Richard L. Kremer:
Letters of Hermann von Helmholtz to his wife : 1847-1859

Vorwort — Erwerb der Briefe durch die Harvard Universität

Nachdem Koenigsberger die Briefe verwendet hatte, verblieben sie getrennt von dem Helmholtz-Nachlass, den Ellen von Siemens-Helmholtz 1931 der Berliner (Seite xxix) Akademie der Wissenschaften stiftete. Der Briefwechsel zwischen Hermann und Olga Helmholtz gelangte anschließend in den Besitz von Edith Sophia Olga von Branca (geb. 1873), der Enkelin von Helmholtz. Edith von Branca war das einzige Kind von Käthe Helmholtz (1850–1877) — dem ältesten Kind von Hermann und Olga — und William Branco (1844–1928), dem Sohn eines Potsdamer Regimentsarztes, den Helmholtz aus seiner eigenen Zeit als Militärarzt in Potsdam kannte. Branco blickte auf eine abwechslungsreiche Laufbahn zurück; 1895 erhielt er den Namen „von Branca“ und 1899 wurde er Professor für Geologie in Berlin. Edith heiratete nie; nachdem sie viele Jahre in München gelebt hatte, zog sie 1944 nach Au bei Aibling, südlich der bayerischen Landeshauptstadt.

Im Juni 1947 erhielt William A. Jackson (1905–1964), Bibliothekar der neu eröffneten Houghton Library der Harvard University (einer Bibliothek für seltene Bücher und Manuskripte), zwei Briefbündel aus München zur Begutachtung. Das eine, das den Briefwechsel zwischen Hermann und Olga enthielt, gehörte Edith von Branca; das andere, das eine geringere Anzahl von Briefen zwischen der Familie Helmholtz und dem Berner Physiologen Hugo Kronecker (1839–1914) umfasste, stammte von Charlotte Kronecker aus München. Fannie Barnett (gest. 1981), Ehefrau eines in München stationierten amerikanischen Experten für das Hochschulwesen, hatte die Dokumente an Jackson gesandt. Ihr Ehemann, Isaac Albert Barnett (1894–1974), der vor dem Krieg als außerordentlicher Professor für Mathematik an der University of Cincinnati gelehrt hatte, war 1945/46 an der U.S. Army University in Biarritz tätig gewesen. Das darauffolgende Jahr verbrachte er in der Abteilung für Bildungs- und Religionsangelegenheiten der amerikanischen Militärregierung (Office of Military Government) und unterstützte dort die ,,Entnazifizierung'' sowie die Wiedereröffnung bayerischer Universitäten und technischer Hochschulen. In den Jahren 1919/20 war Barnett „Peirce Fellow“ am Fachbereich Mathematik in Harvard gewesen; aus diesem Grund, so schrieb Mrs. Barnett an Jackson, wolle sie die Helmholtz-Briefe der Houghton Library anbieten.

Aus den Unterlagen der Houghton Library geht nicht hervor, wie Fannie Barnett Edith von Branca kennenlernte. Offenbar hatte Mrs. Barnett — eine geschickte Organisatorin, die sich stark in der Hilfsarbeit für das Nachkriegsdeutschland engagierte — schon mehrfach versucht, amerikanische Käufer für Manuskript- oder Büchersammlungen ihrer deutschen Freunde zu finden. (Seite xxx) Sie erbat für ihre Klienten kein Geld, sondern Lebensmittel und Kleidung. „Dieser Winter wird für Europa schrecklich werden“, schrieb sie Jackson im September 1947 und bat um Bezahlung in Form von CARE-Paketen, sollte Harvard dem Ankauf der Helmholtz-Dokumente zustimmen. Jackson bot 100 Dollar an; Mrs. Barnett erwiderte, sie habe auf mindestens 200 Dollar gehofft. Schließlich einigte man sich auf 150 Dollar, wobei monatlich zehn CARE-Pakete (im Wert von je 10 Dollar) mit Lebensmitteln und Kleidung an von Branca und fünf an Kronecker geschickt werden sollten. In ihrem Dankschreiben für die Pakete wandte sich von Branca an Jackson: „Es ist eine wunderbare Geste der Harvard University, das Andenken an Hermann von Helmholtz zu ehren, indem sie seiner Enkelin in dieser Notzeit bei der Versorgung mit Nahrung und Kleidung hilft ... Die Lebensmittelpakete sind großartig, und Sie können sich kaum vorstellen, welch ein Segen sie für mich sind, da ich mit meinen 75 Jahren weitgehend auf die kärgliche Lebensmittelkarte für ‚Normalverbraucher‘ angewiesen bin.“ Sie lobte die „köstliche Oleomargarine“, den „ausgezeichneten Kaffee und Kakao“ sowie die Kleidung, die den Verlust ausglich, den sie beim Brand ihres Hauses erlitten hatte, und fügte hinzu: „Als mein Großvater mit seiner Frau von der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Harvard zurückkehrte, erzählten sie sehr gern von ihrer Reise und all der Freundlichkeit, die ihnen entgegengebracht worden war. Daher freue ich mich besonders, dass seine Briefe an seine verstorbene erste Verlobte dort eine Heimat gefunden haben.“

Der Tausch von Hilfsgütern gegen Dokumente gehörte nicht zur üblichen Praxis der Houghton Library. Im September 1947 räumte Jackson ein, dass er nicht wisse, wie man CARE-Pakete nach Deutschland schicken könne. Die meisten europäischen Erwerbungen der Houghton Library während und unmittelbar nach dem Krieg erfolgten als Schenkungen oder wurden über Händler angekauft. Doch unabhängig davon, wie das Material schließlich nach Cambridge gelangte, erkannten die Bibliothekare in Harvard, dass der Krieg — auch wenn er die Veröffentlichung (Seite xxxi) neuer Bücher unterbrochen hatte — durchaus Chancen für den Erwerb alter Bücher und Manuskripte eröffnen konnte. In seinem ersten Bericht nach Kriegsende in Europa merkte Bibliothekar Jackson an:

Es ist bereits absehbar, dass trotz der verheerenden Zerstörungen … viele Bücher überdauert haben und aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Markt kommen werden. Doch nur ein Prophet könnte sagen, ob es sich dabei um einen geordneten Markt handeln wird, ob die offensichtlich drohende Inflation … institutionelle Ankäufe verhindern wird oder ob die kriegsbedingten Verluste – gepaart mit dem Abfluss durch jahrzehntelange Verkäufe ins Ausland — zur Errichtung nationalistischer Exportbarrieren für alte Bücher führen werden; ein Versuch, den Stall zu verriegeln, nachdem das Pferd bereits gestohlen wurde … Man muss jedoch kein Prophet sein, um festzustellen, dass — sofern es in Zukunft nicht zu einem allgemeinen Zerfall der öffentlichen und institutionellen Bibliotheken Europas kommt, vergleichbar mit der Plünderung der Klöster, den napoleonischen Raubzügen in Europa oder der Vermarktung der zaristischen Bibliotheken durch die Amtorg — dies die letzte Generation ist, die bedeutende Büchersammlungen aus der weiter zurückliegenden Vergangenheit zusammentragen kann. Möge Harvard die Weisheit und die Mittel besitzen, diese Gelegenheit gebührend zu nutzen.

Seit 1947 befindet sich der Briefwechsel zwischen Hermann und Olga Helmholtz in der Houghton Library der Harvard University.

Quelle:
Letters of Hermann von Helmholtz to his wife : 1847 - 1859 / ed by Richard L. Kremer.
Stuttgart : Steiner, 1990
(Boethius ; Bd. 23)
ISBN 3-515-05583-5
Seite xxviii - xxxi

Dt. Übersetzung von Gabriele Dörflinger


Letzte Änderung: August 2026     Gabriele Dörflinger   Kontakt

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