Arbeit herausgerissen worden. Der Schmerz und die Teilnahme an dem schweren Verluste, den die Wissenschaft und die Freunde erlitten hatten, waren allgemein. Fünf Jahre später ehrte die Universität den großen Toten durch die Aufstellung des Denkmals unter den Arkaden, auf dem der Satz steht: Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein.

Werke:
De variis renum affectionibus quae nomine Morbus Brightii vulgo comprehendentur (Diss.), Berlin 1863. - Handbuch der Arzneimittellehre; Berlin 1870; 7. Aufl. mit Rossbach, 1894. - Schmerz und cutane Sensibilitätsstörungen, Berlin 1873. - Über die Diagnose und Aetiologie der einseitigen Lungenschrumpfung. Smlg. klin. Vorträge, Lpz. 1874. - Topische Diagnostik der Gehirnkrankheiten, Berlin 1879. - Beiträge ? zur Physiologie und Pathologie des Darmes, Berlin 1884. - Die Erkrankungen des Darmes und des Peritoneums. Spez. Pathologie u. Therapie 17, Wien 1898.

Quellen:
AVA Wien, Unterr.-Min. PA.

Literatur:
Gedenkreden: R. v. Jaksch, Prager MedWo 30/42, 1905. - J. Mannaberg, MümedWo 35, 1905. - E. v. Neusser, Trauerfeier d. Univ. Wien, 19. X. 1905. Mitt. d. Ges. f. innere Med. u. Kinderheilkde. IV/11, 1905. - Rektorsinauguration 1905/06. - F. Wechsberg, WikliRundschau 1905. - H. N. auf seiner Klinik, WimedWo 44, 1910. - M. Neuburger, H. N. Leben u. Wirken eines deutschen Klinikers, Wien 1922. - H. Wyklicky, H. N., der Begründer der Wr. Ges. f. innere Medizin. WikliWo 74, 1962. - NÖB XI, 1957. - Lesky.


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