Siegmund Günther

Von Dr. J. Reindl - München
Mit einem Bildnis, s. Sonderbeilage 1

Am 6. Februar dieses Jahres tritt Dr. Siegm. Günther, ordentl. Professor für Erdkunde an der Technischen Hochschule zu München, in sein einundsechzigstes Lebensjahr. Nach dem Volksglauben beginnt der Mensch mit diesem Alter einen neuen Abschnitt seines Lebens und seiner Tätigkeit. Ein solcher Tag im Leben eines Gelehrten ist daher recht geeignet, mit den wärmsten Glückwünschen zugleich einen Rückblick auf die vergangene Zeit zu verbinden, ein Wort über Bedeutung und Stellung eines solchen Mannes zu sagen.

Günthers Geburtsort ist Nürnberg, wo er am 6. Februar 1848 das Licht der Welt erblickte. Schon während seiner Gymnasialzeit (1855-1865) berechtigte er, da er stets zu den besten Schülern zählte, zu großen Hoffnungen. Seinen Universitätsstudien oblag er in Erlangen, wo er der Burschenschaft Bubenruthia angehörte, ferner in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Göttingen. Daselbst widmete er sich dem Studium der exakten Wissenschaften, namentlich der Mathematik und Physik. Geographie existierte damals als akademisches Lehrfach noch fast gar nicht. Als Kriegsfreiwilliger nahm er im Jahre 1870/71 an dem denkwürdigen deutsch-französischen Krieg teil. Danach legte er das mathematische Staatsexamen mit bestem Erfolg ab und wurde ein Jahr später Reallehrer zu Weißenburg a. Sand und im Jahre 1873 Privatdozent für Mathematik an der Erlanger Universität, wo er zwei Jahre tätig war, um sodann in gleicher Eigenschaft an das Polytechnikum in München überzusiedeln. Nach dreisemestriger Tätigkeit an diesem und einsemestriger als Hilfslehrer am Gymnasium zu Amberg, wurde er zum Gymnasialprofessor für Mathematik und Physik nach Ansbach berufen, wo er ein volles Jahrzehnt verbrachte. Als dann im Jahre 1886 Friedrich Ratzel einem Rufe nach Leipzig Folge leistete, wurde Günther als sein Nachfolger zum ordentl. Professor der Erdkunde an der Technischen Hochschule in München ernannt, wo er seit dieser Zeit unermüdlich wirkt.

Diese akademische Lehrtätigkeit nimmt Günther in hohem Grade in Anspruch, denn er hat an der Stätte seines Wirkungskreises nicht nur Vorlesungen für Studierende der Realien abzuhalten, sondern er hat auch über Wirtschaftsgeographie für die Kandidaten des höheren Zolldienstes zu lesen. Außer seinen Vorlesungen führte er dann wöchentlich ein zweistündiges Seminar ein, das meist bis auf den letzten Platz besucht ist und den Zweck hat, die Studierenden in die praktischen Übungen einzuweihen. Durch seine unermüdliche Tätigkeit wurde auch eine ausgezeichnete Lehrmittelsammlung geschaffen, die jedem Studierenden frei und offen zu wissenschaftlichen Arbeiten zur Verfügung steht. Vor allem schuf er eine sehr reichhaltige Bibliothek, die allerdings infolge der gering gewährten Mittel von Seiten des Staates fast zur Hälfte sein Eigentum ist; ferner ist es ihm gelungen, für das Seminar zahlreiche Photographien und sonstige Abbildungen, eine große Anzahl von Globen und Instrumenten usw. anzuschaffen. Nicht vergessen soll dabei sein, daß Günther, um die Reichhaltigkeit der Lehrmittelausstellung voll zu machen, eine treffliche petrographische und paläontologische Sammlung ankaufte. Wenn man bedenkt, daß unser Jubilar keinen Assistenten besitzt, so kann man lebhaft begreifen, welchen großen Teil an Zeit ihm die Instandhaltung seines Seminars kostet. Besonders erwähnt soll noch werden, daß aus Günthers Seminar eine Reihe tüchtiger Schüler hervorging, die des Lehrers Gedanken in seinem Geiste und Sinn zur Richtschnur genommen haben und namentlich in ihren Dissertationen die reiche Fülle seiner Anregungen verwerteten. Fast in allen Arbeiten dieser Schüler, namentlich in jenen, die in den von ihm herausgegebenen »Münchner Studien« erschienen sind, ist der leitende Einfluß des Lehrers zu erkennen, der »stets das Thema der individuellen Eigenart des Bearbeiters anzupassen verstand«.

Auch in seinen Vorlesungen ist Günther ein glänzender akademischer Lehrer. Dies kann selbst dem nicht verborgen bleiben, der auch nur einige Stunden in seinen Vorlesungen weilt. Infolge seiner früheren Tätigkeit an Mittelschulen verfügt nämlich Günther über ein vorzügliches pädagogisches Geschick, und dieses Vorstudium gründlichster pädagogischer Übung hat seine Wirkung nicht verfehlt, denn Günthers Lehrerfolg darf wirklich ein ausgezeichneter genannt werden. Allerdings ist der reiche Besuch seiner Vorlesungen zum Teil auch seiner glänzenden und eleganten Vortragsweise zuzuschreiben, der der Jubilar den Ruhm verdankt, zu den gewandtesten Rednern deutscher Zunge gezählt zu werden. Mühelos findet nämlich Günther bei seinen Vorträgen stets den passenden Ausdruck, und kein Zuhörer von ihm kann behaupten, daß Günther jemals um ein Wort verlegen war.

Die meiste Zeit seiner Tätigkeit verwendet Günther auf schriftstellerische Arbeiten. Er arbeitet nie bei Nacht — abends 8 Uhr ist bei ihm Redaktionsschluß. Er ist imstande, mitten in seiner tiefsten Arbeit, ohne im geringsten dabei gestört zu werden, nebenher seinen Schülern oder Freunden, wie dies der Verfasser des öfteren selbst erlebt hat, Briefe oder Aufsätze ganz anderen Inhalts zu diktieren. Bei Günther gibt es wohl auch keinen Zweig am vielästigen Baume der modernen Erdkunde, den er nicht gepflegt hätte. Lang würde das Verzeichnis aller Arbeiten ausfallen, die er bis jetzt veröffentlicht hat, und wir müssen uns im großen und ganzen darauf beschränken, nur die Richtung seiner literarisch-wissenschaftlichen Tätigkeit allgemein zu charakterisieren.

Begreiflicherweise waren die ersten Publikationen Günthers mathematischen Inhalts, so seine Inauguraldissertation »Studien zur theoretischen Photometrie« (Erlangen 1872), seine Arbeit: »Beiträge zur Erfindungsgeschichte der Kettenbrüche« (Weißenburg a. S. 1872), ferner seine Habilitationsschrift »Darstellung der Näherungswerte von Kettenbrüchen in independenter Form« (Erlangen 1873). Viele der weiteren mathematischen Arbeiten Günthers zeigen dann seinen engeren Anschluß an die Erdkunde oder beschäftigen sich mit der historischen Seite seines Urlehrfaches und verleihen dadurch zahlreichen Werken davon ein ganz bestimmtes Gepräge. Wir verdanken Günther nach dieser Seite hin die Bearbeitung von Gebieten, »die vor ihm gänzlich brach gelegen sind«.

Frühzeitig interessierte sich Günther auch für meteorologische Arbeiten. Schon im Jahre 1874 erschien seine ungemein interessante Abhandlung: »Der Einfluß der Himmelskörper auf die Witterungsverhältnisse«, und seine im Jahre 1881 veröffentlichte »Praktische Meteorologie« fand einen sehr großen Beifall. Gleichfalls ist seine Arbeit: »Die Meteorologie, ihrem neuesten Standpunkte gemäß und mit besonderer Berücksichtigung geographischer Fragen dargestellt« (München 1889) in weiten Kreisen bekannt geworden, und nicht minder interessant ist seine Studie: »Die Lehre von den Klimaschwankungen bei den Forschern des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts« (Ausland 1890).

Das Hauptwerk Günthers auf physikalischem Gebiete ist sein »Handbuch der Geophysik« (2. Bd., 2. Aufl. 1897/99), in welchem er das ganze weite Gebiete der physischen Erdkunde auf Grund der gesamten einschlägigen Literatur behandelt, »wobei er auch den Entwickelungsgang der Erkenntnis historisch und kritisch beleuchtete und vielfach seine eigenen Ansichten einflocht, die, wenn auch nicht immer ohne Widerspruch aufgenommen, doch stets von seinem lebhaften Geiste und scharfen Verstande Zeugnis ablegten«. Das gesamte Werk ist 1654 Seiten stark. — Ein treffliches Lehrbuch von ihm ist auch sein »Lehrbuch der physikalischen Geographie« (Stuttg. 1891), ferner seine »Physische Geographie« (Sammlung Göschen, 3. Aufl. 1905).

Ohne Zweifel sind Günthers Verdienste um die Förderung der »Geschichte der Geographie« ebenso groß wie seine vorhergenannten, und Günther ist ein ebenso guter Vertreter der historischen wie der physischen Erdkunde. Seine im Jahre 1904 erschienene »Geschichte der Erdkunde« (Leipzig und Wien 1904) spricht von einer gründlichen Sachkenntnis und dürfte das beste sein, was auf diesem Gebiete existiert. Nur Sophus Rüge wäre von den neueren Geographen imstande gewesen, dieses klassische Werk zu schreiben, das die umfassendste Literaturkenntnis erforderte. Bedeutungsvolle Arbeiten Günthers sind auf diesem Gebiete noch: »Das Zeitalter der Entdeckungen« (Teubner 1905), »Entdeckungsgeschichte und Fortschritte der wissenschaftlichen Geographie im 19. Jahrhundert« (Berlin 1902), »Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert (Berlin 1901), »Der Humanismus in seinem Einflüsse auf die Entwickelung der Erdkunde« (Geogr. Ztschrft. 1900) usw.

Selbst die Völkerkunde blieb für Günther kein unbebautes Feld, wie namentlich seine größere Arbeit auf diesem Gebiete: »Ziele und Methoden der modernen Völkerkunde« (Stuttgart 1904) beweist. Der Wirtschaftsgeographie gehören an seine Studien: »Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der wirtschaftlichen Geographie« (Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik 1889), »Wirtschaftsgeographie und Naturwissenschaften« (München 1903) usw.; ferner verfaßte er zahlreiche Artikel über die »Methode des Geographieunterrichts«. Nach hunderten, zum Teil sehr umfangreichen Arbeiten zählen ferner seine biographischen Studien, von denen sehr viele wahre Musterstücke deutscher Stilistik bilden und manche einen tiefen Einblick in das eigene Wissen — aber auch eigene tiefe Fühlen des Verfassers gewähren. Wir erinnern da nur an seinen Nekrolog »Eduard Richter« (Mittlg, der Geogr. Gesellschaft München 1905), der mit einer solch tiefen Gemütswärme geschrieben ist, wie ihn nur die wahre Freundschaft hervorbringen kann.

Einen guten Teil seiner Zeit und seines Interesses widmete Günther auch redaktionellen Arbeiten. Im Jahre 1892 übernahm er die Schriftleitung des einst so hochgeschätzten »Auslandes«, welches damals seine hervorragende Bedeutung bereits eingebüßt hatte, so daß Günthers eifrige Bemühung ihm nicht mehr aufzuhelfen vermochte; mit dem Ende des Jahres 1893 mußte es zu erscheinen aufhören. Vorübergehend führte Günther auch die Redaktion der von der Münchener Geogr. Gesellschaft herausgegebenen »Jahresberichte« und der »Geogr. Mitteilungen«, ferner gibt er seit dem Jahre 1896 in zwanglosen Heften (jetzt das 23. Heft) die »Münchner geographischen Studien« heraus, endlich führt er seit 1906 die Chefredaktion der »Mitteilungen für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften« (zusammen mit Prof. Sudhoff; herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften).

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß sich Günthers umfassende Tätigkeit auch fast bei allen »Geographentagen« zeigte. Der erfolgreiche Verlauf des letzten diesjährigen Kongresses zu Nürnberg ist sogar wesentlich ihm, der die Leitung des Ganzen in der Hand hatte, zuzuschreiben. Aber auch auf anderen Kongressen, wie jenen der Geologen, Seismologen, Anthropologen usw. glänzte Günther durch seine ausgezeichneten Vorträge. Er war ferner zweimal Vorstand der Geogr. Gesellschaft in München, und zurzeit bekleidet er die Stelle des 1. Vorsitzenden des »Münchner geogr. Kränzchens«, einer Vereinigung von Münchner Geographen behufs Abhaltung von Vorträgen rein geographischen Charakters. Auch zahlreiche Reisen brachten Abwechslung in Günthers Gelehrtenleben. Namentlich ist unser Jubilar ein gründlicher Kenner Italiens, aber auch die anderen Länder Europas mit Ausnahme Rußlands kennt er aus eigener Anschauung. Vor drei Jahren besuchte er sogar einen kleinen Teil des nördlichen Afrika, und im Sommer des Jahres 1906 (von August bis November) machte er anläßlich des Geologenkongresses zu Mexiko eine Studienreise durch ganz Mittel- und Nordamerika.

Daß es natürlich einem solch verdienstvollen Manne, wie Günther ist, an äußeren Ehrenbezeugungen nicht fehlte, bedarf wohl kaum eines besonderen Hinweises.

Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß die größte Abwechslung in Günthers Leben seine politische Tätigkeit brachte, die ihn jedoch keineswegs seinen wissenschaftlichen Arbeiten entfremdete; ja es entstammen diesen Perioden sogar einige seiner gediegensten Untersuchungen. Vom Jahre 1878-1881 weilte er als Vertreter seiner Vaterstadt Nürnberg als Reichstagsabgeordneter zu Berlin, 1881-1884 vertrat er in gleicher Eigenschaft den fünften Wahlkreis Berlins im gleichen Parlamente. Als Vertreter des Wahlkreises Kempten gehörte er auch von 1894-1899 dem bayerischen Landtage an, wohin ihn gleichfalls der fünfte Wahlkreis München auf wiederholtes Drängen im Jahre 1907 entsandte. Schon daraus ist zu ersehen, daß sich der Jubilar bei Vollendung des sechzigsten Lebensjahres trotz unablässiger Anspannung seiner vielseitigen Kraft einer seltenen körperlichen und geistigen Frische erfreut. Seine zahlreichen Schüler und Freunde haben nun anläßlich seiner Geburtstagsfeier dem Gefühle ihrer Verehrung zu ihm dadurch Ausdruck gegeben, daß sie auf dem Wege der Sammlung eine größere Summe Geldes behufs Gründung einer »Siegmund-Günther-Stiftung« zusammenbrachten, deren Zinsen jungen Geographen zugute kommen wird. Dieses sinnige Geschenk wird dem hohen Jubilar zweifellos Freude machen, da es beweist, daß seiner bisherigen Tätigkeit der warme Dank der engeren und ferneren Schüler nicht ausblieb, die an seinem Jubeltage zu vielen Hunderten des Meisters gedenken, der ihnen den Weg zu den höchsten Heiligtümern der Wissenschaft und des Lebens erschlossen. Uns bleibt nur noch der heiße Wunsch übrig, daß es dem allverehrten Jubilar vergönnt sein möge, noch lange seine Arbeitslust zu Nutz und Frommen seiner Schüler und der von ihm vertretenen Wissenschaft betätigen zu können.


Quelle:
Reindl, Josef (1873 - nach 1935): Siegmund Günther
In: Geographischer Anzeiger. - 9 (1908), S. 1-4
Signatur UB Heidelberg: A 59-5::9.1908


Letzte Änderung: Mai 2014     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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