Max Büdinger

S. 155 - 158 aus

Mecenseffy, Grete:
Evangelische Lehrer an der Universität Wien. - Graz [u.a.] : Böhlau, 1967. - 274 S. : Ill.
Signatur der UB Heidelberg: 68 B 230


Max Büdinger

1828 April 1 bis 1902 Februar 22


Der letzte Universalhistoriker, wie ihn Oswald Redlich in seinem Nachruf nannte, war als Sohn eines orthodoxen jüdischen Lehrers in Kassel geboren. Dem Grundsatz des Vaters entsprechend, erhielt der Sohn eine sorgfältige Erziehung und bezog nach Ablegung der Reifeprüfung die Universitäten Marburg, Bonn und Berlin. August Böckh und Karl Lachmann, Heinrich von Sybel und vor allem Leopold Ranke, als dessen Schüler er sich vornehmlich bezeichnete, waren seine Lehrer. In Marburg machte er die Gymnasiallehrerprüfung, erwarb 1851 den Doktorgrad pro venia docendi und begab sich im selben Jahre nach Wien. Er hoffte wahrscheinlich, im Zuge der Universitätsreform hier unterzukommen. Doch glückte ihm dies während des ersten Jahrzehnts seines Wiener Aufenthaltes nicht. Zunächst nahm er eine Erzieherstelle im Hause Rothschild an, gab sie aber bald auf, um sich ganz dem Studium der Geschichte widmen zu können. Seinem Wissenstrieb und seinem Fleiße entsprechend, entfaltete er bald eine ausgedehnte Forschungstätigkeit. Sein Ziel war die Darstellung der österreichischen Geschichte, und zwar nicht nur die Geschichte der habsburgischen Herrschaft, wie dies bisher in den Lehrbüchern der Fall war, sondern der römischen und mittelalterlichen Periode, Das Ergebnis war der erste Band der „Österreichischen Geschichte bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts“, in dem er sich bemühte, die Beziehungen aller Gebiete, die die Monarchie im Laufe der Zeit gebildet haben, in Querschnitten darzustellen. Als Verfasser von Aufsätzen und Rezensionen arbeitete er an der Zeitschrift für österreichische Gymnasien mit. Das größte Aufsehen erregte sein auf Sybels Veranlassung erfolgtes Eingreifen in den Streit um die Echtheit der von Palacky und den tschechisch-nationalen Kreisen hochgehaltene Königinhofer Handschrift. Diese Arbeit veröffentlichte Sybel 1859 im ersten Band der Historischen Zeitschrift. Nicht aus paläographischen Gründen, für die er sich nicht zu- ständig erklärte, sondern aus inneren Zusammenhängen und Hinweisen auf verwendete Literatur wies Büdinger die Fälschung der von Wenzel Hanka 1817 angeblich aufgefundenen Erzählungen und Gedichte nach. Deswegen wurde er von Palacky und seinem Kreise wütend angegriffen, obwohl damals schon ernste tschechische Forscher an der Echtheit zweifelten. Büdingers Behauptungen wurden etwa 30 Jahre später von Thomas Masaryk bestätigt.

Büdingers Umgang in Wien waren die evangelischen Kreise, die im Hause Rudolf Arthabers und in dem des Buchhändlers Moritz Gerold verkehrten. Zeuge dafür ist sein späterer Briefwechsel mit Rosa Gerold. Vor allem freundete er sich aber mit Theodor Sickel an, was für seine Zukunft wichtig wurde. Da Büdinger keine Stellung an der Universität erlangen konnte, seine Angelegenheit ziemlich festgefahren war und seine Mitarbeit an der Herausgabe der Reichstagsakten nicht zustande kam, wirkte die Berufung nach Zürich 1861 zum Ordinarius für allgemeine Geschichte wie eine Erlösung. Wie die Wiener Forschungstätigkeit die Vorbereitung für die akademische Arbeit in Zürich wurde, so ist die akademische Arbeit in der Limmatstadt Vorbedingung für die Berufung nach Wien geworden. Büdinger hat in Zürich vor steigenden Hörerzahlen Vorlesungen über den Verlauf der Geschichte vom Altertum bis zur Neuzeit und für eine kleine Zahl von Teilnehmern Übungen gehalten, in denen er die Hörer in der von Niebuhr und Ranke ausgebildeten philologisch- und historisch-kritischen Behandlung der Quellen unterwies. Sein Freundeskreis umfaßte die Deutschen Otto Benndorf, Theodor Billroth, Gottfried Semper und den Österreicher Adolf Exner.

Im Jahre 1872 wurden durch die Pensionierung von Josef von Aschbach und Albert Jäger zwei geschichtliche Lehrkanzeln in Wien frei. Da österreichische Kräfte nicht in Betracht kamen - A. Gindely in Prag war zu alt, Professor Weiß in Graz nach Aschbachs Urteil ungeeignet -, schlug die Kommission Büdinger für die alte Geschichte und Wilhelm Wattenbach für lateinisch- griechische Paläographie vor. Ottokar Lorenz versorgte die Geschichte der Neuzeit. Sickel, der Freund Büdingers, hatte den Motivenbericht entworfen. Eine inoffizielle Anfrage des Dekans wurde von Wattenbach zögernd und mit Vorbehalt beantwortet, Büdinger aber schrieb: „Auf diese ehrenvolle Anfrage kann ich nur bejahend und mit der ausdrücklichen Erklärung erwidern, daß es mir zur höchsten Freude gereichen würde, als Lehrer an der Wiener Universität für Österreichs Weltberuf mitwirken zu dürfen.“ Seine österreichische Gesinnung hat er später immer wieder gern betont. Am 8. August 1872 erfolgte die Ernennung durch den Kaiser, und zwar seinem Wunsche gemäß, dem er in einem Briefe an Sickel Ausdruck verliehen hatte, für Allgemeine Geschichte mit besonderer Verpflichtung, über das Altertum Vorlesungen zu halten.

Büdingers Konfession bildete nun kein Hindernis mehr; in Zürich war er aus der Synagoge ausgetreten, und er blieb mit seiner ganzen Familie konfessionslos, wenn er sich auch zur reformierten Gemeinde gehalten hat. Seine Frau, Mathilde Canthal, war die Tochter eines israelitischen Kaufmannes in Hanau. Sein 1871 verstorbenes jüngstes Kind wurde von dem Pfarrer der Gemeinde Unterstraß 2 In Zürich eingesegnet. Drei andere Kinder wurden erst in Wien 1895 in der reformierten Stadtkirche von Pfarrer Alphons Witz-Oberlin getauft, die Frau erst knapp nach dem Tode des Gatten 1902, während anzunehmen ist, daß Büdinger selbst nicht getauft wurde, wenn auch im Totenbuch der Pfarrgemeinde als Bekenntnis die helvetische Konfession angegeben ist, die das Totenprotokoll der Gemeinde Wien übernommen hat. Der Umgang der Familie Büdinger waren, wie in Zürich, die evangelischen Kreise der Stadt.

Wie das Verzeichnis seiner Werke ausweist, umspannten seine wissenschaftlichen Arbeiten wie auch die Vorlesungen und Seminarübungen die Geschichte vieler Nationen von der alten bis in die neueste Zeit. Zum erstenmal wurde in Wien über englische Verfassungsgeschichte gelesen. Sein lebhafter Vortrag machte auf alle Studenten Eindruck, denn er las nicht aus einem fertiggestellten Manuskript, sondern verwendete kleine Zettel, bisweilen Visitkarten, auf denen Schlagworte notiert waren, genauso wie sein Schüler Alfred Francis Pribram. Hingebungsvolle Arbeit leistete Büdinger am Historischen Seminar, das er gemeinsam mit Ottokar Lorenz leitete. Er hielt Übungen, die auf dem Studium und der Kritik von Quellen beruhten, zur Heranbildung künftiger Forscher und Konversatorien für künftige Mittelschullehrer. 1870 wurde er korrespondierendes, 1877 wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Die meisten in Wien verfaßten Schriften erschienen in den Sitzungsberichten oder Denkschriften der Akademie. 1898 wurde ihm, nach mannigfacher Verzögerung, die ihm genug Kränkungen verursachte, anläßlich der Vollendung des 70. Lebensjahres der Hofratstitel verliehen, und 1899 wurde ihm anläßlich der Versetzung in den dauernden Ruhestand die allerhöchste Anerkennung für sein Wirken ausgesprochen.

Werke (vollständiges Verzeichnis s. Mitt. ÖStA 16, 1963):
Über Gerberts wissenschaftliche und politische Stellung. Diss. Marburg 1851. - Umrisse der österreichischen Geschichte vom Ende d. 8. bis gegen Ende des 10. Jahr hunderts. Zs. f. österr. Gymnasien VI, 1885. - Zur Kritik der altböhmischen Geschichte. Ebenda VIII, 1887. - Österreichische Geschichte bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts I, Wien 1858. - Die Königinhofer Handschrift. HZ 1, 1859. - Die Normannen und ihre Staatsgründungen. HZ 4, 1860. - Vom Bewußtsein der Kulturübertragung, Zürich 1864. - Von den Anfängen des Schulzwanges, 1865. - Ein Buch ungarischer Geschichte, 1866. - Zur ägyptischen Forschung Herodots, 1872. - Ägyptische Einwirkungen auf hebräische Kulte. SB Ak. d. W., phil.-hist. Kl. 72, 1872; 75, 1873. - Englische Verfassungsgeschichte, Wien 1880. - Zu den Verwaltungsgrundsätzen des Kaisers Franz. Österreich.-ungarische Revue 1888. - Poesie und Urkunde bei Thukydides, D S Ak. d. W. 1890/91. - De coloniarum quarundarum phoenicarum primordiis cum Hebraeorum exodo conjunctis, 1891. - Don Carlos' Haft und Tod, 1891. - Ammianus Marcellinus und die Eigenheit seines Geschichts- werkes, 1895.

Quellen:
AVA Wien, Unterr.-Min. PA. - A. d. Evang. Pfarrgemeinde H. C. Wien I. - A. d. Stadt Wien.

Literatur:
J. Jung, Nachruf auf Büdinger. Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen, 1902. - B. G. Müller-Hülsenbusch., M. B. und die Österreich. Geschichtswissenschaft. Mitt. d. ÖStA 16. Bd.; 1963. - Ders., M. B., Universalhistoriker aus Rankes Schule. Diss. Rosenheim 1964. - D er s., Der Parnaß liegt nicht in den Schweizer Alpen. Zürcher Briefe d. Historikers M. B. Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1965 Zürich 1964. - O. Redlich, M. B. Alm. Ak. d. W. 52, 1902. - ÖBL I, 1957.


Letzte Änderung: Juli 2016     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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