Hermann von Helmholtz:
Briefe aus Spanien 1880

Quelle: Siemens, Ellen von:
Anna von Helmholtz.
Band 1 (1929), S. 236-248

Die von Leo Koenigsberger zitierten Teile sind durch kursive Schrift gekennzeichnet.

    Nîmes, 19. März 1880.
Meine liebe Anna!
Es bestätigte sich, daß die Reisegefährten mich erst in Lyon (Seite 237) erwarteten, welches am Abend sehr glänzend aussah und sich auch heute früh mit vielen stattlichen Häusern, namentlich einem Rathause im Louvre-Styl präsentierte. Wir fuhren heute das Rhone-Tal abwärts an Vienne, Valence, Orange, Avignon vorbei; die Niederung am Fluß immer grün und herrlich bebaut, die Berge oft ganz kahl, dann wieder mit Weinbergen und blühenden Kirsch- und Mandelbäumen, die Hecken mit grünen Blättern bedeckt, der Himmel blau, die Sonne warm. Von der Bahn aus erkennt man das Amphitheater von Orange und den Palast der Päpste zu Avignon.

Wir sitzen jetzt in Nîmes, sahen das sehr wohl erhaltene, teilweise mit genauester Kopie der alten Formen restaurierte Amphitheater, den sehr schön und wunderbar erhaltenen alten Tempel „Maison carree“ und das Nymphäum, eine Badeanlage mit reichlich fließender Quelle, sowie die „Tour Magne“, ein altes Grabdenkmal, ähnlich dem der Caecilie Maetella. Die Umgebung der Stadt ist ein unabsehbarer Garten von Ölbäumen, Mandelbäumen und Weinbergen bis im Horizont verschwindend auslaufend. Man lebt wieder ganz auf in dem warmen Sonnenschein.

Wir machten eine Fahrt an den Pont du Gare, eine gewaltige Flußüberbrückung für eine römische Wasserleitung aus der Zeit des Augustus in einem einsamen Waldtale gelegen und von einer Höhe, welche der der größten Dome gleichkommt. Rousseau soll gesagt haben, es sei das Einzige in seinem Leben, das seine Erwartungen übertroffen habe. Die Fahrt erfordert mindestens fünf Stunden.und so warfen auch wir die Frage auf, ob es lohne, einen Tag an ein Bruchstück eines römischen Aquaeductes zu setzen. Es ging uns aber wie Rousseau, wenn auch nicht zum ersten Male im Leben. Man fährt durch hügelige Vorberge der Cevennen, wo nur wenig Wald auf den Höhen übrig gelassen ist, während im Rhone-Tale alle Berge absolut kahl sind. Die unteren Abhänge sind mit Ölbäumen bepflanzt, zwischen denen sich ehemals Weingelände befanden. Jetzt ist in der ganzen Gegend kein einziger Weinstock mehr zu sehen. Man hatte bei Nimes alle Reben ausgerodet und verbrannt, um die Phylloxera zu überwinden und versuchte neue Anpflanzungen zunächst in den Salzsümpfen am Meere. Im Anfang des Saeculums ist eine gangbare Brücke an den Aquaedukt angeschlossen worden und wir haben die alten Gräben und Tunnels des Aquaeduktes noch eine Strecke lang verfolgt.

In der Bildersammlung der Stadt fanden wir nur ein erhebliches Bild von de la Roche, Cromwell am Sarge Karls I.

(Seite 238)     Barcelona. Palmsonntag. 21. März So.
Barcelona ist eine große Fabrik- und Handelsstadt, den modernen italienischen Städten ziemlich gleichsehend; aber die Bevölkerung hat einen anderen Typus, kleiner, schwärzer, energischer als die Italiener, auch in der Kleidung weniger französiert.

Hier angekommen, begab ich mich zunächst zu Rudolf Lindau. Er war äußerst gefällig und schlug uns vor das Passionsspiel im Theater zu sehen, einem riesigen Gebäude für 4000 Zuschauer, äußerst zweckmäßig und behaglich eingerichtet. Es war voll von Erwachsenen und Kindern, namentlich aus unteren Ständen; die Darstellung ein altes Passionsspiel im catalonischen Dialekt, den wir natürlich garnicht verstanden, sehr geschickt mit Aufwand aller modernen Decorationsmittel in Scene gesetzt und furchtbar realistisch in allen Einzelheiten ausgeführt, so daß die ganze Handlung einen Grad von Anschaulichkeit erlangte, den das Lesen doch nimmer gibt. Die Schauspieler deklamierten etwas monoton pathetisch, aber sie waren, ebenso wie das Publikum äußerst ernsthaft, das Ganze ein unendlich interessanter Eindruck.

Nach dem Diner kam die Palmsonntag-Procession bei uns vorbei — eingeleitet durch eine Schaar kostümierter römischer Krieger und Musikcorps mit ihrem Hauptmann. Auf beiden Seiten des Weges über die Rambla war größtes Menschengewoge, lange Reihen von katholischen Vereinen; Schüler und junge Männer zogen mit, in seltsamen Kostümen von schwarzer Glanzleinewand, im Schnitt von Frauenkleidern mit Schleppen und weißen gefalteten Krausen zogen der Christusfigur voraus, die auf einem Brett stehend, herumgetragen wurde, den gebeugten Christus am Ölberge darstellend.

Rudolf Lindau zeigte uns außer der alten Cathedrale seine eigenen Sammlungen, die in der Tat höchst interessant sind, namentlich japanische Elfenbein-Figuren und Zeichnungen humoristischen Inhaltes, welche in komischer Naturwahrheit mit den vollendetsten Leistungen europäischer Künstler wetteifern können. Wir haben viel Zeit damit hingebracht; dann legte er großes Gewicht darauf, seinen Freund den Professor der Chemie Don Ramon Manjarez in seinem Laboratorium aufzusuchen und uns von ihm und einigen anderen Professoren die neu erbaute Universität zeigen zu lassen. Dort hatte ich [hatte] die Befriedigung, meine akustischen Apparate ziemlich vollständig beisammen zu finden.

    Madrid, 24. März 1880.
Ich bin heute schon vier Stunden in der Bildergalerie gewesen, die (Seite 239) nach gewissen Seiten höchst großartig ist. Bisher habe ich nur Velasquez, Murillo, Tizian und RarTael beachtet; leider bleibt die Galerie zwei Tage geschlossen und ich werde zum Escorial und nach Toledo fahren.

    Charfreitag, 26. März 1880.
Gestern war ich auf dem Escorial. Es regnete den ganzen Tag, sämtliche Wege waren aufgelöst, die Berge lagen im Nebel eingepackt. So war dieses riesige Grabdenkmal der Spanischen Könige ein ganz passendes Ziel unserer Excursion, das ziemlich weitab von Madrid in einem steinigen öden Gebirge liegt. Es gibt von dem fanatischen Philipp II. doch ein [gewisses] Bild von ernster Größe und künstlerischem Geschmack, worin er allen seinen Nachfolgern überlegen war und man erkennt, daß es ihm furchtbar ernst war mit dem, was er wollte. Was für ihn selbst bestimmt war, [ist höchst einfach, sogar dürftig.]ist fast dürftig zu nennen; die Kirche dagegen äußerst großartig, einfach und geschmackvoll, von neapolitanischen Baumeistern errichtet: etwa das, was die Peterskirche in Rom hätte werden können [sollen], wenn nicht der Rokoko Geschmack sie verdorben hätte. Was Philipps [die] Nachfolger hinzugetragen haben, ist [kindische] Spielerei; nur Gobelins nach Entwürfen von Teniers sind auszunehmen, an deren Stelle [für welche] sie freilich die schönsten Gemälde von Raffael und Tizian in die Rumpelkammer geschickt haben, aus welcher sie dann in das Museum gerettet wurden. Im Ganzen ist der Escorial ein historisches Monument, das von dem Sinne seiner Zeit noch lebendig zu uns spricht, wenn dieser Geist uns auch feindlich war.

Heute am Charfreitag war wenig zu unternehmen; alle Wagen und Gefährte sind von den Straßen weggefegt, so daß Alles zu Fuße gehen muß, auch die Damen in höchster, natürlich schwarzer Toilette. Ich dachte hier ausgewählte kirchliche Feierlichkeiten in großem Glanze zu sehen, fuhr deshalb nicht nach Toledo, doch ereignete sich wenig, auch nicht vormittags in der Hauptkirche San Isidoro. Nachmittags war großes Leben auf den Straßen und Plätzen, durch welche die Prozession mit dem König zu Fuß kommen sollte. Aber schließlich gab es keine Procession und die Menschenmassen verliefen sich; es war ein sehr buntes Bild. Die Männer haben ihren weiten Mantel mit pompösen Farben gefüttert, oft blau und rot neben einander und werfen ihn so, daß auf dem Rücken ein Streifen des Futters heraussieht. Die Damen in schwarzer Seide mit der Mantilla sehen sehr gut aus, wenn auch nicht gerade viele Schönheiten unter ihnen waren. Es scheint viel (Seite 240) Elend hier in der großen Stadt zu herrschen; vor den Kirchen sieht man entsetzliche Ausstellungen von Individuen, die in die Hospitäler gehören.

Am Abend wurde in der Kirche San Jose Rossinis Stabat mater aufgeführt, recht dürftig, unrein und unsicher. Überraschender Weise macht der katholische Gottesdienst hier den Eindruck des sorglos und nachlässig Einstudierten. Madrid ist eine seltsame Stadt, ursprünglich auch nur ein Jagdschloß gewesen, jetzt etwa einem herab gekommenen München entsprechend. Nur die Bildersammlung ist imponierend. Diese Sammlung von Leuten, welche Velasquez dargestellt [abconterfeit] hat, ist so ungeheuer lebendig und eindrucksvoll, daß sie wie Mitlebende erscheinen.

    Cordoba, 30. März 1880.
Die alte Residenz Toledo, [Gestern früh ging ich ab nach Toledo, der alten Residenz;] ein eng zusammen gedrängtes Bergnest, auf drei Seiten von einer tiefen Schlucht des Tajo umflossen, ist wie eine natürliche Festung mit allerlei westgotischen und maurischen Resten [diese unbedeutend] darinnen ein gotischer Dom von einer Reinheit, Feinheit und einem Reichtum der Formen, einer Zierlichkeit der Stein- und Holzarbeit, an der noch die Schule der Alhambra nachzuwirken scheint, daß er Alles in Schatten stellt, was ich bisher von gotischen Kirchen gesehen habe. Dabei ist er verhältnismäßig wenig durch spätere Zusätze aus der Jesuitenzeit verdorben worden. Er ist viel entschiedener und consequenter gotisch, als der Mailänder Dom und macht fast einen noch reineren Eindruck vollendeter Formenschönheit und Erhabenheit [als jener]. Leider ist die Außenseite fast unsichtbar. Eine zweite alte Kirche San Jüan de los Rayes nämlich Ferdinand und Isabella ist etwas schwerer in den Verzierungen und viel kleiner, aber auch sehr schön und eigentümlich durchgeführt hat namentlich einen reizend schönen Kreuzgang, halb durchwachsen von Grün, so weit er nicht von den Franzosen zerstört ist. Diese haben grimmig in Spanien gehaust.

Meine Zeit in Toledo war nicht lang; ein recht intelligenter Führer, der eine Art von Französisch sprach, machte mich dennoch reichlich müde. In einer primitiven Station mußte ich einige Stunden auf den Schnellzug warten, der mich die Nacht hindurch hierher führte.

Im Thale des Guadalquivir ist es nun in der That Frühling und Süden. Hier sind Orangenbäume, welche wirklich wie Waldbäume aussehen, hier macht man Gartenzäune aus Aloe und Cactus, dazwischen (Seite 241) stehen Palmen; es ist grün und warm. Die Umgebung hatte ich mir bergiger gedacht. Die Stadt in ihren Straßen ist eng, winkelig, zeigt ein verwirrtes Netz kleiner Gäßchen, weil die Häuser orientalisch abgesperrt sind. Wo man durch die Thore in die mit Gärten und Schlingpflanzen gefüllten Höfe sehen kann, sind diese reizend hübsch. Hier ist nun wieder die große Moschee, jetzt Cathedrale, ein Wunderwerk der Architektur, ganz fremdartig und märchenhaft, ein immenses flaches Zeltdach, von über tausend Säulen getragen, welche [die] durch phantastische Doppelbögen verbunden sind, ursprünglich überall offen gegen den Orangenhain des Vorhofes; im Hintergrunde die Kapelle zur Aufbewahrung des Koran, mit wunderbarster Marmorarbeit und Mosaiken, Alles in Teppichmustern geschmückt. Nicht weit davon eine ebenso geschmückte Kapelle, der Gebetplatz des Chalifen. Leider haben sie zur Benutzung als Kirche den Hof mit Mauern geschlossen und ein hohes Thor im Barockstil eingebaut, so daß man nur noch in der Phantasie nachconstruieren kann, wie luftig und hell und kühl und leicht es gewesen sein muß. Man kann sich der Frage nicht erwehren, wie eine so fein ausgebildete Cultur verschwinden konnte. Die Mauren haben nichts davon nach Afrika zurückgenommen und was die Spanier von ihnen lernen konnten, ist in den nächsten hundert Jahren ebenso verschwunden mit Ausnahme der großen Bewässerungsanlagen, welche das Land fruchtbar machen, so weit sie eben reichen.

    Granada, 2. April 1880.
Von Cordoba machten wir gemeinsam eine Spazierfahrt auf die Abhänge der Sierra Morena, nördlich der Stadt, wo wir einen guten Einblick in die Fruchtbarkeit des Landes erhielten. Von den Bergen kommen allerlei kleine Wasseradern, welche sorgfältig verteilt sind. Die Orangenbäume im Wuchs von Waldbäumen habe ich in Italien nie so gesehen mit Früchten bedeckt, [wie ich nie einen Apfelbaum damit bedeckt sah], dazwischen schon wieder voller Knospen und Blüten in vollen Sträußen. Heckenrosen, Schwertlilien, Spiräen, Veilchen, wie bei uns an sonnigen Junitagen, dazwischen vereinzelt stehende Dattelpalmen, die sehr elegant in den Himmel ragen. Wir waren in einem sehr gepflegten Garten des Marquis de la Vega und in einem Bauerngarten, welch letzterer die natürliche Fruchtbarkeit noch mehr hervortreten ließ. Bei der Rückkehr fuhren wir noch einmal zur Cathedrale, bestiegen den Glockenturm, der die Stelle des Minarets einriimmt und sahen die Sonne in prachtvollen Farben über der grünen, von blauen Bergen eingefaßten Ebene sich neigen.

(Seite 242)     Granada, 2. April 1880.
Nun aber haben wir in Wirklichkeit die Alhambra gesehen, ganz so zauberhaft wie Beschreibungen und Bilder sie zu malen streben. Marmor in das zierlichste Spitzenwerk aufgelöst, mit einer Überfülle der wunderbarsten Muster und wo man demselben seine Farben wiedergegeben hat wie in dem Badekühlraume des Sultans erscheinen sie wie die reichsten elegantesten und zartesten indischen Shawls. Alles ist durchzogen von Wasserrinnen, welche kleine Cascaden und Springbrunnen nähren, so geordnet, daß sich wieder und wieder reizende Perspektiven durch reihenweise Bögen in grüne Orangengärten zeigen.

Wir stiegen noch empor zu einem etwas höher gelegenen Garten und Landhause der Maurischen Könige, jetzt dem Marquis Pallavicini gehörig, mit einer prächtigen Aussicht über die noch dick mit Schnee belegte Sierra Nevada. Wir dinierten in Siete Suelos und hatten den etwas seltsamen Genuß eines Zigeunertanzes. Derselbe ist merkwürdig genug, schön kann man kaum sagen, im Ganzen mehr ein Tanz von Bauern, die mit ihren Castagnetten einen ungeheuer eingreifenden Rhythmus dazu geben. Der sogenannte Zigeunerkönig, ein sehr bedeutend aussehender, braunschwarzer Kerl, war ein ausgezeichneter Guitarrenspieler.

    4. April 1880.
Noch einmal haben wir uns ohne Begleitung in der Alhambra herumbewegt, um das Ganze mehr kennen zu lernen, hatten dabei wunderschönes Wetter und erfreuten uns sehr an dem wunderbaren Bau. Nachmittags fand das erste Stiergefecht in einem neu erbauten Zirkus statt, ein riesiges Volksfest und ungeheuere Menschenmengen waren herbei geströmt. Die Arena ist ganz nach dem Muster der antiken [freilich oben aus Holz] gebaut; das Publikum verhält sich genau noch so, wie es die römischen Schriftsteller beschreiben. Ein rasender Schwindel ergreift die Menschenmassen; ununterbrochenes Schreien, bald Bravo, bald Pfeifen. Man muß schon eine Stunde vorher dort sein, um zu seinem Platze heran zu kommen. Während dieser Zeit dient eine lahme Wasserspritze, die den Platz entstauben soll, ebenso wie die Apfelsinenverkäufer, die von unten aus der Arena ihre Früchte den Käufern bis in die höchsten Sitzreihen zuschleudern, um ebenso ihre Bezahlung zu empfangen, zur Unterhaltung des Publikums. Jeder gute Wurf erhielt sein Bravo, jeder schlechte sein Pfeifen.

Die eleganten Damen befanden sich [leider] größtenteils über uns; diejenigen, (Seite 243) welche wir sehen konnten, trugen sehr schöne nationale Kostüme, kühn in den Farben, sogar in den Farben der Stierfechter.

Diese [letzteren] Stierfechter die Torrero sind schöne Kerls, schlank, beweglich, geschickt und verwegen, daß es eine Freude ist sie in ihren höchst prächtigen und eleganten Kostümen sich bewegen zu sehen, namentlich, die Bandilleros, welche ohne Mantel und Waffe den Stier auf sich zulaufen lassen; in dem Moment, wo er sie zu treffen droht, seitwärts gleiten und ihm die mit Widerhaken versehenen Federbüschel und Zierrate am Nacken befestigen sind von einer unbegreiflichen Geschicklichkeit. Unmittelbar nachher freilich wird der Stier durch einen vorgeschleuderten Mantel abgelenkt, um den Angriff nicht zu wiederholen. Was dem Stiere geschieht, kann man sich auch noch gefallen lassen; er fällt im Kampfe, statt auf der Schlachtbank. Freilich ist das Tier, wenn ihm der Matador zum letzten Todesstoße allein entgegen tritt, auf das Äußerste abgehetzt und verwirrt. Bei den sechs Stieren, die geopfert wurden, gelang dennoch nur bei zweien dieser Stoß beim ersten Male. Wahrhaft empörend aber ist die Art, wie die Pferde behandelt werden; übrigens nicht nur in der Arena, sondern überall sonst. Wie die zu Tode getroffenen Pferde, welche dem Stiere von Piccadores mit verbundenen Augen vorgeritten werden, solange sie den Piccador noch tragen können, und immer wieder in den Kampf getrieben werden wie das Publikum nach immer neuen Pferden schreit, wenn nur noch eines oder zwei am Leben sind: Caballo, caballo das ist die eigentlich gräßliche Seite des Schauspieles. Wenn es noch eine Vorführung menschlichen Mutes wäre, würde man manches Wilde daran verzeihen. Aber schließlich macht man den Stier doch erst müde und erst, wenn er ganz abgehetzt ist, treten die Menschen als Kämpfer ihm gegenüber.

    Malaga, 6. April 1880.
Wir sitzen jetzt zwei Tage in Malaga in einem etwas bequemeren Zustande als in Granada. Der Sohn des deutschen Consuls, Herr Pries, nahm sich unserer sehr freundlich an, zeigte uns seine großen Wein- und Obstmagazine, eine Zuckerfabrik, welche hier gewonnenes Zuckerrohr verarbeitet, auch das alte maurische Haus seines Vaters. Malaga ist nicht sehr charakteristisch; Hafenplätze werden überall in der Welt gleich sein. Eine schöne Renaissance Cathedrale, deren Turm wir bestiegen ist recht groß und kostbar [elegant]. In der nächsten Umgebung der Stadt ist der Seewind der Vegetation nachteilig, doch sahen wir heute (Seite 244) zwei schöne Privatgärten mit vielen Palmen und prachtvollen Araucarien, überhaupt allerlei großen Bäumen und Büschen, die wir nur als dürftige Topfgewächse kennen. Wo die Berge Schutz gewähren, finden sich Orangenwälder und Zuckerrohr Pflanzungen. Es ist ziemlich heiß, trotz starken Nordwindes. Die beiden ruhigeren Tage waren uns erwünscht, nachdem die Erlebnisse in Granada etwas zu gedrängt gewesen waren für die Wärme. Morgen schiffen wir uns ein für Gibraltar.

    Tanger in Africa, 13. 4. 1880.
Wir sind nun wirklich in einem anderen Weltteile eingelaufen und haben die erste Nacht dort geschlafen. Über all das Sonderbare, was Einem hier, wo man plötzlich mitten in die mohammedanische Welt eintritt, vor Augen und Ohren steht, kann man nicht genug bestaunen. Einiges davon hatten wir schon in dem wunderlichen Völkergewirre Gibraltars gesehen, wo schottische Regimenter, spanische Priester und maurische Kaufleute mit SchifFsvolk aus aller Welt sich mischten.

In Gibraltar haben wir einen sehr interessanten Sonntag zugebracht. Einer der englischen Offiziere [die wir in Ronda getroffen, Colonel Lampriè,] hatte uns Eintritt verschafft in die Galerien, wo die großen Kanonen rings um die Nordseite des Felsens stehen. Nachdem wir uns an den creature comforts of Old England außerordentlich erquickt hatten, sind wir [von 10 bis 4 Uhr] sechs Stunden lang durch die Batterie-Tunnels, dann auf die drei Spitzen des Felsens gewandert. Es war schönes Wetter durch etwas kräftigen Wind gekühlt, die Aussicht wunderschön über das unendlich blaue Meer zu drei Seiten, gegenüber Africa mit dem steil ansteigenden Hohen Atlas, rückwärts die spanischen Gebirge, die wir mühsam durchklettert hatten. Übrigens war es eine ganz gute Bergwanderung. Zuletzt kamen wir an der Südspitze herab, nachdem wir uns oben im Signalhause mit paleale, Chester cheese und Bisquits gestärkt hatten und griffen einen Wagen auf, welcher uns Gelegenheit gab, unsere Karten bei den Offizieren und dem Deutschen Consul, Herrn Schott, abzugeben, der sehr zuvorkommend war. Wir fuhren gestern bei gutem kühlen Wetter und mäßig bewegtem Meere und trafen an Bord einen maurischen Dragomann, unter dessen Hilfe wir glücklich ans Land kamen. Dieses ist keine Kleinigkeit, da eine große Schaar weißer, schwarzer, brauner nackter Kerls, mit denen man sich nur durch Zeichen verständigen kann, auf das Dampf boot springt und sich im aufgeregtesten Geschrei um die Reisenden und ihr (Seite 245) Gepäck streitet. Nachmittags gingen wir durch die Stadt und zum Deutschen Ministerresidenten, Herrn Weber, den ich einmal bei Philippsborn getroffen habe. Er ist ehemaliger Theologe, durch Kenntnis des Arabischen in die Konsulatsstellung avanciert und lebt mit zwei ältlichen Schwestern, welche die echten norddeutschen Tanten geblieben sind, auch nach 15 Jahren in Syrien und Marokko und sonderbar zu ihrem sehr hübschen, Alhambra ähnlich angelegten Hause abstechen. Consul Weber war sehr zuvorkommend, lud uns am ersten Abend zum Thee, am zweiten zum Diner ein. Webers sind die Kinder eines Geistlichen aus der Nähe von Ponarien, und die Schwestern haben sehr viel mit Groebens verkehrt, kannten nicht nur die jetzt lebende Generation, sondern auch zum Teil die vorangegangene; so waren sie äußerst begierig, aus ihrer Heimat wieder Einiges zu hören. Der alte Herr spielt eine stattliche Figur, und scheint auch bei den Mauren sehr geachtet zu sein. Ein Vormittag verging mit großen Einkäufen in den Bazars; sonst sind wir in der Stadt herumgezogen, haben in verschiedenen Cafes dieses Getränk ä l'Arabe genossen, haben die Kameele einer ankommenden Karawane abladen sehen, und auf Eselchen mit dick gepolsterten maurischen Sätteln einen Ritt auf einen benachbarten Berg gemacht, der mit maurischen Gärten und Landhäusern bedeckt war und eine weite Aussicht über Meer und hügeliges grünes Land, bis zu den fernen Schneebergen des Atlas, gewährte. Die Mannigfaltigkeiten der Trachten und Nacktheiten ist gar nicht zu beschreiben. Der Turban, den nur die Moslems tragen, [wird sehr sauber getragen und] sieht sehr gut aus, ebenso die weißen oder schwarz-weiß gestreiften Burnus, aus welchen die charakteristisch aussehenden, klugen und scharfen Gesichter der älteren Männer heraussehen. Die Frauen, so weit sie auf der Straße erscheinen, sind eingehüllt in [nicht sehr reinliche] große rauhe Badelaken, die sie nicht allzu streng um das Gesicht zusammen ziehen. Wir haben die Zusammensetzung der Kleidung, wenigstens der Muselmänner und die Construction des Turbans im Bazar genau kennen gelernt. Daß sich die Muselmänner unter diesem Gemisch von Völkern für die Ersten halten, begreift sich; denn sie waschen sich, sie betrinken sich nicht und sind, solange sie es sein wollen, sehr höflich, mit einer gewissen Natürlichkeit; selbst Leute, welche für geleistete Dienste um ein Trinkgeld bitten, thun es ganz leise und bescheiden. Alles läuft in Schuhen, welche unseren slippers entsprechen, da man eine fremde Wohnung nur barfuß betritt und die Schuhe an der Thüre stehen zu lassen hat.

Vor dem Thore des Ministerresidenten fanden wir einen Erzähler, (Seite 246) dem eine große Menge von Menschen, am Boden kauernd, aufmerksam zuhörte. Der Alte hatte ein feines blasses Gesicht, sprach mit sehr lebhaftem Ausdruck und machte mit einem kleinen Tamburin eine Art von Interpunktionszeichen. Tanger ist ein Labyrinth von engen krummen Gäßchen, durch welches man ohne Führer gar nicht zu finden weiß, abends nicht ohne voraus gehenden Laternenträger.

Du mußt Dich darauf vorbereiten, mich mit der Gesichtsfarbe eines Arabers zurückkehren zu sehen. Der Ritt von Ronda nach Gibraltar und die Sonne von Tanger haben ihr Werk gethan.

    Sevilla, 16. April 1880.
Daß wir Africa Reisenden unsere Tour durch the dark continent glücklich beendet und wieder auf europäischen Boden zurückgekehrt sind, hast Du schon gestern erfahren. Wir fuhren nach Sonnenuntergang von Tanger in einem Dampfer ab, den Ernst Mendelssohn mit einem jungen Amerikaner zusammen gemietet hatte. Wir fanden einen vortrefflichen arabischen Courier auf dem Schiffe, Hadschi das ist Pilger, der in Mecca war Kadoor Sathia, der sehr gut englisch, außerdem französisch und spanisch mit etwas gutturaler Aussprache redete, in allen Geschäften außerordentlich gewandt, kurz und entschieden war und namentlich die sich herandrängenden Volksgenossen, teils mit Anschreien, teils mit körperlicher Gewalt zurück drängte.

In Cadiz machten wir einen mehrstündigen Spaziergang durch die gut gehaltene und ganz moderne Stadt, in der nicht viel Merkwürdiges zu sehen ist, anders als in jedem großen Seehafen obgleich sie die älteste in Spanien ist. Hier in Sevilla wohnen wir in einem maurisch gebauten alten Hause, nicht gerade bequem, aber in sehr großen Räumen. Hier blühen die Rosen in den Gärten, Jasmin und solch eine Fülle von Orangenblüten, daß die ganze Stadt darnach duftet; selbst die Weinlauben sind schon grün und schattig, dabei die angenehmste Temperatur, kaum heiß des Mittags in der Sonne und um Mitternacht noch warm. Die Stadt ist freundlich und wohlhabend, hat hübsche grüne Plätze; wunderhübsch ist der Blick durch die geöffneten Hausthore und durch elegante Eisengitter in die grünen Höfe, um welche meist Säulenhallen laufen nach alter maurischer Construction. Der alte Königspalast Alcazar ist von den spanischen Königen gelegentlich bewohnt worden, daher verhältnismäßig gut erhalten, wenn auch viel Fremdartiges an- und eingeflickt wurde. Eine Reihe sehr reich arabisch verzierter Gemächer und Höfe (Seite 247) vervollständigt sehr gut das Bild der Alhambra, von der nur noch das Sommerpalais steht. In der Zimmerbekleidung noch besser erhalten ist das sogenannte Haus des Pilatus, ein maurischer Palast der Herzöge Medina Celi. Die nicht skulpierten Theile der Wand sind dort durchweg mit Fayencekacheln von sehr mannigfaltigen und hübschen Mustern bedeckt, welche einen teppichähnlichen Eindruck machen. Von der Moschee steht nur das Minaret als Glockenturm und der Orangenhof. Sie haben eine große düstere, schwach gegliederte Cathedrale hinein gebaut, deren Hauptschätze, die Bilder Murillos, wir noch nicht sehen konnten, weil die entsprechende Kapelle restauriert und gestern erst wieder geweiht wurde.

Als Vorbereitung für die Ferias sahen wir schon ein Pferderennen, eine Bootswettfahrt der Ruderklubs und eine Aufführung spanischer Tänze in einer Ballettschule. Hiesige Zigeunertänze waren aber entschieden unecht, verglichen mit denen in Granada. Heute ist Stiergefecht, abends Ball der Casinogesellschaft auf dem Festplatz unter den Zelten. Dort werden wir nunmehr die Reize der ersten Damen Sevillas kennen lernen. Sie haben hier fein geformte Gesichter mit sehr feinem Teint.

    Sevilla, 20. April 1880.
Die Ferias, welche wir jetzt erleben, sind ein dreitägiger Jahrmarkt und Viehmarkt., der auf einem großen grünen Anger, außerhalb der Stadt abgehalten wird. Das Eigentümliche dabei ist, daß die wohlhabenden Bewohner der Stadt, Casinos, Clubs und Vereine ganze Straßen von Leinwandzelten oder Leinwandhäuschen errichten, deren Inneres salonmäßig eingerichtet, aber gegen die Straße geöffnet ist. Sie bringen dort den Tag zu, halten ihre Mahlzeiten ab, besuchen sich gegenseitig, machen Musik, tanzen am Abend und ziehen erst um Mitternacht wieder in die Stadt. In den kleineren Zelten tanzt gewöhnlich nur ein Paar andalusische Tänze, meist zwei junge Damen, während die Gesellschaft durch Guitarrenspiel, Gesang und Händeklatschen, die Tanzenden mit Castagnetten den Rhythmus geben. Draußen bleibt stehen, wer gerade vorüber geht und sieht oder hört zu. Für unsere Begriffe ist es überraschend, daß nie ein Betrunkener zu sehen ist und kaum lärmende Lustigkeit oder Streitigkeit vorkommt und der zerlumpteste Pferdeknecht ruhig mit zusieht, wenn die jungen Damen der wohlhabenden Bürgerfamilien Boléro tanzen. Der Anstand und die Harmlosigkeit, die dabei herrschen sind uns ganz fremd.

(Seite 248)     Sevilla, 21. April 1880.
Ich muß Dir leider melden, daß ich zwei Tage später, als bisher verabredet war, zurückkommen werde. Ganz unvermuteterweise überfiel mich heute früh eine tiefe Ohnmacht; ich war vorher ganz wohl und kräftig meinem Gefühle nach und weiß auch keine bestimmte Ursache anzugeben. Es war gestern zum ersten Male heiß. Es ist mir jetzt wieder ganz wohl, aber ich muß meine Rückreise nun doch anders einrichten. Zwei Nächte sind durchzufahren, um aus Spanien herauszukommen; ich werde die lange Fahrt von Madrid nach Bordeaux in Bayonne unterbrechen und mir Biarritz ansehen.
Dein getreuer H. H.

Letzte Änderung: Juni 2026     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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