Hermann von Helmholtz zum Bildungswesen 1890

(Seite 202) Dr. von Helmholtz: Meine Herren, ich glaube, was ich Ihnen auszusprechen habe, am besten bei diesem Thema vorbringen zu können. Ich wollte nur reden über die Vorbereitung für die naturwissenschaftlichen Studien, einen Gegenstand, der gestern schon mein Kollege Virchow behandelt hat. Ich muß von vornherein meinen Standpunkt bezeichnen. Ich halte es für sehr wesentlich, daß für den besser begabten Theil der Nation auch die bestmöglichen Schulen da sind und diese möglichst geschützt werden vor dem Andrang von Schülern, die besser in andere Schulen gehen würden, und ich hoffe, daß die Aussicht, die Seine Majestät in dieser Beziehung geöffnet hat, unsere Aufgabe schon möglichst bald sehr wesentlich erleichtern und verbessern wird. Als das beste Mittel nun, um die beste Geistesbildung zu ertheilen, können wir für bewährt nur das Studium der alten Sprachen betrachten. Aber ich muß sagen: die Zwecke, die ich selbst im Auge haben würde und die mir als die wichtigsten erscheinen, sind fast allein mit dem Griechischen verknüpft, und das Lateinische scheint mir nur eine Nebenrücksicht zu verdienen. Historisch hat es freilich eine große Wichtigkeit für eine große Zahl unserer Studienfächer gewonnen. Es ist vielleicht auch das beste Einführungsmittel für das Verständnis des Griechischen. Es hat eine fest ausgebildete Sprachform, ähnlich wie das Französische, und insofern ist das Studium des Lateinischen unverkennbar nützlich, namentlich für die Ausbildung des syntaktischen Gefühls. Aber für eigentliche Geistesbildung, so wie ich sie mir denke, das heißt für die Bildung des Geschmacks, nicht blos für sprachliche, sondern auch für sittliche und ästhetische Dinge, kommt es relativ wenig in Betracht. Die lateinischen Schriftsteller, welche wir noch haben und lesen können, sind mit Ausnahme gewisser Fachschriftsteller, welche militärische Dinge beschreiben, welche originale Werke über Geschichte geschrieben haben, der Gerichtsredner und dann der großen Juristen, doch eigentlich Schriftsteller sekundären Ranges. Von den Poeten können die originalen Werke des Plautus nicht wohl gelesen werden. Terenz, Horaz, Ovid sind anziehende Schriftsteller, die sehr wohl passiren können; aber die Zeit der lateinischen Lektüre muß ja meistentheils verwendet werden (Seite 203) auf Schriftsteller, welche man eigentlich nur als Nachahmer bezeichnen kann; von ihnen erwarte ich nicht viel Geschmacksbildung und nicht viel Einfluß auf den Sinn für Sprachbildung.

Was nun die Früchte des Gymnasialunterrichts, wie er allmählig geworden ist, für mein spezifisches Fach betrifft, so habe ich ziemlich reichliche Gelegenheit gehabt, kennen zu lernen, was durch den bisherigen Unterricht erreicht werden kann. Ich habe siebzehn Jahre lang im Physikum jedes Jahr zwischen 400 und 600 junge Leute in der Physik zu examiniren gehabt. Dann habe ich das physikalische Laboratorium geleitet, in welchem mir Schüler vieler Nationen vorgekommen sind, die Hälfte etwa Deutsche und die andere Hälfte Ausländer, ziemlich viel Engländer, Amerikaner, auch ziemlich Russen, wenig Franzosen — aber auch diese waren doch früher da — einige Italiener, Belgier, Holländer und sogar mehrere Japaner, so daß ich über die Geistesrichtung und Geistesfähigkeit verschieden unterrichteter Schüler ziemlich gute Vergleichungen habe anstellen können.

Nun muß ich zunächst sagen, was die Medizin betrifft, so habe ich durchaus gefunden, daß für die Intelligenten, welche auch meist fleißig gewesen waren, die bisherige Ausbildung auch in der Mathematik vollkommen genügend gewesen ist. Sie sind vollständig im Stande gewesen, den physiologischen uns physikalischen Vorlesungen zu folgen. Dieser Theil, wir wollen sagen, war ein Drittel. Dann waren mehr als ein Drittel solche, von denen ich den Eindruck hatte, sie würden vielleicht besser Bescheid gegeben haben, wenn man ihnen schon in der Schule mehr geholfen hätte in der Mathematik, Physik und in den unteren Klassen auch in der Naturwissenschaft. Das würden sie vielleicht besser auf dem Realgymnasium gefunden haben. Ich würde keinen Grund sehen, mich gegen die Berechtigung der Realgymnasien zu erklären, auch die Ausbildung der Mediziner zu übernehmen. Aber ich muß immer sagen, der Werth der eigentlichen Blüthe der klassischen Studien erscheint mir so hoch, daß ich es vorziehen würde, doch auch mit einigen Opfern die klassischen Studien festzuhalten, so weit es festgehalten werden kann. Dann war immer noch ein gut Theil, ein Viertel von Medizinern vorhanden, von denen ich den weiteren Eindruck hatte, daß ihnen überhaupt durch keinen Unterricht geholfen werden könne, daß sie besser nicht Mediziner geworden wären, und die hatten dann die Methode, drei bis vier Semester immer wieder zu kommen und immer wieder ein Stückchen Examen zu machen — denn die Theile desselben, in denen sie endlich bestanden waren, brauchten sie nicht wieder abzulegen — und schließlich haben die meisten doch das Ziel erreicht. Also für die Mediziner bildet die Gymnasialvorbildung meines Erachtens keine Schwierigkeit.

Dann habe ich im physikalischen Laboratorium Schüler vor mir gehabt, die ich in ihrer Mehrzahl als ausgesuchte betrachten muß. Es ist kein Kollegienzwang, der sie treibt, die das physikalische Laboratorium besuchen, sind Leute, welche aus eigenem Interesse die Kosten und die Zeit daran wenden, sich in dieser Richtung wissenschaftlich zu beschäftigen. Daß Leute diese Ausbildung suchen, ist schon nicht ganz gewöhnlich, das sind durchschnittlich Leute von eigenem Interesse an der Sache, die gründlicher haben lernen wollen, und von denen kommt wieder eine kleine Zahl so weit, daß, wenn sie eine wissenschaftliche Arbeit fertig gemacht haben, sie dann daran gehen müssen, sie aufzuschreiben. Nun hat sich dabei herausgestellt, daß die Leute (Seite 204) welche aus dem Gymnasium kamen, im ersten und zweiten Semester nicht ganz so fertig vorbereitet waren, sich in mathematische und physikalische Erörterungen zu finden, wie die aus dem Realgymnasium. Die letzteren hatten sich schon vorher mehr mit der Physik beschäftigt und im Anfang ging es ihnen leichter von statten. Dagegen haben sich immer die aus den humanistischen Gymnasien Gekommenen, wenn sie überhaupt weiter arbeiteten, nach längstens einem Jahre so weit emporgearbeitet, daß sie nun selbständige Arbeiten angreifen und selbständig ihre Wege suchen konnten. Da sind die Realschüler großentheils merklich zurückgeblieben. Ich möchte das nun nicht auf einen Mangel des Realschulunterrichts schieben, denn ich verkenne nicht, daß nach der bisherigen Lage der Dinge die Schüler, welche die Mittel und die nöthige Begabung hatten, von vornherein in das Gymnasium hineingedrängt wurden und immer den Gymnasialkursus gegenüber dem Realgymnasium bevorzugen werden, solange sie nach Absolvirung des letzteren gewissen Beschränkungen in der Wahl des Berufs unterliegen. Unter diesen Umständen ist es natürlich, daß Schüler, welche es machen können, durch die Gymnasien gehen und daß deshalb die Schüler von etwas geringeren Fähigkeiten sich mehr in den Realgymnasien anhäufen. Ich will das vorher erwähnte Rückbleiben also diesem Umstande zurechnen und möchte deshalb keinen nachtheiligen Schein auf die Realgymnasien werfen. Aber faktisch war es so, und wenn man mich fragt, ob der Unterricht in den Realgymnasien ausreicht, so kann ich sagen, ich vermuthe es, aber ich habe keine sichere Erfahrung darüber, in einzelnen ausnahmsweisen Fällen sind sehr gute Leute aus ihnen hervorgegangen, aber das war nicht die Mehrheit. Natürlich bei ausnahmsweise begabten Leuten ist es ziemlich einerlei, welchen Unterricht sie genossen haben; die helfen sich selbst.

Was nun die Einwürfe betrifft, die Herr Kollege Virchow gemacht hat, so bezweifle ich einigermaßen, daß es richtig ist, die anfangenden Mediziner in Beobachtungsschärfe zu vergleichen mit dem, was er selbst nach fünfzigjähriger intensiver Arbeit und Aufmerksamkeit darin leistet.

(Heiterkeit)

Ich habe aus eigener Erfahrung kennen gelernt, was für einen großen Unterschied es ausmacht, wenn die Aufmerksamkeit auf bestimmte Objekte durch methodisches Studium dauernd hingerichtet wird. So kommt es bei den Farben nicht blos darauf an, daß der junge Mediziner sie überhaupt sieht, sondern er muß sich für die verschiedenen Farbtöne auch schon passende Muster festgestellt haben, nach denen man sie benennen kann und in deren Anwendung müssen sich die jungen Leute erst hineinfinden, wozu meist längere Übung gehört. Darin stimme ich ihm übrigens bei, daß Leute, welche vorwiegend an die Bücher gefesselt werden und zu wenig in die Natur hinauskamen, gewöhnlich schlechte Beobachter sein werden.

Durch Einschränkung der Zeit, die von der Schule in Anspruch genommen wird, würde hier geeignete Abhilfe geschafft werden. Ich muß also sagen, von meiner Stellung als Naturforscher und Lehrer, welche Andere zur naturwissenschaftlichen Forschung angeleitet hat, habe ich keinen Grund gefunden, hier ein Aenderung des Gymnasiallehrplanes und weitergehende mathematische Studien zu verlangen. Bezüglich der physikalischen Studien muß ich allerdings sagen, (Seite 205) da0 ich dafür halte, im Wesentlichen müssen in den vier oberen Klassen mindestens zwei Stunden dafür stehen bleiben. Aber welche Ziele ich von den Gymnasien erhoffe, habe ich am Anfang schon angedeutet; ich wünsche, daß die klassischen Studien so getrieben werden, daß eine humane Bildung daraus hervorgeht, daß die Leute die klassische Sinnesweise, Schriftsteller und Kunstwerke lieben lernen. Die wichtigste Folge aber, die wir mit dem klassischen Unterricht immer gehofft haben und auf die wir immer vertröstet wurden, wäre die, daß die jungen Leute lernen, ihre Muttersprache gut und richtig zu schreiben — und mit dem letzteren Punkte hapert es sehr. Ich habe schon erwähnt, muß ich sagen, daß ich im Laboratorium ausgesuchte Leute vor mir gehabt habe und da ist es mir immer eine Art von Strafe gewesen, wenn am Ende des Semesters die schriftlichen Arbeiten einliefen von Denen, welche die von ihnen ausgeführten Untersuchungen schriftlich ausgearbeitet hatten. Ich habe die Ausarbeitungen oft zwei-, drei-, viermal zurückgeben müssen, und eine Weile gelebt wie ein Gymnasiallehrer, welcher deutsche Aufsätze zu korrigieren hat; sie waren so wenig geübt, die gefundenen Thatsachen vollständig zusammen zu ordnen und unzweideutig und scharf auszusprechen und hatten so viele Ungezogenheiten und Nachlässigkeiten im deutschen Ausdruck, daß ich immer wieder erstaunt darüber gewesen bin. Leider muß ich sagen, daß nicht blos Studenten und Laboranten in dem Institut solche Sünder waren, sondern daß eine ganze Reihe wissenschaftlicher Fachmänner in ähnlicher Weise fehlt — ich will nur von naturwissenschaftlichen Fächern sprechen und nicht von den anderen, obgleich ich auch die anderen nicht ganz frei davon sprechen kann. Es giebt ausgezeichnete Naturforscher, welche höchst bedeutende Arbeiten geliefert haben, welche aber so schlecht schreiben, daß man jede Periode zwei-, dreimal lesen muß, um sie verstehen zu können und es schließlich unmöglich findet, einen Sinn herauszufinden. Das können kleine Nachlässigkeiten bewirken, wie z. B., wenn man beim Pronomen nicht herausbringen kann, auf welches Substantivum es sich bezieht. Solche kleinen Zufälligkeiten bringen es manchmal fertig, den ganzen Sinn eines Satzes vollständig auszulöschen. Das sind Dinge, welche uns bei dem lateinischen Aufsatze sehr gründlich abgewöhnt wurden, und ich sehe nicht ein, warum es nicht ebenso gut in den deutschen Ausarbeitungen gehen soll. Jedenfalls wird es möglich sein, die Jugend an die nöthige Aufmerksamkeit auf ihre Muttersprache zu gewöhnen. ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Mühe es mir später gemacht hat, als ich die Nothwendigkeit strengen Ausdrucks kennen lernte, mir selbst zu helfen, wie oft ich mein Manuskript umgeschrieben habe, ehe ich vollständig zufrieden war; ich habe es immer wieder liegen lassen und wenn es mir fremd geworden war, habe ich es wieder gelesen, bis ich keine Fehler mehr fand.

Nun habe ich bereits den Eindruck empfangen, daß in der relativ alten Zeit, in welche meine Gymnasialempfehlungen zurückreichen, wir damals aus unserem Gymnasium mit mehr Lust an den alten Schriftstellern hervorgegangen sind, als sie bei der gegenwärtigen Jugend zu finden ist. Indessen, es war ein wesentlicher Unterschied im Unterricht. Man bestrebte sich, uns viel lesen zu lassen und schließlich kannten wir die Schriftsteller, für die wir etwas eingeübt waren, mit Leichtigkeit lesen und haben auch privatim, außerhalb der Schulstunden, theils dies gethan, teils danach noch fremde Sprachen getrieben. Ich habe Englisch und Italienisch auf der Schule privatim getrieben, auch (Seite 206) Hebräisch mitgemacht und sogar noch ohne eine besonders gute Note im Hebräischen bekommen.

(Heiterkeit)
Sogar Arabisch habe ich in der Prima angefangen bei einem Lehrer, der arabisch konnte, und das Alles ging ganz gut nebenbei. Wir waren nicht ,„belastet“. Auch bei dem gegenwärtigen Gymnasium kann ich nach meinen allerdings nicht ausgedehnten Erfahrungen eine Ueberlastung für gut beanlagte und begabte Schüler nicht zugeben; der Hauptfehler ist der, daß eben zu viel Schüler im Gymnasium sind, welche nicht im Gymnasium sein sollten. Diese sind überlastet und können nicht mitkommen und werden vielleicht stumpf. Nun ist mir neuerdings aufgefallen, daß der Zustand, wie ich ihn damals unter dem Einfluß der Methoden unserer älteren Schulen kennen gelernt habe, auch jetzt noch bei den jungen Engländern besser als bei uns erhalten ist. Die englischen Schulen verwenden ja außerordentlich viel Zeit auf die klassischen Sprachen, vorzugsweise aber auf die Lektüre mit Beschränkung der Grammatik auf das nothwendigste, und bei den gebildeten Engländern, die durch diese Schulen und Universitäten gegangen sind, findet man sehr eingehende und vielfache Kenntniß des klassischen Alterthums. Sie sind immer bereit, sich auf diese Schriftsteller zu berufen, und aus ihnen zu zitiren. Und was mir die Hauptsache ist, man merkt im englischen Stil sehr deutlich den Unterschied zwischen den akademisch gebildeten Engländern und denen, die auf ungeordneterem Wege ausgebildet sind. Die gebildeten Engländer schreiben im Allgemeinen einen sehr vollendeten Stil und ich muß sagen, daß auch meine jungen englischen Schüler in dieser Beziehung fertiger waren, als ihre deutschen Kommilitonen. Ich will absehen von den Franzosen, bei denen es noch auffälliger ist. Wenn man aber sieht, wie die französischen Kinder fortwährend von ihren Eltern und in der Schule bei jeder kleinen Ungenauigkeit im Sprechen sorgfältig korrigirt werden, so begreift sich das und ich muß also sagen, was mir als der wesentlichste Mangel erscheint und worauf ich die Aufmerksamkeit der Versammlung richten möchte, das ist die Ausbildung des deutschen Stils, nicht sowohl seiner Schönheit, als zunächst seiner grammatischen Richtigkeit und der Präzision des Ausdrucks, und ich bin überzeugt, daß darin sich mehr erreichen ließe; bloße grammatische Nachlässigkeiten könnten sicher herauskorrigirt werden, wenn die Lehrer sich Mühe geben. Es hängt das zum großen Theil zusammen mit der Wahl der Themata zu den deutschen Aufsätzen. Es ist ein Gegenstand, über welchen viel gesprochen worden ist. Ich halte es, wie schon einer der Herren Vorredner sagte, für sittlich nachtheilig, wenn den jungen Leuten Themata gegeben werden, über die sie billiger Weise nichts zu sagen wissen.
(Zustimmung)

Sie werden gezwungen, Redensarten zusammenzusuchen, welche so aussehen, als wenn etwas zu sagen hätten; während sie ihre Unwissenheit darunter verstecken. Es ist also im Wesentlichen das Geschäft eines Leitartikelschreibers.

(Heiterkeit)
(Seite 207) Ueberhaupt sind die Leitartikelschreiber von sehr traurigem Einfluß auf unseren Stil gewesen. Sie bevorzugen die bedeutsam klingenden abstrakten Worte, unter denen man sich nichts Bestimmtes denken kann.

Bei meinen Laboranten und ihren schriftlichen Ausarbeitungen handelte es sich schließlich nur um Punkte, die meist als untergeordnet betrachtet werden, um einfache Auseinandersetzung von Thatsachen, aber sie mußten in übersichtlicher und leicht verständlicher Ordnung auseinandergesetzt werden, es durfte nichts ungesagt bleiben, was zum Verständnisse nöthig war. Es handelte sich also wesentlich nur um Vollständigkeit und Ordnung und die klare und scharfe Darstellung der Schlüsse. Schließlich, wenn alle diese Dinge erfüllt sind, ist eigentlich der gute Stil da. Ich muß nun sagen, daß in dieser Beziehung die jungen Engländer, zum Theil sogar die Amerikaner, die sonst etwas ungeordneter und unzureichender gebildet zu sein pflegen, den Deutschen überlegen waren, und daß ich immer gewisse Zeit gebraucht habe, bis ich meinen Schülern die schönen Einleitungen abgewöhnt hatte und sie dazu gebracht, klar, einfach und vollständig auseinanderzusetzen, was auseinanderzusetzen war.

(Zuruf)

Der lateinische Aufsatz ist nach meiner Meinung der oberste aller Leitartikel.

(Heiterkeit)

Ich muß übrigens gestehen, daß unter meinen eigenen Schulleistungen der lateinische Aufsatz immer die schwächste war.

Ich glaube das sind Ziele, die sich erreichen lassen.

Ich würde also eine stärkere Betonung des deutschen Unterrichts wünschen, aber nicht vorzugsweise des deutschen Aufsatzes. Es könnten wohl zweckmäßiger andere schriftlichen Uebungen eingeführt werden. Wirkliche Aufsätze passen eigentlich nur in die oberste Klasse hinein. Wenn aber die Aufgabe gestellt würde, Uebersetzungen zu machen nach fremden Schriftstellern — seien die betreffenden Abschnitte nun schon in der Schule gelesen oder nicht — wobei nicht die fremde Sprache als Hauptsache betrachtet wäre, sondern die richtige und vollständige Wiedergabe des Sinnes in gutem und richtigem Deutsch, so würde dies bessere Uebungn geben als die bisherigen Aufsätze.

So halte ich es für wesentlich, daß etwas mehr Zeit und Kraft verwendet wird auf wirkliches Verständniß der Mathematik, und dieses wird meines Erachtens am besten durch schriftliche Ausarbeitung mathematischeer Sätze und sorgfältiger Kontrolle des dabei gebrauchten deutschen Ausdrucks erreicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß ich mich niemals sicher fühle, wenn ich einen neuen mathematischen Satz herausgearbeitet habe, ehe ich ihn aufgeschrieben habe. Man kommt zu wirklicher Kontrolle der Richtigkeit des mathematischen Raisonnements erst, wenn man alles genau zu Papier gebracht hat. Wenn man im Kopf etwas überdenkt, kann man sich immer noch irren, irgend ein Wort übersehen, was man erst dann bemerkt, wenn man es aufgeschrieben hat. Ich halte das für eine der vorzüglichsten Übungen, um zu wirklich klarem logischen Denken zu kommen und die Mathemaatik zu verstehen. Denn wenn die Schüler es nicht ausarbeiten und aufschreiben, werden sie es (Seite 208) doch niemals sicher verstehen. Nun muß ich sagen: der bisherige Sprachunterricht, trotz der unleugbaren Vorzüge, die er hat, erfüllt doch nicht alle Zwecke der Geistesbildung, die wir für unsere Zeit verlangen müssen, so vollständig wie es geschehen sollte.

Das Sprachgefühl allerdings kann, wenn der Sprachunterricht gut durchgeführt wird, ausgebildet werden, der Geschmack kann verfeinert werden, und es kommen eine Menge Geisteskräfte in Betracht, welche angeregt und geübt werden; aber die eigentliche reine Verstandesthätigkeit, finde ich, wird durch den Sprachunterricht nicht genügend und nicht scharf genug entwickelt. Das liegt zum großen Theil daran, daß bei den alten Sprachen auch in der Sprache sich die mangelhafte Ausbildung des Naturwissens geltend macht. Wenn sie es auch mit viel gesundem Verstande und vorsichtig thun, so müssen sie doch vielfältig auf ziemlich unreife metaphysische oder bildliche Vorstellungen zurückgehen, und es fehlt die große methodische Entwickelung der reinen Verstandesarbeit, welche sich an dem wissenschaftlichen Studium der Natur als dem dafür geeignetsten Stoff herausgebildet hat. Es handelt sich da nicht blos um Mangelhaftigkeit der Kenntnisse materieller Art, sondern um die Anschauung von der Leistungsfähigkeit und Sicherheit der wissenschaftlichen Methode, wenn sie auf geeigneten Stoff angewendet wird.

Daß man auch in Sätzen, welche sich auf die Wirklichkeit, die Natur beziehen, und gerade an diesen besser als im Gebiete der Geisteswissenschaften den höchsten Grad der Vollendung erreichen kann, ist erst eine Errungenschaft der neueren Zeit und das Alterthum hat nichts aufzuweisen, was z.B. mit dem System der neueren Astronomie als logische Arbeit auch nur in der weitesten Ferne zu vergleichen wäre. ich muß sagen, ich fühle als ein Bedürfniß für die Gebildeten unserer Zeit, daß sie mindestens begreifen, wie man zu dergleichen kommt. Die Grammatik und die Syntax sind allerdings auch geeignet eine logische Ausbildung zu geben und an scharfe Formen des Denkens zu gewöhnen. Aber da ist das Unglück mit den Ausnahmen und der berühmte paradoxe Satz: Exceptio confirmat regulam, das ist nicht bloß ein Spaß, sondern der wird leider oft genug ernst genommen, und hat mir beim naturwissenschaftlichen Unterricht die allermeiste Mühe gemacht. Die jungen Leute, die bis dahin überwiegend vom Sprachunterricht gelebt haben, kommen nun zu den Naturgesetzen und sollen die Naturgesetze anwenden lernen. Sie können im Anfang sich gar nicht entschließen, diese Forderung ernst zu nehmen und einzusehen, daß ein Naturgesetz etwas anderes ist als eine grammatische Regel und keine Ausnahme gestattet, und daß man mit der größten Sicherheit, wenn man seine Schlüsse scharf zieht, vorwärts gehen kann, Gebäude von Schlüssen darauf bauen kann, ohne daß man fürchten muß, auf Ausnahmen zu stoßen. Also eine gewisse Laxheit oder Furchtsamkeit im Denken erlaubt die Grammatik denn doch immer; das liegt zum großen Theile daran, daß der Stoff, der in der Sprache auszudrücken ist, nicht immer von der Art ist, daß man ihn unter ganz allgemeingültige und ganz scharf gefaßte Sätze einreihen kann. Aber es giebt doch Gebiete des menschlichen Wissens, wo man in dieser Weise votwärts gehen kann, und die sind der eigentliche Tummelplatz für die reine Verstandesarbeit. Diese Art der Verstandesarbeit ist schließlich in unserm Jahrhundert eine Kraft geworden, welche man nicht übersehen darf, und man muß verlangen, daß Leute, die sich zu den Gebildeten (Seite 209) rechnen, mindestens begreifen, wie dergleichen Dinge möglich sind. Wie oft passirt es mir, daß ich versuche, irgend einem literarisch unterrichteten Manne einen mir relativ leicht erscheinenden Satz aus den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, und daß ich die Erfahrung mache: der Mann versteht mich gar nicht. Ich habe gar keinen Anhaltspunkt für ihn, und es ist nicht blos Unkenntniß des Stoffs, sondern sie haben nicht gelernt, die Thatsachen als solche in ihrer unbedingten Zuverlässigkeit anzuerkennen und damit zu rechnen. Die ganze Vorzeit bis zum Anfang dieses Jahrhunderts hinein leidet ja sehr stark an falschem Rationalismus, die ungebildeteren Klassen thun es noch gegenwärtig.

Unter falschem Rationalismus verstehe ich den Glauben, daß Jemand der sich etwas, was wie eine theoretische Erklärung aussieht, zurecht gemacht, es nun auf Wissenschaft begründet habe. Mitunter sind es wirklich nur Nomenklaturen oder Begriffsschematismen, wobei sich Leute, die große Achtung genießen und eine große Rolle in unserem Leben spielen, sich beruhigt fühlen und darin eine Erklärung sehen. Sie kennen eben den Ungterschied zwischen der Einsicht in die Ursachen, worauf jede wirkliche Erklärung beruht, und zwischen Worterläuterungen nicht. Also das ist eine Sache, bei der es, wie ich glaube, nicht blos auf eine Reihe von materiellen Kenntnissen ankommt, sondern wo es sich darum handelt, unseren gebildeten Mitbürgern, die die beste Bildung zu erlangen streben, auch das Verständniß zu eröffnen für die Anwendung dieser Geisteskräfte und Methoden, welche zu faktisch enorm wichtigen Resultaten geführt haben, deren Wichtigkeit jetzt unser ganzes Leben beherrscht. Deshalb glaube ich, daß wir ernsthaft denn doch mindestens die Mathematik betonen müssen. Ich würde nicht vorschlagen, daß mehr mathematischer Stoff in die Gymnasien hineingebracht wird. Denn die Kenntniß der Gleichungen der Trigonometrie, des binomischen Lehrsatzes könnte genügen. Die Differentialrechnung würde ich wenigstens für jetzt nicht verlangen, aber es müßte darauf hingearbeitet werden, daß der physikalische Unterricht Einsicht in das Wesen und die Fülle der Anwendungen der einfachsten Naturgesetze giebt.

Das sind im Wesentlichen die Punkte, die mir am Herzen gelegen haben, und von denen ich glaubte, daß sie vorzugsweise beachtet werden müßten, wenn man daran denkt, unsere Gymnasien den Anforderungen, welche die fortschreitende Geistesbildung der Menschheit an ihre Wirksamkeit stellt, anzupassen.


(Seite 763) Dr. von Helmholtz: Ich habe nur um das Wort gebeten, um eine kurze Berichtigung zu geben. Herr Professor Paulsen hat meine neulichen Aeußerungen citiert und dabei eine Beschränkung weggelassen, die doch auf den Sinn derselben einen gewissen Einfluß hat.

Ich hatte erklärt, daß nach meiner bisherigen Beobachtung die humanistischen Gymnasien vollkommen ausreichen, um gute und befähigte Schüler nach meiner Meinung für das Studium der Medizin reif auszubilden, hatte aber anerkannt, daß für schwächere Schüler vielleicht - man sollte es theoretisch wenigstens erwarten - der Unterricht auf dem Realgymnasium eine gewissen Erleichterung gewähren werde. Ich habe dabei aber hervorgehoben, daß ich für mein Theil vorziehen würde, wenn wie bisher die Vorbildung der Mediziner auf das humanistische Gymnasium beschränkt bliebe, weil ich nicht gern die Theilnahme an allen geistigen Interessen, welche durch die klassischen Studien gegeben wird, bei einem Arzte missen möchte. Ich konnte nur anerkennen, daß falls eine nicht hinreichende Zahl befähigter Aerzte auf diese Weise zu gewinnen wäre, man dann zurückgreifen müsse auf die Realgymnasien und daß ich mich nicht zu einem entsprechenden Urtheil für berechtigt hielte, daß die Realgymnasien nicht fähig dazu sein sollten. Ich habe in dieser Beziehung, wie ich neulich auseinander setzte, ziemlich viel Erfahrung gehabt. Ich habe nicht blos europäische Schüler gehabt, sondern ich habe den Gegensatz zu unserer humanistischen Geistesbildung bei meinen japanischen Schülern kennen gelernt. Diese Japaner waren keine unbefähigten Menschen und würden wahrscheinlich den Lehrern in vielen Schulklassen als ganz ausgezeichnete Schüler imponiert haben. Denn sie haten ihre Lehrbücher auswendig gelernt mit einer Gedächtnißstärke und Sicherheit, wie mir dies bei Europäern niemals vorgekommen ist. Und andererseits zeigten sie bei Experimenten eine Handgeschicklichkeit, wie sie mir ebenfalls bei Europäern noch (Seite 764) nicht vorgekommen ist. Das muß ich hervorheben. Es kam sogar große mathematische Gelehrsamkeit und Fertigkeit im Rechnen mit Formeln bei ihnen vor. Aber sobald man auf den Zusammenhang der Dinge eingehen und Fragen stellen wollte, welche aus den Lehrbüchern nicht direkt beantwortet werden konnten, versagten sie, obgleich Kenntnisse als Unterlagen des Denkens reichlich vorhanden waren, fehlte die Kombination derselben; und ich habe tiefen Eindruck bekommen von der Nothwendigkeit der Disziplinirung der geistigen Fähigkeiten, wie sie nach unseren bisherigen thatsächlichen Erfahrungen wirklich nur gegeben wären durch den klassischen Unterricht. Eben deshalb habe ich damals erklärt, daß ich es vorziehe, die Vorbildung der Mediziner humanistischen Gymnasien zu lassen, denn es war mir klar, daß Gewandtheit im Denken schwerer zu gewinnen ist als Kenntnisse.

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Abstimmung über den Antrag von Dr. Holzmüller:
„Bei der unumgänglich nothwendigen Neuregelung des Berechtigungswesens ist zu erstreben, daß eine möglichst gleiche Werthschätzung der realischen Bildung mit der humanistischen angebahnt werde.“

Antrag mit großer Mehrheit angenommen.


Quelle:
Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichts. - Berlin, 4. bis 17. Dezember 1890
In: Deutsche Schulkonferenzen. Band I. - Glashütten : Auvermann. - 1972
Signatur Badische Landesbibliothek Karlsruhe: LS Cu 6635, 1 (74A 4486,1)

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