Ernst Kusch: Helmholtz am Gymnasium

Hermann Helmholtz

(Seite 21) Am 31. August desselben Jahres, in dem Jacobi Potsdam verliess, um sich in Berlin dem Universitätsstudium zu widmen, ist Hermann Helmholtz als ältester Sohn des damaligen Oberlehrers am Gymnasium Ferdinand Helmholtz in Potsdam geboren. So hat der Zufall den ersten noch losen Faden von Jacobi zu Helmholtz gesponnen. Aus festeren Fäden hat die spätere Zeit ein geistiges Band zwischen ihnen gewoben.

Bei grossen Männern pflegt schon in früher Jugend der Genius, wenn auch nicht immer so kräftig wie bei Jacobi, die Schwingen zu regen, schon frühzeitig lenken sie die (Seite 22) Augen ihrer Lehrer und Mitschüler auf sich. Indessen hat auch zuweilen das Genie seine Schulzeit in unbeachteter, scheinbarer Mittelmässigkeit zurückgelegt, der Knospe gleichend, die in dunkler Stubenluft nicht recht gedeiht und erst im hellen Sonnenlichte zu ungeahnter prächtiger Blüte sich entfaltet. Wenn nun auch die allgemeine Ansicht nicht soweit geht, Helmholtz der Zahl dieser einzureihen, so herrscht doch vielfach die Meinung, dass er auf der Schule weder bei seinen Lehrern noch bei seinen Mitschülern Erwartungen erregt habe, die einstiger Grösse entsprachen. Genährt wird diese Ansicht durch Äusserungen von Helmholtz selbst. Aus ihr heraus bildete sich dann die Fama, dass der mathematische und physikalische Unterricht auf dem Potsdamer Gymnasium damals auf tiefer Stufe gestanden habe. Diese Fama ist dann bereits von Herrn Geh. Med. R. Prof. Dr. Hirschberg als Fabel zurückgewiesen. Diesem, ihrem ehemaligen Schüler, weiss die Anstalt dafür herzlichen Dank. Er schreibt: „Es ist eine Fabel, dass auf dem Gymnasium zu Potsdam der Unterricht in der Mathematik und Physik schlecht gewesen sei. Das Gegentheil ist richtig. Ich wünschte, dass meine Studenten alle so viel von der Spiegelung und Brechung des Lichtes verständen, als wir in der Sekunda und Prima jenes Gymnasiums lernen konnten.“ (Deutsche Medic. Wochenschrift 1894, Nro. 38.)

Lassen wir nun die Akten sprechen. Leider sind sie nur unvollständig erhalten. Dennoch dürfte das Erhaltene zu einer Skizze, wenn auch nicht zu einem vollen Bilde des Schülers ausreichen. Zunächst fand ich die Entwürfe dreier Zeugnisse über ihn von Quinta und zweier von Prima.

Die Quintanerzeugnisse lauten:

(Seite 23) Vorname und Zuname des Schülers: Herrmann Helmholtz

Von Mich. bis Weihn. 1830.

Betragen:
recht gut
Ordnungsliebe:
nicht ganz genügend
Versäumnisse:   -
Verspätet:     -
Aufmerksamkeit und Theilnahme während des Unterrichts:
selbstthätig u. gut
Fleiss:
in den schriftlichen Arbeiten, besonders in den Examen, anfangs nicht immer genügend, sonst ist weniger gegen seine Arbeiten als gegen seine Handschrift zu erinnern.   2 mal Lob
Fortschritte:
Mit Ausnahme der Exercitien u. der Calligraphie recht lobenswerth.

Von Neujahr bis Ostern 1831.

Betragen:
recht verständig u. gut
Ordnungsliebe:
noch zu vermehren
Versäumnisse:   -
Verspätet:     -
Aufmerksamkeit und Theilnahme während des Unterrichts:
überall von Spannung u. Eifer zeugend.
Fleiss:
die Klage über unsaubere Handschrift hat er noch nicht vermieden, u. ist dieses um so mehr zu bedauern, da seine Arbeiten sonst von Anstregung u. Verstand zeugen.   16 Lob
Fortschritte:
recht ordentlich u. wetteifernd.
Tech. Lekt.: ungenügend

Von Ostern bis Mich. 1831.

Betragen:
im Ganzen recht gut u. verständig, doch hat er sich in der letzten Zeit nicht frei von Erinnerungen gehalten.
Ordnungsliebe:
in seinen Heften nicht immer genügend.
Versäumnisse:  12
Verspätet:     -
Aufmerksamkeit und Theilnahme während des Unterrichts:
stets recht gespannt u. von eigenem Nachdenken zeugend, nur eine Zeit lang bisweilen zerstreut.
Fleiss:
würde sich vollkommene Zufriedenheit erworben haben, wenn er achtsamer auf seine Handschrift wäre. Auch in den häuslichen Rechenaufgaben nicht ganz genügend.   11 Lob
Fortschritte:
in sprachl. Lectionen recht gut. Wissenschaftl. Lect.: überall lobenswerth, doch nicht gleichmässig gut im Rechnen. - Handschrift zu verbessern.

Versetzt

(Seite 24) Aus seiner Quartanerzeit meldet die Einladungsschrift zur Einweihung des erweiterten und verschönerten Gymnasialgebäudes vom 29. Sept. 1832 unter anderem: „Der Quartaner Herrmann Helmholtz declamirt: Der Peter in der Fremde von Eberhardt."

Die Entwürfe der beiden Zeugnisse von Prima lauten:

1. Semester. No II. Schuljahr 1837.

für den Schüler der ersten Klasse: Helmholtz.

Betragen und Aufmerksamkeit.
sehr gut.
Regelmässigkeit im Schulbesuche.
sehr regelmässig.
Fleiss und Ordnung in den schriftl. Arbeiten.
gut, nur die griech. Handschrift muss sehr verbessert werden.
Unterrichts-
gegenstände.
Fleiss. Fortschritte.
Latein. gut. in den schriftl. Arbeiten gegen die früheren Leistungen gut; recht befriedigend im Übrigen.
Griechisch. erfreulich im Plato u. in der Gramm, mittelmässig in den Exercitien. Gut im Dichter. recht gut im Plato u. in der Gramm.; mittelmässig.in den Exercitien. Übrigens gut.
Hebräisch. regelmässig. gut.
Deutsch. gut, nur in der Logik u. Rhetorik zu verstärken. gut.
Französisch. ziemlich befriedigend. mittelmässig.
Englisch.
Religionslehre. gut. gut.
Mathematik. befriedigend. gut.
Physik. genügend. gut.
Geschichte u.
Geographie.
recht gut. recht gut.
Technische
Fertigkeiten.

(Seite 25) Am 5. August 1837 beschliesst die Konferenz unter anderem, dass zu „der Redeübung, welche Michaelis d. J. bei der Abiturientenentlassung stattfinden solle, Helmholtz eine lateinische Ode anzufertigen habe.“ In der am 1. September 1837 abgehaltenen Konferenz werden dann, „die Redner“ aufgeführt. Ein Abiturient „tritt auf mit einer deutschen Abschiedsrede“, ihm entgegnet ein Primaner in lateinischer Sprache, einer „mit Hebräisch“, einer „mit Französisch“, „Helmholtz mit einer lat. Ode“, und einer „mit Griechisch.“

Semester II. No 1. Schuljahr 1837-38.

für den Schüler der Prima graeca: Helmholtz.

Betragen und Aufmerksamkeit:
gut, stäts ernst u. verständig und dabei von reger Theilnahme für alle Gegenstände des Unterrichts zeugend.
Regelmässigkeit im Schulbesuche:
keine Stunde versäumt.
Fleiss und Ordnung in den schriftl. Arbeiten:
löblich.
Unterrichts-
gegenstände.
Fleiss. Fortschritte.
Latein. löblich; nur die schriftl. Arbeiten müssten noch correcter sein. In der Übersetzung der Classiker recht gut.
Griechisch. sehr gut in der Prosa, in den Exercit. u. in der Grammatik. Ebenso im Dichter. erfreulich.
Hebräisch.
Deutsch. eifrig. recht gut.
Französisch. recht gut. gut.
Englisch.
Religionslehre. gut. gut.
Mathematik. lobenswerth. ausgezeichnet.
Physik. lobenswerth. ausgezeichnet.
Geschichte u.
Geographie.
sehr gut. sehr gut.
Technische
Fertigkeiten.

(Seite 26) Dieses Zeugnis zeichnet sich vor denen seiner Mitschüler durch die gleichmässig guten Leistungen ganz besonders aus. Hierbei fällt noch ins Gewicht, dass Helmholtz, nachdem er schon 1½ Jahre in der Prima gesessen hatte, mit 16 Jahren noch immer der jüngste in der ganzen Klasse war.

Auf den Zeugnissen fehlt jede Bemerkung über das Turnen. Dass er aber in seiner Jugend ein eifriger Turner gewesen ist, geht aus seiner nachfolgenden vita hervor, und Herr Landgerichtsrat Haeckel hierselbst, der sich rühmen kann, Helmholtz zum Vorturner gehabt zu haben, hat es mir ausdrücklich bestätigt. Er schildert, ihn als einen zurückhaltenden, gesetzten, aber gegen die jüngeren Mitschüler sehr wohlwollenden Schüler.

Von den Akten über die Abiturientenprüfung habe ich nur folgendes aufgefunden: Die von Helmholtz angefertigte kurze vita, den deutschen Aufsatz, die griechische, französische, hebräische und mathematische Arbeit, sowie das Urteil der wissenschaftlichen Prüfungskommission über diese Arbeiten.

Die vita lautet:

„Curriculum vitae
Arminii Julii Ludovici Helmholtz.

Natus sum prid. Cal. Sept. anni MLCCCXXI p. C. n. patre Ferdinando Helmholtz, qui tunc magister erat in gymnasio Potisdamensi, postea professör nominatus est. Mater mea, Carolina Penne, filia est Pennii, centurionis eorum militum, qui tormentis curant. Qui parentes carissimi, quum e prima pueritia diligentissime et corpus et animum meum conformare studuissent, impedire tamen non potuerunt, quominus longissiinis gravissimisque morbis quinto aetatis anno afficerer, quibus me interiturum esse, multi viri artis medicae peritissimi affirmarunt. Dei autem optimi maximi benignitate et parentum meormn curatione ex illis malis recreatus, corpus debile palaestrae praecipue et balmeorum usu firmum et validum reddidi.

(Seite 27) Postquam in seminarii Potisdamensis scholis artium et disciplinarum rationem ingressus, et a patre latini sermonis principiis eruditus sum, anno MDCCCXXX vere ineunte in gymnasii sextam classem praeceptores doctissimi me receperunt et omnes artes, quae ad humanitatem pertinent, optime docuerant. E quibus praeceptoribus Riglerio praesertim directori, viro amplissimo et doctissimo, maximas gratias ago atque habeo, qui summo acumine summaque doctrina ad cognoscendum veterum scriptorum ingenium atque artem me instituit. Quorum cognitio quantum valeat ad conformandum animum, nemo est, qui ignoret. Deinde maxima atque plurima debeo Schmidtio, professori. quum aliis in disciplinis, tum in historiis. quibus nihil est praestantius ad cognoscendam naturam hominum et populorum. Pater meus artis poeticae et oratoriae praecepta mihi dedit, quarum illa et iucundissima est et utilissima. ad elocutionem elegantem et copiosam. Omnium disciplinarum autem maxime iam a pueritia me delectavit physice et mathematice, quibus eruditus sum a Meierio, vivo harum rerum peritissimo; quamobrem in iis maxima profecisse puto. Sed longum est, enumerare omnia, quae bona et utilia ab illis viris honestissimis acceperim.

Praeterea divinae nostrae religionis praecepta me docuit et in societatem Christiaunum me recepit Eylert, primus episcopus, vir summae dignitatis atque sanctitatis, cuius memoriam semper animo gratissimo conservabo. Angliaci et Arabici sermonis principia didici a Muellerio et Schulzio, candidatis, quorum hic Stralsundi ille in Putbus oppido magister est. Illo amore earum artium permotus, quae ad rerum naturam cognoscendam pertinent, mihi proposui artis medicae studium suscipere. Quamobrem quum iam anno MDCCCXXXVII in domo illa, quam nominant institutum Friderici Guilielmi, periculum mei fecissem, Wiebelins, ei praefectus, vir amplissimus, me in illam receptum iri, si praeceptores mei declararent, me satis ingenio et doctrina instructum esse.“

Der Anhang enthält eine Nachbildung des ersten Teiles dieser vita.

Wenn wir auch dem jungen Helmholtz gern glauben wollen, dass es ihm mit dem volltönenden Lobe seiner Lehrer (Seite 28) ernst gewesen ist, so erscheint es uns heute doch etwas wunderlich, wie wenig empfindlich in jenen glücklichen Tagen, wo die Nerven noch nicht erfunden waren, die Lehrer gegen ein so offen ausgesprochenes Lob ihrer Schüler gewesen sein müssen.

Das Thema des deutschen Aufsatzes lautet: „Die Idee und Kunst in Lessings Nathan, der Weise.“ Dieser Aufsatz ist von dem Vater Helmholtz, welcher den Unterricht im Deutschen erteilte, streng korrigiert und zutreffend censiert. Das Urteil lautet: „Die Arbeit zeigt mehr Ausbildung des Vermögens der Auffassung als der Reflexion: es fehlt an einer gründlichen Zerlegung der Hauptgedanken des Thema, daher an Gliederung u. Fortschritt, und die Stellen, wo es auf ein scharfes Auffassen von Begriffen und auf ein Schliessen aus ihnen ankam sind schwächer, als dies sonst in den deutschen Arbeiten des Examinanden der Fall zu sein pflegte; dagegen ist die poetische Wirkung des Gedichtes u. der Charactere für das Gefühl im Einzelnen gut ausgesprochen. Die Sprache ist natürlich u. beweglich, obgleich im Einzelnen, namentlich in der Abrundung der Perioden noch die Durcharbeitung mangelhaft ist. Die Arbeit legt wenigstens für den Sinn des Verfassers ein gutes Zeugniss ab, und scheint insofern sowie in stilistischer Rücksicht für ganz genügend zu erklären.   Helmholtz.“

In der That tritt in dem Aufsatze poetische Empfindung und lebhafte, aber noch ungezügelte Phantasie hervor, die ihn bisweilen über die Grenzen des Zutreffenden hinwegreisst und so zur Phrase verführt. Als Beleg hierfür bringe ich die ganze Einleitung des Aufsatzes, in Klammern dabei die Korrekturen des Vaters. Sie lautet: „Unser bewunderter Lessing, ausgezeichnet sowohl durch klare (verständige ) und scharfsichtige Forschung in der Wissenschaft, wie durch lebendige und kunstvolle Darstellung in der Poesie, hat uns (unter Anderem) eine Reihe von Erzeugnissen seiner dramatischen Muse hinterlassen, die vielleicht nur von jenen (denen der) beiden Koriphäen deutscher Dichtkunst übertroffen sind. Obgleich in allen seinen Werken die Charaktere meisterhaft wahr und tief gezeichnet sind, (auch) (Seite 29) die Handlungen immer aus der innersten Natur derselben hervorgehen, doch (so) hat sich der Dichter (doch) selbst übertroffen in seinem Nathan, dem Weisen, diesem Gemälde ächt menschlicher Tugend, welches jedes empfängliche Herz durch seinen tiefen Sinn und seinen hellen, anmuthigen Ton (durch die Anmuth und Klarheit seiner Form ) mit den stärksten Banden der Bewunderung und des Interesses an sich zieht. Ach! es war sein Schwanenlied, sein laut durch alle Völker, alle Zeiten hintönendes Schwanenlied, in dem er seines forschungsreichen Lebens höchsten Gedanken. (? ?) aushauchte. Es ist kein Äschvleisches Sturmgemälde, was uns Beben und Erstaunen einjagt, es ist keine Darstellung eines Macbeth, den der gewaltige Geist, die ungedämmte Leidenschaft über die Schranken des Menschen hinwegreisst, nein! es ist ein ruhiger stiller See, auf dessen sanfter Oberfläche wir hinwiegen, und über uns im unendlichen Himmel, unter uns in der feuchten Tiefe des ewigen Schöpfers Geheimnisse ahnen. (Was sollte in den Eindrücken des Nathan diesem Gegensatze entsprechen?)“

Die griechische: Arbeit bestand in einer Übersetzung von Eurip. Hecub. v. 339 – 399. Das Urteil lautet:

„Helmholtz's Arbeit genügt den Anforderungen vollkommen, und verdient ganz die Censur, die dem Abiturienten Klotz ertheilt wurde. Er hat seine guten Naturanlagen durch regelmässigen Fleiss und ununterbrochenen Schulbesuch, sowie durch löbliche Theilnahme an allen Gegenständen des Unterrichts sorgfältig auszubilden gesucht; und daher durch vorliegende Arbeit auch im Griechischen die Erwartungen erfüllt, die ich von ihm hegen durfte. Zugleich hat er bei dieser Gelegenheit gezeigt, dass er mit einer gewissen Leichtigkeit die eigenthümliche Darstellungsart eines ihm fremden Schriftstellers aufzufassen, und in den Geist desselben einzudringen im Stande ist.   Schmidt.“

Die Arbeit des einzigen Mitabiturienten von Helmholtz, C. G. A. Klotz (als Arzt in Potsdam 1875 verstorben), ist gut genannt. Schmidt sagt von ihr: „Die Übersetzung beweist, dass seine Kenntnisse in der griechischen Sprache gründlich sind und bereits einen bedeutenden Umfang erhalten haben.“

(Seite 30) Als französische Arbeit war die Übersetzung eines zwei Bogenspalten langen Stückes „Die Katacomben“ in's Französische zu liefern. Das Urteil lautet: „Comme l'auteur n'a fait presque point de fautes grammaticales et qu'il a presque toujours trouvé l'expression convenable, il faut nommer son exercice „très-bien“ travaille.   23. 8. Hamann.“

Die hebräische Arbeit bestand in einer lateinischen Erklärung der Stelle Deuteron. IX 1 3. Das Urteil lautet:
„Helmholtz. licet arti medicinae in posterum addictus facile supersedere potuisset Hebraicis, ut quae, parum utilitatis allatura medico futuroj jam al ipso minime requirerentur. tamen, quum aliam hac de re sententiam secutus fideliter se ab initio huic disciplinae dederit, haud deprecatus est, quin et in hac studiorum parte cognitio de se rite constitueretur. Etenim sperat, fore, ut pro tali. quam literis Hebraicis ultro navavit, affiduitate atque labore justa sibi laus non denegetur. Atqui Abituriens noster in hoc opusculo suo eam linguae Hebraicae cognitionem probavit, – quae quidem discipuli esse potest, – ut non possim, quin et aliis, quos aequos in hac causa esse judices decet, laudabile id visum iri confidam.   Rührmund.“

Den lateinischen Prüfungsaufsatz und das lateinische Extemporale habe ich nicht finden können, wir dürfen aber vermuten, dass diese Arbeiten nicht gerade zu den besten Leistungen des Abiturienten gehörten. Hat doch Helmholtz in seiner ersten Rede auf der Schul-Konferenz (S. 207) von dem lateinischen Aufsatze, den er als „obersten aller Leitartikel“ kennzeichnet, gesagt, dass er unter seinen Schulleistungen immer die schwächste war.

Ich komme nun zur mathematischen Prüfungsarbeit. Es waren folgende vier Aufgaben zu lösen: „1) Ein Parallelepipedon ist schief abgeschnitten, man soll aus einer der beiden Grundflächen, den vier Seitenkanten und dem Neigungswinkel derselben gegen diese Grundfläche den Inhalt bestimmen. 2) In einem gegebenen Kreise, sollen fünf Kreise construirt werden, welche sowohl den gegebenen Kreis als auch sich untereinander berühren. (Hierzu bemerkt der Abiturient sofort richtig: „Diese Aufgabe ist unbestimmt, wenn man nicht noch die Bedingung (Seite 31) stellt, dass die fünf gesuchten Kreise gleich sein sollen.) 3) Warum hat eine quadratische Gleichung nur zwei Wurzelwerthe, und wie lassen sich dieselben finden, wenn man weiss dass sie ganze Zahlen sind? 4) Welche Zahlen lassen durch 3, 4. 10 dividirt, der Reihe nach die Reste 2. 3, 9.“ Ausser diesen vier Aufgaben löste Helmholtz noch eine fünfte: „Die Gesetze des freien Falls der Körper sollen erörtert werden.“ Das in jeder Weise berechtigte Urteil lautet: „Die Behandlung sämmtlicher Aufgaben zeigt von grosser Klarheit und Festigkeit des Verfassers in den Elementen der Mathematik. Die wenigen Fehler, welche sich eingeschlichen haben sind entweder bloss Schreibfehler, oder doch unbedeutend. Die Arbeit ist ausgezeichnet.   Meyer.“

Ich kann es mir nicht versagen, die Lösung der fünften Aufgabe als Beweisstück für die Richtigkeit dieses Urteils im Wortlaut wiederzugeben (In eckigen Klammern der Korrektor):

„5) Die Gesetze des freien Falls der Körper sollen erörtert werden.

Die Schwerkraft wirkt, ununterbrochen auf jeden Körper und zwar in umgekehrtem Maasse des Quadrats der Entfernung. Doch wenn wir für unsre Erde die Gesetze des Falls suchen, können wir sie als gleichmässig in jeder Höhe wirkend ansehen, da die Höhe welche wir erreichen können einen zu unmerkbaren Unterschied bewirken.

Der leichteren Betrachtung wegen denken wir uns die Schwerkraft nicht als continuirlich wirkend, sondern wir teilen die Zeit t während welcher ein Körper fällt in n gleiche Theile deren jeden wir mit r bezeichnen wollen, und sehen es dann so an, als wirke die Schwerkraft nur am Anfang jedes Zeittheilchens so dass sie dem fallenden Körper die Geschwindigkeit γ einflösst. In dem ersten Zeittheil fällt also der Körper mit der Geschwindigkeit γ nach Verlauf desselben vermehrt die Schwerkraft dieselbe um γ, der Körper fällt mit der Geschwindigkeit 2γ in dem dritten Zeittheil mit 3γ im nten mit nγ Nach der Zeit t = nr ist seine Geschwindigkeit v also = nγ nach der Zeit t' = n'r aber ist v = n'γ, folglich ist t: t' = v : v'. Setzen wir nun v = 1 und v' = 2g so ist t: 1 = v : 2g d.h. 1) v : 2gt wo g eine constante, (Seite 32) durch Versuche zu bestimmende Grösse ist. Da nun der Körper in dem ersten Zeittheile vermöge seiner Geschwindigkeit γ den Raum γ [γ . r ] zurücklegt , in der zweiten 2γ [2γr], in der dritten 3γ [3γr], in der nten nγ [nγr], so ist der Raum, den er in der ganzen Zeit t zurücklegt,

s = (γ + 2γ + 3γ + etc. + nγ) . [r]
  = γ[r] (1+2+3+ etc. +n)

Da nun das summatorische Glied einer arithmetischen Reihe, deren erstes Glied a, deren Differenz d, deren Gliederzahl n ist gleich ist (2a + (n — 1) d) n/2
so ist 1 + 2 + 3 + etc. + n = (2 + n - 1) n/2 = (n² + n)/2
also s = γ[r] (n² + n)/2 = γ[r]n²/2 + γ[r]n/2 = γ[r]n²/2 + γ[r]n²/2n

Es ist aber v = γn   s = γn[r]/2 + vn[r]/2n   v=2gt  
s = gt n [r] + (gt n [r])/n   Multiplicire ich den Ausdruck mit r = 1   1s = s = gt nr + gt nr / 2n
nr = t [oder weil nr = t]
s = gt² + gt²/2n
Da nun die Schwerkraft ununterbrochen wirkt, so muss ich n = ∞ setzen, dadurch ändert sich die Formel No 1 nicht, wohl aber die letzte für s, nämlich das zweite Glied wird gleich Null, also
2) s = gt²

Setze ich t gleich der Einheit, so erhalte ich s = g als den Raum, den ein Körper in einer [ungehindert in der ersten Secunde] Sekunde durchfällt. Dies g ist durch Versuche als 15 5/8 Fuss gefunden worden. Aus den beiden Gleichungen v = 2gt und s=gt² kann man, wenn ausser g noch eine Grösse gegeben ist, die beiden andern finden. Ist v gegeben so ist t = v/2g and s = v²/4g. Ist s bekannt, so ist t = √(s/g) und v = 2 √(gs).
Wird ein Körper mit der Geschwindigkeit c nach unten geworfen. so wird v noch um c vermehrt also v = c + 2gt, (Seite 33) der Raum s aber noch um das Stück, was der Körper in der Zeit t vermittelst seiner Geschwindigkeit c würde durchlaufen haben, also um ct, daher s = ct + gt². Wird ein Körper nach oben geworfen, so werden die beiden Grössen um eben so viel vermindert werden, also v = 2gt - c   s = gt² - ct
Er wird aufhören zu steigen wenn v = 0 also 2gt = c d.h.
t = c/2g geworden ist. Dann ist
s = g c²/4g² - (g² c²)/4g² = - c²/4g
Alsdann wird er wieder zurückfallen, und unten ankommen mit der Geschwindigkeit
v = 2 √(gs) = 2 √(g c²/4g) = √(4g c²/4g) = c
Er wird also eben so schnell wieder niederfallen, wie er hinaufgeworfen wurde.

Wird ein Körper schief in die Höhe geworfen unter dem Winkel α mit der Geschwindigkeit c, und ist AB = nc so wird er in den n Sekunden gefallen sein um gn² = BC. Wenn nun AD # BC und also DC # AB so ist 1) DC = AB = nc also n = c/DC   AB = BC = n²g,   setzt man statt n den Werth AB = c²g/Dc²   AB . DC² = c²g“

Das Urteil der wissenschaftlichen Prüfungskommission (mitgeteilt in der Verfügung des Königl. Schul-Kollegiums der Provinz Brandenburg vom 18. Febr. 1839 S. C. 994) lautet:

„Bei den philologischen Probearbeiten der Abiturienten Helmholz und Klotz findet sich nichts zu erinnern. Die Correctur ist mit grosser Sorgfalt veranstaltet . . . . . . Die deutschen Aufsätze der Abiturienten belegen die Reife ihrer Verfasser. Die hebräische Arbeit des Abiturienten Helmholz |:die derselbe, obgleich er Medicin zu studiren gedenkt, angefertigt:| genügt den gesetzlichen Forderungen. Auch mit der Beurtheilung der mathematischen Arbeit erklärt sich die Commission einverstanden: die Arbeit des Abiturienten Helmholz ist mit Recht ausgezeichnet zu nennen.

a. u. s.
(gez.) Lange, Meineke, Benary, Trendelenburg, Conrad.“

(Seite 34) Über die Form der Prüfung ist noch zu erwähnen, dass die Arbeiten in folgender Weise geschrieben wurden:
Am 20. Aug. Vorm. 7-1 lateinischer Aufsatz.
  Nachm.3-6 Französisch.
" 22. " Vorm. 8-1 Mathematik.
  Nachm. 3-6 Griechisch
" 24 " Vorm. 8-1 Deutscher Aufsatz.
  Nachm. 3—6 lateinisches Extemporale.
" 25. " Vorm. 11-1 Hebräisch.

Ob wir wohl unsrer heutigen schonungsbedürftigen Jugend derartiges zumuten dürften? Es liegt mir völlig fern, einer so hohen Anspannung jugendlicher Kräfte in heutiger Zeit das Wort reden zu wollen, aber eines dürfen wir uns nicht verhehlen: durch ein schärferes Anziehen der geistigen Spannkraft wurde einerseits die Schule und später die Universität vor dem Bleigewicht ungeeigneter Elemente geschützt , andrerseits den fähigen Köpfen eine hohe Energie als treffliche Beigabe für das spätere Leben mitgegeben. Vergleichen wir damit, was Helmholtz in der erwähnten Rede auf der Schul-Konferenz (S. 205 u. 206) aussprach: „Nun habe ich weiter den Eindruck empfangen, dass in der relativ alten Zeit, in welche meine Gymnasialerfahrungen zurückreichen, wir damals aus unserem Gymnasium mit mehr Lust an den alten Schriftstellern hervorgegangen sind, als sie bei der gegenwärtigen Jugend zu finden ist. Indessen, es war ein wesentlicher Unterschied im Unterricht. Man bestrebte sich, uns viel lesen zu lassen und schliesslich konnten wir die Schriftsteller, für die wir etwas eingeübt waren, mit Leichtigkeit lesen und haben auch privatim, ausserhalb der Schulstunden, theils dies gethan, theils daneben noch fremde Sprachen getrieben. Ich habe Englisch und Italienisch auf der Schule privatim getrieben, auch Hebräisch mitgemacht und sogar noch eine besonders gute Note im Hebräischen bekommen. Sogar Arabisch hatte ich in Prima angefangen bei einem Lehrer, der Arabisch konnte, und das Alles ging ganz gut nebenbei. Wir waren nicht „belastet.“ Auch bei dem gegenwärtigen Gymnasium kann ich nach meinen allerdings nicht ausgedehnten Erfahrungen eine Überlastung für gut beanlagte und begabte Schüler (Seite 35) nicht zugeben; der Hauptfehler ist der, dass eben zu viel Schüler im Gymnasium sind, welche nicht im Gymnasium sein sollten. Diese sind überlastet und können nicht mitkommen und werden vielleicht stumpf.“

Hiermit ist alles erschöpft, was sich aus den Akten der Anstalt auf den Schüler Helmholtz unmittelbar bezieht. Aus ihnen tritt uns das Bild eines Schülers entgegen, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Wenn Helmholtz selbst sich dessen nie bewusst geworden ist, so erinnert uns das an jene Worte, mit denen er kurz vor seinem Tode in dem Vorwort zu den gesammelten Werken von Heinrich Hertz ein Bild dieses seines grossen Schülers geben wollte und — ein Spiegelbild seiner eigenen Seele gab. „Man beobachtet nicht selten eine Art zaghafter Bescheidenheit gerade bei jungen Leuten von hervorragenden Anlagen. Sie haben wohl eine deutliche Vorstellung von den Schwierigkeiten, die vor der Erreichung des ihnen vorschwebenden hohen Zieles zu überwinden sind, und müssen ihre Kräfte erst erprobt haben, ehe sie das zu ihrem schweren Werke nöthige Selbstvertrauen gewinnen. Aber auch in ihrer späteren Entwickelung pflegen reich veranlagte Naturen um so unzufriedener mit ihren eigenen Werken zu sein, je höher ihre Fähigkeiten und ihre Talente reichen. Die Begabtesten erreichen offenbar nur deshalb das Höchste, weil sie am empfindlichsten gegen jede Unvollkommenheit sind und am unermüdlichsten an deren Beseitigung arbeiten.“

Uber die geistige Entwicklung von Helmholtz dürften noch folgende, aus den Akten gewonnene Mitteilungen einige weitere Aufschlüsse geben. An seinem siebzigsten Geburtstage erzählte er, in frühester Jugend habe er die ersten geometrischen Kenntnisse, mit denen er später seine Lehrer überraschte, aus dem Spielen mit stereometrischen Körpern gewonnen. Die Lektionspläne des Gymnasiums aus jener Zeit verraten uns, wie der Knabe zu jenem für den Sohn eines klassischen Philologen immerhin eigenartigen Spielzeug gekommen sein mag. Als 1826 der Konrektor Bauer die Anstalt verliess, übernahm der Subrektor Helmholtz den mathematischen und physikalischen Unterricht in den oberen (Seite 36) Klasse. Vier Jahre hat er diesen Unterricht erteilt, indem er sich, wie der damalige Direktor Blume ihm ausdrücklich der vorgesetzten Behörde gegenüber bezeugt hat, mit regem Eifer und voller Hingabe dem Studium dieser Wissenschaften widmete. Das war in einer Zeit, in der Hermann Helmholtz im Alter von 5-8 Jahren stand.

Von nicht geringer Bedeutung musste für den so beanlagten Schüler eine Persönlichkeit, wie der Oberlehrer, spätere Professor Meyer werden, welcher den mathematischen und physikalischen Unterricht am Gymnasium erteilte. Fortgesetzt wird sein Unterricht in den Berichten des Direktor Blume und später des Direktor Rigler an die vorgesetzte Behörde — die Berichte reichen bis ins Jahr 1847 — als ganz vorzüglich bezeichnet. Ein solcher Mann, der nur wenige Jahre zuvor zu den Füssen eines Jacobi und Bessel gesessen und noch ganz mit der jugendlichen Begeisterung für seine Wissenschaft erfüllt war, musste notwendig die empfänglichen Seelen seiner Schüler zu heiligem Feuer entzünden. Sollte er nicht oftmals seinen Schülern das Bild des ehemaligen Zöglings der Anstalt, seines grossen Lehrers, der damals schon im Zenit seines Ruhms stand, vor die Seele geführt haben? So sehen wir hier sich festere Fäden von Jacobi zu Helmholtz ziehen. Wir wissen, wie dann später Jacobi an entscheidender Stelle für Helmholtz grosse, unsterbliche, zunächst noch vielfach verkannte Geistesthat eintrat.

Im Osterprogramm der Anstalt vom Jahre 1838, also ein halbes Jahr vor dem Examen von Helmholtz, erschien eine Abhandlung des Oberlehrer Meyer: „Uber die Brennlinien, welche durch die Zurückwerfung des Lichtes von Curven der zweiten Ordnung entstehen.“ Sollte diese gediegene wissenschaftliche, aber für einen weit vorgeschrittenen Primaner doch wohl verständliche Abhandlung nicht das vollste Interesse des Primaner Helmholtz erregt haben? Sollte sie nicht den Stoff aus der Optik geboten haben, in den sich, wie Helmholtz an seinem siebzigsten Geburtstage erzählt, der junge Primaner in der lateinischen Stunde, (Seite 37) die ihn nicht sonderlich fesselte, unter dem Tische verbotener Weise vertieft hat?

So hat ein trefflicher Unterricht die durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen geweckten Anlagen des Knaben für Mathematik und Naturwissenschaften genährt und gefördert. “Welchen Einfluss aber hat auf ihn der Mann ausgeübt, der seinem Herzen am nächsten stand, sein Vater? v. Bezold nennt ihn einen „pflichttreuen, aber enthusiastischen Mann, begeistert für die Zeit der grossen deutschen Litteratur“, und die Fama in der Stadt seines Wirkens urteilt strenger. Aber die Fama urteilt selten gerecht. Die mündlichen Überlieferungen knüpfen naturgemäss an die letzten Zeiten seiner Thätigkeit als Lehrer an, wo das Bild durch Alter und Gebrechlichkeit getrübt wird. Dem Alter müssen alle opfern, aber wir Lehrer, die wir beständig dem schärfsten Urteil, dem der Jugend, unterworfen sind, vielleicht mehr als andere.

Um so erfreulicher ist das Bild, das uns von Ferdinand Helmholtz ans den Akten der dreissiger Jahre, der Zeit seiner besten Thätigkeit, entgegentritt.

Am 21. Dezember 1792 geboren, von Natur mit einem schwächlichen Körper ausgerüstet, wie er selbst schreibt, hat Ferdinand Julius Helmholtz an dem Feldzug 1813 —14 von Anfang bis zu Ende teilgenommen. Schon am 30. März 1813 ist er als freiwilliger Jäger in Eid genommen und am 8. September zum Sekondlieutenant ernannt. Nachdem er nach dem Pariser Frieden 1814 die erbetene Entlassung erhalten, hat er infolge eines lange andauernden schleichenden Nervenfiebers dem Feldzuge von 1815 „entsagen“ müssen. 1820 nach Potsdam an das Gymnasium berufen, erhielt er im April 1821 seine Bestallung als Oberlehrer, 1826 als Subrektor und 1828 das Königl. Patent als Professor. Über seine Thätigkeit an unsrer Anstalt liegen mir die Urteile vor, welche die Direktoren Blume und Rigler in ihren amtlichen Berichten während der Jahre 1834–1847 gefällt haben. Der Name dieser beiden Direktoren steht noch heute allseitig in so gutem Klange, dass ihr Urteil volle Glaubwürdigkeit verdient. Blume schreibt von ihm unter anderem: „Er besitzt (Seite 38) eine vortreffliche aesthetische Bildung, die sich auf umfassende litterarische Studien stützt.“ „Im Allgemeinen wirkt er sehr anregend und fördernd auf seine Schüler.“ „Von allgemeinem wissenschaftlichen Interesse beseelt studirt er fleissig fort.“ Ein andermal: „Sein Unterricht wirkt anregend und fördernd. Überhaupt zeigt er sich in jeder Beziehung treu und fleissig.“ Rigler schreibt dann: Helmholtz „zeigt durchweg eine gebildete innerliche Individualität.“ Er bezeichnet ihn als „von dem redlichsten Willen seinen Unterricht fruchtbar zu machen beseelt“ und rühmt an ihm „da, wo Mängel zu Tage treten, eine würdige Offenheit“, eine Eigenschaft, die nur aus gediegenem Wissen hervorgeht. Ein andermal schreibt er: „In seinem Vortrag zeigt sich Phantasie und aesthetische Bildung vorwaltend. . . . . . . Er arbeitet unverkennbar dahin, eine edlere Gesinnung und einen wissenschaftlichen Geist unter seinen Schülern zu wecken und zu nähren.“ Ein andermal: „Seinen amtl. Obliegenheiten kommt er regelmässig nach: auch übt seine ganze Individualität unverkennbar einen wohlthätigen Einfluss auf die Gesinnung und das Streben der besseren Schüler aus.“ Der einzige wunde Punkt, der mit der Zeit mehr und mehr hervortritt — und auch dieser macht seinem Herzen nur Ehre — ist die zu grosse Neigung zur Milde. Es ist fast kein Fach, in dem er nicht ein oder mehrere Jahre lang unterrichtet hat. Seine Hauptlehrgegenstände waren Deutsch, Philosophie, Plato, Odyssee, Ovid, Virgil; aber wir haben gesehen, dass ihm auch der mathematische und physikalische Unterricht in den oberen Klassen einige Jahre oblag. Die Programme der Anstalt enthalten vier Abhandlungen von ihm:   1) 1829: „Ueber die erste Entwicklung der Hellenen.“   2) 1837: „Die Wichtigkeit der allgemeinen Erziehung für das Schöne.“   3) 1839 eine Rede zum hundertjährigen Jubiläum der Anstalt: „Ueber die geschichtliche Aufgabe des nächsten Jahrhunderts.“   4) 1848: „Die Araber, geschildert aus der Hamasa.“ In diesen Abhandlungen bewegt er sich in Herders Ideenkreis und zeigt grosse Belesenheit, verbunden mit philosophischer Schulung.

In dem Programm der Anstalt für das Jahr 1857 lesen wir: „Um Michaelis trat Subrektor Helmholtz in den Ruhestand. (Seite 39) Er hatte in den Jahren 1813 und 14 dem Vaterlande mit den Waffen in der Hand gedient und sich nach Abschluss des Pariser Friedens wieder dem gelehrten Berufe zugewandt. Seit dem Jahre 1820 wirkte er mit treuer Hingabe in seinem Lehramte am hiesigen Gymnasium, bis ihm seine angegriffene Gesundheit zur Pflicht machte, um seine Pensionirung nachzusuchen. Dieses sein Gesuch wurde ihm gegen Ende des Sommersemesters von Seiten der Königl. Behörden und des Wohllöbl. Patronats mit der ehrenvollsten Anerkennung seiner langjährigen und verdienstlichen Wirksamkeit bewilligt. Ihn erfreuten bei seinem Ausscheiden aus den ihm lieb und theuer gewordenen Verhältnissen die Erweise inniger Anhänglichkeit seiner Schüler, welche ihm reiche und mannigfaltige geistige Anregung verdankten, und der Hochachtung seiner Kollegen, mit denen er durch Amt und persönliche Beziehungen eng und freundschaftlich verbunden so viele Jahre hindurch auf demselben Felde zusammen gearbeitet hatte. Wir können nur wünschen, dass in seiner den wissenschaftlichen Bestrebungen gewidmeten Musse seine geschwächte Gesundheit sich immer mehr kräftigen und ihm ein langer, schöner und heiterer Lebensabend beschieden sein möge.“ Dieser Wunsch ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Bereits 1858 starb er. Eine der edelsten Freuden, die einem Menschen werden kann, ist ihm in den letzten Jahren seines Lebens beschieden gewesen: seinen Namen durch seinen Sohn Hermann für alle Zeiten unvergesslich gemacht zu sehen. Edle Gesinnung, künstlerisches Empfinden, vielseitiges Interesse und tüchtiges Streben sind die hervortretenden Züge des Vaters. In dem Bilde des Sohnes erkennen wir sie mit den grossen Anlagen aufs glücklichste vereint wieder.

Ihre Excellenz Frau von Helmholtz hat durch das Geschenk eines Bildes ihres verstorbenen Gemahls das Gymnasium zu hohem Danke verpflichtet. Die Anstalt glaubte ihren grossen Schüler nicht würdiger ehren zu können, als dass sie diesem Bilde als einem Vorbilde und einer Mahnung für die lernende Jugend einen Ehrenplatz in ihrem Festsaale einräumte.

(Seite 40) Nichts wäre verfehlter, nichts würde dem Zweck dieser Zeilen mehr widersprechen, als wenn wir das Andenken der beiden Schüler Jacobi und Helmholtz dadurch entweihen wollten, dass wir ihren Bildungsgang gegen Schulen ins Feld führte, welche auf anderem Wege demselben Ziele wie wir, tüchtige Männer heranzubilden, zustreben. Denn wir wissen es: „Bei ausnahmsweise begabten Leuten ist es ziemlich einerlei, welchen Unterricht sie genossen haben; die helfen sich selbst.“ (vergl. Helmholtz Rede auf der Schul-Konferenz S. 204) Aber nicht weniger lieb und wert wie Jacobi ist auch Helmholtz die Bildung geworden, welche er dem Gymnasium verdankte. Am Abende seines Lebens hat er in feierlicher Stunde beredtes Zeugnis für sie abgelegt. Und darum darf sich das Gymnasium rühmen, diesen Männern, welche für die Mathematik und die Naturwissenschaften so hoch bedeutsam geworden sind, das ihm eigenartige Gepräge klassischer Bildung gegeben zu haben.

Quelle:
Ernst Kusch: C. G. J. Jacobi und Helmholtz auf dem Gymnasium : Beitrag zur Geschichte des Victoria-Gymnasiums.
In: Programm des Victoria-Gymnasiums zu Potsdam. Ostern 1896.


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