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Karl Weierstraß. |
Gedächtnisrede von Emil Lampe. |
(Seite 27) Als wir uns vor vierzehn Tagen zu unserer Sitzung hier versammelten, verbreitete sich unter uns die in einigen Abendzeitungen schon enthaltene Kunde, daß an demselben Tage, dem 19. Februar, etwa um die Mittagsstunde Karl Theodor Wilhelm Weierstraß nach längeren Leiden entschlafen sei. Da jedoch keine directe Nachricht vorlag, so unterblieb in jener Sitzung eine Bezugnahme auf die Trauerbotschaft, die dann am folgenden Tage durch die Mehrzahl der Zeitungen, am Sonntage durch die von den beiden überlebenden Geschwistern versandte Todesanzeige bestätigt wurde. Am Montag begleiteten wir die sterbliche Hülle zur Gruft. — In Weierstraß verliert unsere Gesellschaft ein Mitglied, das ihr vierzig Jahre hindurch angehört hat, und obgleich er meines Wissens an den Sitzungen nicht teilgenommen hat, sondern nur einige Male zu Stiftungsfesten erschienen ist, so hatte er doch ein lebhaftes Interesse an unseren Arbeiten, und wir dürfen jetzt bei seinem Ableben unsere hohe Genugthuung darüber ausdrücken, daß er durch sein Beharren in unserer Gesellschaft einige Strahlen des Ruhmesglanzes, die seinen Namen umgeben, auf sie hat fallen lassen.
(Seite 28) In dem letzten Jahrzehnt des ablaufenden Jahrhunderts verlassen uns so viele Männer, die wir als hehre Vorbilder in unserer Wissenschaft verehrt haben. Innerhalb weniger Jahre wurden uns Hermann von Helmholtz und Emil du Bois-Reymond entrissen, die, in höherem Alter stehend, so lange an der Spitze unserer Gesellschaft gewesen sind, ebenso die Mitbegründer der Gesellschaft, Brücke und Knoblauch, der weit jüngere unvergeßliche Kundt und der noch jugendliche Hertz. Jetzt ist ums auch Weierstraß genommen, der letzte aus dem unvergleichlichen Kreise der Berliner Mathematiker, die von den fünfziger Jahren des Jahrhunderts an den Stolz der deutschen Mathematik, den Ruhm der hiesigen Akademie und Universität ausmachten. Zu einem engen Freundesbunde vereinigt, bildeten Kummer, Weierstraß, Borchardt, Kronecker eine erlauchte Tafelrunde, an welcher mit erhobenem Gefühle die Fachgenossen teilnahmen; eine Phalanx hochangesehener Forscher, deren vereinte Kräfte die höchsten Aufgaben angreifen und bemeistern konnten. Als erster schied Borchardt 1880 aus, der mit feinem Verständnisse für die Eigenart der drei anderen, ihm geistig überlegenen Naturen als unabhängiger Privatmann zur Aufrechterhaltung des Freundschaftsverhältnisses und zur Förderung der wissenschaftlichen Arbeiten vielleicht mehr beitrug, als er in seiner vornehmen Bescheidenheit zugab. Die übrigen drei brachten ihr Leben höher bis in das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts. Zuerst wurde uns Kronecker jäh geraubt, der, obschon ein hoher Sechziger, als jüngster der drei Koryphäen in voller Schaffensfreudigkeit stand und ein längeres Wirken zu versprechen schien. Nach diesem seinem berühmtesten Schüler sank Kummer ins Grab, der sich schon länger als ein Jahrzehnt freiwillig von jeder Thätigkeit als Forscher und als Lehrer zurückgezogen hatte. Nun beklagen wir den Tod des letzten jener Tafelrunde, einen Tod, den wir zwar lange nahen sahen, der uns aber in dem Augenblicke, wo er eingetreten ist, doch überrascht hat, um so mehr, als wir den verehrten Greis immer wieder, wenn auch nur stundenweise, mit der Herausgabe seiner gesammelten Werke beschäftigt fanden.
Karl Weierstraß ist als ältester Sohn des Rendanten Wilhelm Weierstraß zu Ostenfelde in Westfalen am 31. Oktober 1815 geboren und gehörte, wie seine drei Geschwister, von denen sein Bruder, Professor Peter Weierstraß, ein Philologe, und seine Schwester Elise ihn überleben, der katholischen Konfession an, da sein Vater zum Katholicismus übergetreten war. Auf dem Gymnasium zu Paderborn von Ostern 1829 bis zum Herbste 1834 für das Studium vorbereitet, bezog er die Universität Bonn und studirte dort von 1834 bis 1838 in der juristischen Facultät die Rechts- und Cameralwissenschaffcen. Als eifriges Mitglied des Corps Saxonia fehlte er, wie er später gern erzählte, keinen Abend auf der (Seite 29) Verbindungskneipe. Das juristische Studium, aus welchem als einzige Leistung eine kräftige Opposition bei der Promotion eines Freundes erwähnt wird, befriedigte ihn jedoch nicht, und daher begab sich der dreiundzwanzigjährige Jüngling, der schon früh durch die Mécanique céleste mächtig angezogen worden war, zu Gudermann nach Münster und studirte hier unter der Leitung dieses von ihm ungemein verehrten Lehrers privatim in den Jahren 1838 bis 1840 Mathematik; nur eine Vorlesung Gudermann's hat er in dieser Zeit gehört. Im Sommer 1841 bestand er das Examen pro facultate docendi in Münster und lieferte bei dieser Gelegenheit die Bearbeitung dreier Aufgaben, unter ihnen eine, bei der er sich die selbstständige Wahl des Themas erbeten hatte. Nach Ablegung des Probejahres in Münster bis zum Herbste 1842 übernahm er die Stelle eines Lehrers an dem Progymnasium zu Deutsch-Krone (Westpreußen) unweit Schneidemühl und verblieb daselbst sechs Jahre. Von 1848 an war er Oberlehrer an dem Gymnasium zu Braunsberg in Ostpreußen. Während seiner Gymnasiallehrerzeit verfaßte er die Arbeiten über Abel'sche Functionen, deren Veröffentlichung seinen Ruhm begründete. In den Ferien kehrte er gern zu den Eltern und Geschwistern, mit denen er durch herzliche Liebe verbunden blieb, nach Westfalen zurück. Da sein Vater inzwischen Salinenbeamter zu Westernkotten geworden war, so ist unter anderem seine erste im Сrelle'schen Journale erschienene Arbeit zur Theorie der Abel'schen Functionen aus Westernkotten vom 11. September 1853 datirt.
Als erste Frucht dieser Aufsehen erregenden Arbeiten erhielt er 1854 honoris causa den Doctorhut von der Universität Königsberg i. Pr., wo Richelot, durch Jacobi's Einfluß auf dasselbe Gebiet der Forschung gelenkt, zuerst erkannt hatte, wie weit der Braunsberger Gymnasiallehrer alle Mathematiker überflügelte, welche sich mit derselben Frage beschäftigten. Nach einem vorangegangenen Aufenthalte von Weierstraß in Königsberg wurde ihm die Ehre des Gegenbesuchs von Richelot in Braunsberg zu teil, und eben dahin eilte Borchardt aus Berlin, um den jungen gleichstrebenden Forscher zu besuchen; zu jener Zeit wurde zwischen beiden Mathematikern die Freundschaft angeknüpft, die ohne jede Trübung mit steigender Innigkeit anhielt, bis der Tod Borchardt's 1880 dem schönen Bunde ein plötzliches Ende bereitete, als Weierstraß auf dem Landsitze des erkrankten Freundes bei Rüdersdorf zu Beginn des Sommers selbst Erholung von einer Krankheit suchte. In in rührender Dankbarkeit gedachte Weierstraß des ersten Besuches seines Freundes zu Braunsberg am Tage der Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres. — Zum Zwecke weiterer Studien wurde Weierstraß 1856 unter Belassung seines Gehaltes nach Berlin beurlaubt, wie er auch vorher schon einen Urlaub für einen (Seite 30) Aufenthalt in Königsberg erhalten hatte. Die Erledigung des Lehrstuhls der reinen Mathematik an dem damaligen Gewerbeinstitute zu Berlin schuf dann die günstige Gelegenheit, dem einundvierzigjährigen Gelehrten eine angemessene Stellung in der Hauptstadt des Königreiches zu verschaffen. Es hat vielleicht einiges Interesse, die Persönlichkeiten zu erwähnen, welche bei der Besetzung der Stelle in Betracht kamen. Der Bericht des Directors Druckenmüller giebt zuerst an, daß die Unterhandlungen mit Schellbach und Joachimsthal wegen des Dazwischentretens des Unterrichtsministeriums abgebrochen wurden. Druckenmüller wandte sich dann an Dirichlet und Plücker mit der Bitte um Nennung geeigneter Candidaten. Dirichlet empfahl Aronhold und Schoenemann, von denen jener als zu jung, dieser als zu alt befanden wurde. Plücker nannte Beer und Heine; der erstere wurde als zu kränklich verworfen, der letztere gefiel dem Director seines Wesens wegen nicht. Es verblieben drei geeignete Personen: Hesse, Schlömilch, Weierstraß. Die mit Hesse angeknüpften Verhandlungen ergaben, daß dieser ein Maß der Lehrfreiheit wie an der Universität beanspruchte, was ihm nicht zugestanden werden konnte. Bei Schlömilch wurde gar kein Versuch gemacht, weil dem Vernehmen nach dieser doch nicht Dresden verlassen würde. Es blieb also Weierstraß, als dessen Vorzug gerühmt wird, daß er nicht, wie Hesse, durch Traditionen von der Universität befangen sei. Der gewaltige Eindruck, den das Erscheinen von Weierstraß in Berlin hervorgerufen hatte, findet in dem beredten Berichte des Directors Druckenmüller einen warmen Ausdruck, wonach eben neben Weierstraß die anderen genannten Mathematiker im Grunde nur dazu dienen, seinem Werte die passende Folie zu geben. Auf diesen Bericht vom 8. Mai 1856, der aber erst am 29. Mai abgesandt zu sein scheint, wurde am 14. Juni vom Handelsminister die Anstellung von Weierstraß verfügt, welche indes vom 1. Juni an schon datirte, und der nunmehrige Professor Weierstraß wurde am 16. Juni in feierlicher Versammlung dem Lehrkörper vorgestellt. Unter dem 12. November desselben Jahres erhielt der Director Druckenmüller die Benachrichtigung, daß der Professor Weierstraß vom Unterrichtsminister gleichzeitig zum außerordentlichen Professor an der Universität ernannt sei. Zu derselben Zeit erfolgte auch seine Wahl in die Akademie der Wissenschaften, so daß er seine Antrittsrede am 9. Juli, dem Leibniztage des folgenden Jahres 1857, in der Akademie halten konnte. Die Erwiederungsrede des Secretärs Encke mit ihrem herzlichen Willkommensgruße für den neuen Akademiker spiegelt ebenfalls die freundliche und erhobene Stimmung wieder, mit welcher der frühere Gymnasialoberlehrer in diesen erlauchten Kreis aufgenommen wurde.
Die anstrengende Lehrthätigkeit in Berlin, welche zwölf Stunden (Seite 31) Vorlesungen an dem Gewerbeinstitnte erforderte, außerdem mindestens eine Privatvorlesuag und ein Publicum an der Universität, ferner die in dem engen Verkehr mit den mathematischen Freunden gesteigerte wissenschaftliche Arbeit konnten nicht ohne Einfluß bleiben auf den Gesundheitszustand des neuen Professors. Infolge der Überreizung der Nerven zeigten sich bald Anzeichen der Krankheit, welche ihn bis zu seinem Tode gepeinigt hat. Im Sommer 1859 mußte er vor Beendigung des Semesters Urlaub zu einer Badereise nehmen, und im März 1860 machte er Anzeige von einem Schwindelanfalle, der ihn bei einer Vorlesung in der Universität überrascht hatte. Diese Vorboten einer ernsten Störung der Nerven wurden jedoch nicht genügend beachtet; da erfolgte am 16. December 1861 die Katastrophe. Mitten während des Vortrags an der Universität im Auditorium 17 überfiel ihn wieder der Schwindel; er taumelte von der Tafel auf den Lederstuhl des Katheders, einige Studenten holten eilig ein Glas Wasser und führten ihn fort. Die Krankheit war in einer solchen Heftigkeit ausgebrochen, daß die schlimmsten Besorgnisse gehegt wurden. Unter der sorgfältigen Pflege seiner Umgebung erholte er sich indessen, obschon nur sehr langsam. Der Hausarzt, der im März 1862 vom Director des Gewerbeinstituts befragt wurde, welche Aussichten er für das Sommersemester eröffnete, konnte keine Zusage für Wiederaufnahme der Lehrthätigkeit geben, weil der Kranke noch nicht die Haltung des Nervensystems und die Energie des Willens zu erringen vermöchte, und weil immer noch krampfhafte Erscheinungen vorhanden wären. Im Juni nach Bad Liebenstein abgereist, wurde er in seiner Gesundheit soweit gekräftigt, daß im Herbste der Arzt die Wiederaufnahme eines Teiles der Lehrthätigkeit für den Winter 1862/63 gestattete, den Umfang aber auf höchstens eine Stunde täglich beschränkte. Aus diesem Grunde wurde Weierstraß nun dauernd am Gewerbeinstitut durch Aronhold vertreten, behielt aber das Einkommen der Stelle bis zum Frähjahre 1864. Erst zu diesem Termine war es möglich geworden, für ihn an der Universität zu den beiden ordentlichen Lehrstühlen für Mathematik, welche Ohm und Kummer inne hatten, ein drittes Ordinariat zu schaffen.
Diese Stellung behielt Weierstraß vom Sommer 1864 bis zu seinem Tode; in ihr haben wir ihn wirken und schaffen sehen, geehrt und geliebt von allen, welche das Glück hatten, mit ihm in Berührung zu kommen. Trotz aller Leiden, denen er Stand halten mußte, hat er sein Leben höher gebracht, als wir es nach dem geschilderten Einbruch in seine Gesundheit zu Anfang der sechziger Jahre hoffen durften. Die Ferien benutzte er immer zur Erholung in Sommerfrischen und freute sich sehr, wenn er bei solchen Gelegenheiten Freunde um sich sehen konnte. Diese Zeit der Ruhe mußte er, besonders in seinen späteren Lebensjahren, öfter über (Seite 32) die Ferien hinaus verlängern. — Zur Feier seines siebzigsten Geburtstages wurde ihm von Freunden und Schülern seine Marmorbüste überreicht, eine Denkmünze mit seinem Bildnis geprägt; ein Festmahl vereinte viele Mathematiker aus nah und fern. Die Arbeitspause, welche er sich hiernach auferlegen mußte, war bedeutend länger als sonst. Wiederholt versuchte er dann die Aufnahme seiner Lehrthätigkeit und konnte noch mehrere Male, besonders im Sommer, seine Vorlesungen beendigen. Endlich jedoch mußte er auf diese ihm so liebe Beschäftigung verzichten. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er still in seinem Hause auf dem Rollstuhle zu, weil er nicht mehr selbständig gehen konnte. Ohne vermählt gewesen zu sein, führte er mit seinen zwei Schwestern, von denen die eine, Clara, ihm vor Jahresfrist im Tode vorangegangen ist, ein trautes Familienleben, in das er jeden gern einführte, der zu ihm in nähere Beziehungen trat. Ein Lungenleiden, vielleicht Folge der Influenza, die in seinem Hause herrschte, bereitete ihm am 19. Februar 1897 ein schnelles Ende. Dies sind die äußeren Umrisse eines an wissenschaftlicher Arbeit und an hoch bedeutsamen Früchten derselben reich gesegneten Lebens.
Im Hinblick auf die frühe Entwickelung mancher Mathematiker ersten Ranges, die oft schon im Knabenalter deutliche Zeichen der ihnen angeborenen Geistesrichtung gegeben haben, ist wohl die Meinung ausgesprochen worden, daß die höchsten Leistungen in der Mathematik nur von solchen Geistern stammten, die sich von Kindheit an in mathematischen Forschungen ausgezeichnet hätten. Als Gauß seine Disquisitiones arithmeticae bereits vollendet hatte, stand er in demjenigen Lebensalter, in welchem Weierstraß erst anfing, sich dem Studium der Mathematik zu widmen. Trotz solcher und ähnlicher Beispiele muß man aber jene Meinung als irrig erklären. In unserem vielgestaltigen Leben gehören günstige Einflüsse der nächsten Umgebung eines Kindes dazu, um die Entfaltung mancher Geistesanlagen, die in der Knospe vorhanden sind, zu begünstigen, jene Knospe zur Blüte zu bringen. Besonders können bedeutende Personen, mit denen das Kind zusammentrifft, vor allem anregende Lehrer dem kindlichen Gemüte Neigung für einen Beruf einflößen, für den keine besonderen Talente vorhanden sind. Kummer und Emil du Bois-Reymond sind von der Theologie aus, jener zur Mathematik, dieser zur Physiologie übergegangen und haben dann in diesen neuen Gebieten das Feld gefunden, wo ihre Genien alle Kräfte entfalten konnten. Und wenn ein Weierstraß erst nach der Beendigung des juristischen Trienniums erkennt, daß seine wahre Bestimmung um auf die Mathematik weist, so braucht man sich nicht zu ereifern, wenn junge Männer nach den ersten Semestern des Studiums statt des zuerst erwählten Faches ein anderes vorziehen. Daß aber in Weierstraß die höchste mathematische (Seite 33) Befähigung und ein eiserner Fleiß mit zielbewußtem Willen gepaart waren, das ist uns über alles Erwarten offenbar geworden, als 1894 der erste Band seiner Werke mit den Arbeiten erschienen ist, welche in den drei Jahren seines Aufenthaltes in Münster entstanden sind und bisher ungedruckt bei ihm im Kasten geruht hatten. Die im Sommer 1840 abgefaßte Arbeit für die Oberlehrerprüfong zeigt den ehemaligen Juristen als fertigen Mathematiker und im Besitze derjenigen Gedanken und Hülfsmittel, die ihn zu den höchsten Ergebnissen führen sollten. Es ist gewiß selten, daß eine nach so kurzer Studienzeit und zu solcher Gelegenheit verfaßte Arbeit 54 Jahre nach ihrer Entstehung das Interesse wissenschaftlicher Kreise in gleichem Maße fesselt; nicht weniger merkwürdig ist es, daß sie solange ungedruckt geblieben ist, obschon der Verfasser seitdem mehrfach aufgefordert wurde, die ganze Arbeit zu veröffentlichen, von der ein Teil des Inhaltes in eine andere Abhandlung im 52. Bande des Crelle'schen Journals übergegangen war. Andere ebenfalls in jener Münsterer Periode entstandenen und jetzt erst bekannt gegebenen Aufsätze zur Theorie der Potenzreihen und über die Definition analytischer Functionen einer Veränderlichen vermittelst algebraischer Differentialgleichungen operiren genau mit den Elementen, aus denen Weierstraß seine Functionentheorie aufbaute.
Diese Theorie ist nämlich das Lebenswerk des großen Toten. Nicht möchte ich dies so verstanden wissen, als ob Weierstraß, wie ein einseitig gebildeter Mathematiker, nur ein Gebiet gekannt und bearbeitet, die anderen vernachlässigt hätte. Im Gegenteil, man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Universalität er alle Zweige der Mathematik beherrschte, wie genau er über alle hervorragenden Arbeiten seiner Wissenschaft Bescheid zu geben wußte, wie vielseitig er seine Schüler anregte. Wie aber Abel einst darüber erstaunt gewesen war, daß das scheinbar so sicher gefügte Gebäude der Mathematik keine zuverlässigen Fundamente besäße, so erkannte Weierstraß das Bedürfnis strengerer Methoden zur Sicherung der Wahrheiten der Analysis gegen alle Anzweifelungen. Die Schilderung der Leistungen von Weierstraß auf diesem seinem Forschungsgebiete erheischt aber solche eingehenden sachlichen Auseinandersetzungen, daß der Versuch an dieser Stelle scheitern würde. Man braucht sich nur der Worte zu erinnern, mit welchen Kronecker am siebzigsten Geburtstage von Weierstraß die Tischrede einleitete, und zwar vor einer Versammlung, die zum größten Teile aus Schülern des Jubilars bestand. Manche Probleme der Mathematik, so führte Kronecker aus, sind uralt und jedermann geläufig, so die Quadratur des Kreises, die algebraische Lösung der Gleichungen. Das Problem aber, an dessen Lösung Weierstraß seine Lebensarbeit setzte, ist von ihm selbst größtenteils erst formulirt, daher (Seite 34) weder allgemein bekannt, noch auch mit wenigen Worten auszusprechen. Um das Verständnis für die Leistungen von Weierstraß zu erleichtem, wollen wir lieber einige seiner Hauptarbeiten kurz besprechen und in möglichstem Anschluß an seine Ausdrucksweise ihre Ziele darlegen.
Wir übergehen kurz die Abhandlung über die Theorie der analytischen Facultäten, eine auf diesem Gebiete abschließende Arbeit, in welcher die strengeren Begriffe der Functionentheorie von Weierstraß geltend gemacht werden.
In dem Centrum aller Arbeiten von Weierstraß stehen die Abel'schen Functionen; man könnte sogar sagen, daß alle allgemeinen functionentheoretischen Untersuchimgen von ihm nur zu dem Zwecke unternommen sind, um das Problem in Vollständigkeit und Klarheit zu lösen, das durch die Forderung der Darstellung der Abel'schen Functionen jener Zeit gestellt war. Wie Abel und Jacobi statt der von Legendre untersuchten elliptischen Integrale die Umkehrungen derselben betrachteten und dadurch zu den geschmeidigen elliptischen Functionen mit ihrem Reichtum an interessanten Eigenschaften geführt wurden, so handelt es sich in der Theorie der Abel'schen Functionen um die Umkehrung zunächst der hyperelliptischen Integrale erster Gattung. Das algebraische Additionstheorem und die Periodicität bleibt auch für diese eindeutigen Functionen von ρ Veränderlichen erhalten, wo ρ den Rang des hyperelliptischen Gebildes bezeichnet. In der wirklichen Darstellung jener Functionen besteht die Lösung des sogenannten Jacobi'schen Umkehrungsproblems. Diese Aufgabe lösten Göpel und Rosenhain für den Fall ρ = 2 auf einem Wege, der eine Verallgemeinerung auf allgemeinere Fälle nicht zuließ. Unabhängig von ihnen fand dagegen Weierstraß zu derselben Zeit die Lösung des Problems für ein beliebiges ρ auf einem ganz anderen Wege. Es gelang ihm, die Abel'schen Functionen als Quotienten zweier beständig convergenten Potenzreihen darzustellen. Die Zähler und Nenner sind ganze rationale Functionen von Thetafunctionen von ρ Veränderlichen, und so wurde er zu den Thetafunctionen beliebig vieler Variabeln geführt, deren Form ihm vorher unbekannt gewesen war. Weierstraß entwickelte die von ihm gefundenen Resultate ausführlich in der großen Abhandlung, welche im 52. Bande des Journals für Mathematik erschien, deren Fortsetzung versprochen, aber nie gegeben worden ist.
Abel hat nämlich den dieser Theorie als Basis dienenden Satz, der als Abel'sches Theorem bezeichnet wird, auf die Integrale der aus einer beliebigen algebraischen Irrationalität entspringenden algebraischen Functionen ausgedehnt. Auch an diese Erweiterung des Abel'schen Theorems knüpft sich ein Umkehrungsproblem. Eine direkte Lösung desselben legte Weierstraß bereits im Sommer (Seite 35) 1857 der Berliner Akademie vor, zog aber das schon der Druckerei übergebene Manuskript zurück, weil Riemann's Arbeit über dasselbe Problem wenige Wochen später im Journal für Mathematik erschien. [Nach der Einleitung des im Drucke schon erheblich vorgeschrittenen, aber noch nicht vollendeten Bandes der Vorlesung über Аbеl'sche Functionen. Ich verdanke die Mitteilung Hrn. Hettner, der in Gemeinschaft mit Hrn. Knoblauch diese Vorlesung für die gesammelten Werke bearbeitet.] Um nachzuweisen, daß die Resultate Riemann's mit den seinigen übereinstimmten, mußte Weierstraß gewisse algebraische Untersuchungen führen, die er selbst für nicht ganz leicht erklärt, und die viel Zeit in Anspruch nahmen. Hierdurch wurde dann wieder eine Umarbeitung nötig, und erst 1869 erhielt die Lösung des allgemeinen Umkehrungsproblems durch ihn die Gestalt, in welcher er sie in seinen Vorlesungen vortrug, und in welcher sie in der Bearbeitung der Vorlesungen über Abel'sche Functionen veröffentlicht werden wird.
Das hier berührte Zusammentreffen der Riemann'schen und der Weierstraß'schen Lösung desselben Problems auf ganz verschiedenen Wegen ladet zu einer Parallele ein zwischen diesen beiden congenialen Naturen, zu deren voller Durchführung aber hier kein Raum ist; doch sollen einige Gedanken darüber Platz finden. Die geometrische Veranschaulichung des Verlaufes der algebraischen Functionen in den mehrblättrigen Riemann'schen Flächen ist ungemein anregend und fruchtbar gewesen, und viele Schüler von Weierstraß bedienen sich dieser Darstellung, welche der Phantasie Flügel zu verleihen scheint. Demgegenüber verharrte Weierstraß bei der Ansicht, daß die Sätze der reinen Analysis durch rein analytische Beweismethoden, ohne Hineinziehung der Geometrie, untersucht werden müßten, und zeigte unter anderem an dem sogenannten Dirichlet'schen Principe, daß scharfe analytische Beweisführung weit verbreitete Anschauungen und Überzeugungen zu nichte machen könne. Für ihn ist die Potenzreihe das Instrument, vermittelst dessen er die analytischen Functionen bewältigt; dieses „Element“ hat er sein Leben hindurch benutzt und dadurch den analytischen Charakter der Functionentheorie in aller Schärfe und Reinheit festgelegt. Man muß jedoch nicht wähnen, daß Weierstraß den von Riemann betretenen Weg mißachtete; er hat es ja selbst ausgesprochen, daß dem Forscher jeder Weg frei steht, daß es sich aber um die Begründung handelt. Jedenfalls war er von Bewunderung erfüllt für die Leistungen seines dem Leben nur zu früh entrissenen Rivalen, und die herzliche Aufnahme, welche Riemann 1859 bei seiner Anwesenheit in Berlin fand, als er nach seiner Ernennung zum korrespondirenden Mitgliede der preußischen Akademie den Berliner Mathematikern seinen Besuch abstattete, (Seite 36) bewies ihm, wie hoch dieselben ihn schätzten; dies wurde ja später {1866) durch die Wahl Riemann's zum auswärtigen Mitgliede bestätigt.
Es ist nicht möglich, auf die ganze Gedankenreihe der Weierstraß'schen Arbeiten hier in ähnlicher Weise einzugehen, wie dies oben mit derjenigen über die Abel'schen Functionen versucht ist. Wir können nicht einmal über alle die fundamentalen Abhandlungen berichten, welche, in Anlehnung an die eben besprochenen, die allgemeine Functionentheorie behandeln oder tief liegende algebraische Probleme in meisterhafter Weise erledigen. Es sollen nur noch einige Dinge erwähnt werden, welche auf manchen Gebieten Umwälzungen hervorgerufen haben.
Aus der Theorie der elliptischen Functionen ist vor allem das Aufgeben der Jacobi'schen Bezeichnungen, der Aufbau der ganzen Lehre mit Hülfe der „Weierstraß'schen Functionen“ ℘(u) und σ(u) zu nennen. Es gehörte die Sicherheit und Klarheit des Meisters dazu, die Wege zu verlassen, auf denen Jacobi seine von der ganzen mathematischen Welt bewunderten Erfolge errungen hatte, und den Studenten eine nirgends veröffentlichte neue Theorie vorzutragen. Den Unterschied beider Arten charakterisirt man jetzt durch die Einteüung der elliptischen Functionen in verschiedene Stufen. Für die erste Stufe liegt die Bearbeitung in der Weierstraß'schen Theorie vor, für die zweite in der Jacobi'schen. Um eine Stimme aus dem Auslande hier anzuführen, so rühmt der so früh verstorbene Halphen, der zuerst die französischen Mathematiker in die Weierstraß'schen Bezeichnungen durch seinen Traité des fonctions elliptiques eingeweiht hat, den Weierstraß'schen Entwickelungen einen unbestreitbaren Vorzug über die früheren Bezeichnungen nach. In den Anwendungen bilden sie nach ihm einen großen Fortschritt, besonders wegen des Vorteils, daß sie bei der Umkehrung der elliptischen Integrale immer dieselben Formeln liefern, ohne daß die Anzahl der reellen Factoren des Polynoms unter dem Wurzelzeichen hierbei in Betracht käme. Das Gerippe dieser Theorie ist in den „Formeln und Lehrsätzen zum Gebrauche der elliptischen Functionen“ von Hrn. Schwarz veröffentlicht worden, die vollständige Darstellung nach den gehaltenen Vorlesungen wird in den gesammelten Werken erwartet.
Wir weisen nur im Fluge auf die in den Abhandlungen der Berliner Akademie erschienene, epochemachende Arbeit zur Theorie der eindeutigen analytischen Functionen hin (1876), welche, wie mehrere andere Schriften von Weierstraß, ins Französische übersetzt worden ist und auf die neueste Entwickelung der französischen Mathematik einen bedeutenden Einfluß ausgeübt hat. Die deutsche Nation trägt damit gegen die französische den Dank ab, der dieser letzteren für die fundamentalen Untersuchungen von Cauchy über (Seite 37) Functionen mit complexen Variabeln geschuldet wird; denn auf diesen Forschungen beruhen ja wieder die bahnbrechenden Gedanken von Weierstraß, bei denen die Spuren Cauchy'scher Überlegungen sich überall zeigen.
Der Nachweis einer stetigen Function, welche in keinem Punkte eine Ableitung besitzt, wirkte in höchstem Maße aufklärend für die Begriffsbestimmungen der ersten Eigenschaften der Functionen. Die im Anfange der sechziger Jahre gehaltene Vorlesung über Zahlen, die mit beliebig vielen Einheiten gebildet werden, wies damals schon auf Schwierigkeiten hin, die später den Ausgangspunkt fruchtbarer Forschungen gebildet haben. Auf dem Gebiete der Algebra lieferte Weierstraß einen Beweis des Fundamentaltheorems der algebraischen Gleichungen, sowie erschöpfende Behandlungen über die Transformationen quadratischer und bilinearer Formen. Für die Minimalflächen gab er die fundamentalen Entwickelungen, mit deren Hülfe Hr. Schwarz die große Reihe seiner bedeutsamen Arbeiten auf diesem Gebiete erledigen konnte. Kurz, wohin man auch auf dem Gebiete der Analysis blickt, überall wirkte Weierstraß reformirend, indem er stets bis zu den tiefsten Gründen der Fragen vordrang.
Während er so in seiner Gedankenwerkstätte unablässig an den schwierigsten Problemen arbeitete, erledigte er noch manche anderen, zeitraubenden Geschäfte. Im Auftrage der Akademie gab er 1881/82 die gesammelten Werke von Steiner in zwei Bänden heraus, und nach dem Tode Borchardt's (1880), der mit der Herausgabe der Jacobi'schen Werke betraut war, aber nur den ersten Band bis zum Drucke der letzten Abhandlung geführt hatte, übernahm Weierstraß auch die Last der Veröffentlichung dieser Werke und führte mit Hülfe seiner ihm getreulich beistehenden Schüler nach längeren Jahren (bis 1891) die Bearbeitung der sieben Bände glücklich ans Ziel. Ebenso trat er nach Borchardt's Tode in Gemeinschaft mit Kronecker die Erbschaft der Redaction des Journals für Mathematik an, von deren Geschäften er sich aber in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mehr und mehr zurückzog.
In Anerkennung seiner Verdienste um die Universität, wo er wegen seines idealen Sinnes und seiner Lehrerfolge in höchstem Ansehen stand, erwählten ihn die Professoren der Hochschule 1873 zum Rector magnificus, und er bewährte sich hier, wie in seinem ganzen Leben als ein Mann von Welt, dem in seinem natürlichen Wesen nichts ferner lag als die Art eines Stubengelehrten, der mehr sein Lebenlang den freien Ton eines frischen Burschen schätzte und liebte. Der in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom Sonntag dem 21. Februar erschienene sympathische Nekrolog aus offenbar sachkundiger Feder berichtet, daß damals freundliche Beziehungen zu der kronprinzlichen Familie entstanden, und daß bei (Seite 38) den Gesellschaften im kronprinzlichen Palaste besonders Moltke und Weierstraß sich zu einander hingezogen gefühlt und manches Stündchen in einer Ecke vertraulich plaudernd verbracht hätten.
Bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages erzählte Weierstraß mit großem Behagen, daß er unter den vielen ihm in seinem Leben zugefallenen Pflichten vor 1848 in Deutsch-Krone das Amt eines Censors für das dortige Localblatt ausgeübt hätte. Der königliche Beamte, dem die Überwachung übertragen war, hatte eine Abneigung gegen die schönwissenschaftliche Litteratur und gnügte sich daher mit der Durchsicht des politischen Teiles; die Beaufsichtigung des belletristischen Teiles übertrug er dem Mathematiker Weierstraß. Da nun gerade zu jener Zeit die Herwegh'schen Freiheitslieder erschienen und Weierstraß zugesandt wurden, so machte es ihm ein besonderes Vergnügen, unter den Augen des streng conservativen Censors die revolutionären Freiheitslieder abdrucken zu lassen, sicher, daß jener die Gedichte nicht lesen würde. Endlich wurde durch Einschreiten der vorgesetzten Behörden diesem burschikosen Spaße ein Ende gemacht, der nur dem Beamten, nicht aber dem Gymnasiallehrer Weierstraß Unannehmlichkeiten einbrachte. Hier haben wir den frischen, frohgemuten Weierstraß, der trotz seiner 28 bis 30 wöchentlichen Lehrstunden, unter ihnen Schreib- und Turnstunden, und trotz seiner tiefsinnigen Untersuchungen über die Abel'schen Functionen im Kreise fröhlicher Freunde zu lustigem Schwanke bereit ist.
In der Enge der Kleinstadt und in den Banden des seine Kräfte beanspruchenden Standes eines Gymnasiallehrers fühlte er sich durchaus nicht unbehaglich; im Gegenteil, er bewahrte dieser Zeit ein dankbares Andenken und dachte noch an seinem achtzigsten Geburtstage mit Frohgefühl an seine Gymnasiallehrerzeit zurück, tadelte auch diejenigen, welche sich in diesem Stande nicht wohl zu fühlen vermöchten. Was er damals in seiner Rückerinnerung beklagte, war die ganz ungenügende Bibliothek des Gymnasiums, für deren Ersatz das spärliche Einkommen keine hinreichenden Mittel bot, und der Mangel an Freunden des Faches zum Austausche von Gedanken. Er muß aber auch einen liebenswürdigen Director in Braunsberg gehabt haben, wie aus einer anmutigen Erzählung hervorgeht, welche dieser über seinen früheren Untergebenen, den später so berühmten Akademiker in Umlauf gesetzt hat. Als eines Morgens aus einer Klasse großer Lärm gehört wurde, stellte sich heraus, daß Weierstraß, der die Stunde zu geben hatte, nicht erschienen war. Der Director begab sich persönlich in die Wohnung von Weierstraß; auf das Anklopfen tönte von innen das Herein, und drinnen saß Weierstraß, obschon es lichter Tag war, im verdunkelten Zimmer bei herabgebrannter Lampe. Er hatte die Nacht hindurch gearbeitet und den Anbruch des Tages nicht (Seite 39) gemerkt. Vom Director darauf aufmerksam gemacht und auf die ihn erwartenden lärmenden Schüler hingewiesen, erwiderte er nur, er könne seine Arbeit nicht unterbrechen; denn er sei einer wichtigen Entdeckung auf der Spur, die in der Wissenschaft Aufsehen machen werde. Eine moderne Wiederholung des Noli turbare circulos meos!
Die Mitteilung dieser kleinen Geschichten scheint deshalb hier nicht unpassend zu sein, weil es sich ja darum handelt, aus solchen einzelnen Zügen das lebensvolle Bild des großen Mannes zusammenzusetzen.
Derselbe freie Sinn, mit welchem Weierstraß das Leben gewissermaßen als Souverän behandelte, zeigte sich auch in seinen Veröffentlichungen. Die Entdeckungen, welche er in seinem langen, arbeitsvollen Leben gemacht hat, sind von ihm nur zum kleineren Teile dem Drucke übergeben worden. Vielleicht verursachte ihm die Arbeit des Redigirens manche Unbequemlichkeit, zumal er an die endgültige Form peinliche Anforderungen stellte; vielleicht auch hatte er über irgend einen nebensächlichen Punkt noch nicht völlige Klarheit gewonnen; dies genügte dann für ihn, die Veröffentlichung zurückzuhalten. Wie H. v. Helmholtz von sich bei seinem Jubiläum einst sagte, er hätte seine Arbeiten im Grunde nur ausgeführt, um sich selber klar zu werden über die vorliegenden Probleme, an sonstige Zwecke aber hätte er kaum dabei gedacht, so gilt das Gleiche auch von Weierstraß. Dieser trat sogar nach erlangter Klarheit mit seinen Ergebnissen nicht einmal immer in die Öffentlichkeit, sondern war zufrieden, wenn er seinen Freunden und Schülern Einblick in seinen Gedankengang gewähren konnte. Hierin bewährte er die Trefflichkeit eines Ausspruches von Kummer: Eine echte Freude empfindet der Forscher nur einmal bei der Entdeckung einer Wahrheit; das spätere Anschauen derselben läßt kalt. Doch kommt jener Freude die andere nahe, wenn der Entdecker andere Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit leiten kann. Besonders war es in den Vorlesungen und in den Mitteilungen an die Mitglieder des seit 1861 bestehenden mathematischen Seminars, wo Weierstraß die Resultate seiner Forschungen entwickelte. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit dieser Vorlesungen wurden die Nachschriften derselben vervielfältigt, und dadurch verbreitete sich allmählich die Kenntnis der in ihnen niedergelegten Gedanken. In den gesammelten Werken werden die Hauptvorlesungen von denjenigen seiner Schüler bearbeitet erscheinen, die er schon bei Lebzeiten um die Übernahme dieser ehrenvollen Arbeit gebeten hatte. Der Inhalt einiger dieser Vorlesungen ist schon früher ohne seine Mitwirkung veröffentlicht worden, so besonders in der „Theorie der analytischen Functionen“ von O. Biermann.
Der Universalität des mathematischen Genius von Weierstraß entspricht im Anfange seiner Lehrthätigkeit an der Universität die (Seite 40) Vielseitigkeit der Gegenstände, über welche er vortrug. An dem Gewerbeinstitute war er zu einem wöchentlich sechsstündigen Vortrage über analytische Geometrie der Ebene und des Baumes, ferner zu einem ebenfalls sechsstündigen über Infinitesimalrechnung verpflichtet. Den ersteren begann er mit der allgemeinen Streckentheorie, um von diesem Ausgangspunkte aus alle Sondererscheinungen zu beherrschen. In der Differential- und Integralrechnung ließ er die Schärfe seiner functionentheoretischen Gesichtspunkte hervortreten. Überall leuchteten seine originalen Gedanken hervor; allerdings waren diese Vorträge für den Durchschnitt der Zuhörer etwas zu hoch, einige der technischen Studenten aber wurden durch sie zu tieferen Studien angeleitet. Hr. Hamburger gehörte zur Zahl der ersten Schüler von Weierstraß im Gewerbeinstitute, und Hr. Schwarz wurde ebenda der begeisterte Anhänger von Weierstraß, wie wir ihn bis zur heutigen Stunde kennen. Zu derselben Zeit las Weierstraß an der Universität über die Theorie der elliptischen Functionen (nach Jacobi'scher Bezeichnungsweise) und über Functionentheorie, sowie Variationsrechnung, seine später oft gehaltenen Vorträge; daneben aber auch über Einleitung in die Analysis und geometrische Optik. Aus dem letzteren Gebiete stammt die einzige physikalische Arbeit von Weierstraß: „Über eine geometrische Construction, wodurch man den Weg eines Lichtstrahls durch ein System sphärischer Flächen in aller Strenge verfolgen kann“, ein Vortrag, der im Tageblatt der Wiener Naturforscherversammlung 1856 abgedruckt und dessen Inhalt von Hrn. Lummer in die Bearbeitung der geometrischen Optik, welche er für das Pfaundler'sche Lehrbuch der Physik geliefert hat, aufgenommen worden ist. Im Wintersemester 1862/63 überraschte Weierstraß seine Studenten dadurch, daß er in dem angekündigten Kolleg über elliptische Functionen zum erstenmale die Theorie seiner grundlegenden Functionen ℘(u) und σ(u) entwickelte. Nach Steiner's Tode übernahm er auch die Vorlesungen über synthetische Geometrie, übertrug dieselben aber später auf die neu berufenen außerordentlichen Professoren. Nun erst regelte sich der Kreislauf seiner regelmäßig abwechselnden Vorlesungen: die Theorie der elliptischen Functionen und ihre Anwendungen, allgemeine Functionentheorie, Abel'sche Functionen, Variationsrechnung. Die Herren Hettner, Knoblauch, Fritz Kötter, Phragm&eacite;n und Stickelberger werden diese Vorlesungen in den gesammelten Werken herausgeben.
An dieser Stelle ist es vielleicht passend, einige Worte über die Vortragsweise von Weierstraß einzufügen. Als er 1856 in Berlin seine Vorlesungen begann, waren dieselben zwar durch Originalität, durch Tiefe der Gedanken und durch den Reichtum an Gesichtspunkten gleich ausgezeichnet; aber er hatte als Vortragender noch nicht die ruhige Sammlung gewonnen, durch welche die (Seite 41) übersprudelnden Ideen für den Hörer in übersichtliche Entwickelungen zu bringen waren. In seinem freien Vortrage versah er sich leicht und war dann genötigt, in der nächsten Vortragsstunde ganze Partien der vorangehenden Vorlesung zurückzunehmen und neu zustellen. Dazu kam ein anderer, ihn belästigender Umstand. Wenn er beim Schreiben dicht vor der Tafel stand, so schienen sich ihm die Buchstaben an der Tafel zu bewegen, und damit war der Beginn der oben erwähnten Schwindelanfälle gegeben. Gegen diesen unangenehmen Einfluß schützte er sich nach den Erfahrungen der ersten Jahre seit 1862 dadurch, daß er einen Zuhörer zum Schreiben an der Tafel benutzte, währepd er selbst, in einiger Entfernung bequem sitzend, mit seinem in der Hand gehaltenen Schlüsselbunde oder auch mit seinem Spazierstocke den Vortrag in nachdrücklichen Bewegungen begleitete und zugleich den Anschreiber überwachte. Auf diese Weise gewannen seine Vorträge allmählich die abgerundete und vollendete Gestalt, welche später an ihnen mit Recht gerühmt wurde. Weil er in diesen Vorlesungen seine eigensten Gedanken preisgab, so zog er dadurch jene große Schar von Schülern an, die ihn als ihren Lehrer liebten und verehrten.
Die Verehrung, mit welcher die Schüler von Weierstraß an ihm hingen, wurde aber besonders dadurch erzeugt und genährt, weil in ihm der hohe wissenschaftliche Sinn mit dem feinsten Verständnisse aller menschlichen Eigenschaften harmonisch vermählt war, sodaß er von sich mit vollem Rechte hätte sagen können: Homo sum, humani nil a me alienum puto. Obgleich er ein klares Bewußtsein von dem Werte seiner Leistungen hatte, blieb er im Umgange mit jedermann der schlichte, leutselige Mensch, der nichts Menschliches als gering achtete. Wie er einst von Gudermann als Privatschüler in die Mathematik eingeführt worden war, so nahm er die schüchterne Sonja Kowalevsky gütig auf, geleitete sie mit sicherer Hand in die Tiefen der mathematischen Erkenntnis und freute sich ihrer staunenswerten Fortschritte. Bei der Veröffentlichung ihrer berühmten Doctordissertation äußerte er sich, er wäre froh, daß diese von ihm längst geplante Untersuchung damit abgeschlossen wäre; er selbst hätte nie die Zeit zu der mühsamen Durchführung erübrigt. Das Verhalten zu dieser seiner genialen Schülerin ist typisch für das Verhältnis, in welchem er zu seinen Schülern stand. Zwar ist das Urteil offenbar viel zu hart, das Anna Charlotte Leffler über diese ihre Freundin in deren Biographie ausgesprochen hat: „Ihre ganze wissenschaftliche Wirksamkeit war nichts anderes als eine Entwickelung der Ideen ihres großen Lehrers.“ Aber solch ein schiefes Urteil hatte einen gewissen Grund in der Verschwendung, mit der Weierstraß seinen Gedankenreichtum seinen Schülern offenbarte. Aus der Fülle seiner Ideen schöpfend, kümmerte er sich nicht darum, was aus den Gaben (Seite 42) wurde, die er als königlicher Spender um sich ausstreute. Wenn er in seinen Vorträgen der früheren Zeit einmal den Faden verlor, so freuten wir uns über solche Entgleisungen; denn bei den Überlegungen, die er dann mitzuteilen pflegte, entwickelte er aphoristisch eine Menge fruchtbarer Gedanken, von denen manche durch seine Schüler zu Abhandlungen verarbeitet worden. Dabei fiel es ihm nie ein, solche Gedanken als sein Eigentum in Anspruch zu nehmen; man wird danach den Ausspruch eines seiner Schüler verstehen: Weierstraß freue sich über jeden Gedanken, der ihm gestohlen werde, wenn er denselben bei dem Entwender wiederfinde.
Zur Verbreitung seines Ruhmes that er nichts; daher blieb dem Auslande in der ersten Zeit seines Auftretens in Berlin die Bedeutung dieses Vaters der modernen Analysis, wie man ihn wohl genannt hat, verborgen. Später, als viele Zuhörer des Auslandes ihn kennen gelernt, seinen Ruhm verbreitet hatten, erkannte man ihm neidlos und gern die erste Stelle in der Mathematik zu, die er nicht gesucht noch begehrt hatte, und die höchsten Ehren, die für den Gelehrten erreichbar sind, fielen ihm besonders in den letzten Jahren seines Lebens in den Schoß. Und auch darin zeigte er sich als wahrer Mensch, daß er über diese spät gespendeten Beweise der Anerkennung dankbare Freude empfand und äußerte.
Sein unpersönliches, rein sachliches Verhalten bei bedeutsamen Entdeckungen mag durch zwei Beispiele belegt werden. Nach der Bekanntgebung des Lindemann'schen Beweises für die Transcendenz. der Zahl π verfaßte er in heller Freude über die Arbeit selbst einen Beweis für denselben Satz und behandelte in seiner Darstellung den Gegenstand mit der ihm eigenen lichtvollen Klarheit. In ähnlicher Weise verbreitete er sich über den Mittag-Leffler'schen Satz aus der Functionentheorie, nachdem der Entdecker desselben ihn veröffentlicht hatte. Indem Weierstraß seine eigensten Gedanken auf seine Schüler vererbte, hatte er an ihren Arbeiten, wenn sie in seinem Sinne ausfielen, dieselbe Freude, wie ein Vater an den Erfolgen seiner Kinder. Daher blieb er auch in dauernder Freundschaft mit ihnen verbunden, und wie er seinen Schülern aus dem Schatze seiner Aufzeichnungen ohne Bedenken einzelne Bogen zum freien Gebrauche überließ, so erwartete er auch als verständlich ihre Unterstützung, wenn er ihrer bedurfte. Während des letzten Jahrzehnts seines Lebens, wo er zuerst seltener, nachher gar nicht mehr das Haus verlassen konnte, verabredeten sich die in Berlin ansässigen jüngeren Docenten und Professoren, welche seine Schüler sind, dahin, daß jeder von ihnen den geliebten Lehrer an einem bestimmten Wochentage der Reihe nach besuchte, um mit ihm zu plaudern über Wissenschaftliches oder auch über die Vorfälle des täglichen Lebens, wenn ihn wissenschaftliche Gespräche zu sehr anstrengten. Wenn er zwischen seinen Schülern saß, so ging (Seite 43) ihm das Herz wieder auf, besonders solange er noch ein Glas Wein mit ihnen trinken konnte. Welche Treue er ihnen bewahrte, davon wissen viele zu erzählen. Eine seiner letzten Freuden, vielleicht überhaupt die letzte war es ja, als er wenige Tage vor seinem Heimgange die Berufung eines seiner Schüler auf einen Lehrstuhl der Mathematik erfuhr; eine Nachricht, die er mit Ungeduld erwartet hatte, von der er wiederholt sagte, er würde ihr Eintreffen nicht mehr erleben.
Bei der Vollendung des achtzigsten Lebensjahres, am 31. Oktober 1895, vereinten sich alle deutschen Mathematiker, um dem greisen Veteranen der Mathematik ihre Huldigung darzubringen. Feste in größerem Stile zu feiern, verbot sich von selbst, weil der Jubilar, seit lange schon an den Rollstuhl gefesselt, auf ärztliche Anordnung nur etwa zwei Stunden lang die Abordnungen empfangen durfte, um die ihm von vielen Seiten dargebrachten Glückwünsche entgegenzunehmen. Bei dieser Gelegenheit war auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers sein Bildnis für das Nationalmuseum in künstlerischer Vollendung gemalt worden; doch bei allen ihm zuströmenden Ehrungen versicherte er, es wäre für ihn die schönste Feier des Tages, seine Freunde und Schüler um sich sehen zu dürfen, die jetzigen Studenten in der Abordnung des mathematischen Vereins begrüßen zu können; innigen Dank ließ er diesem Vereine zurufen für den Commers, der zu seinen Ehren veranstaltet wurde, dem aber nur seine beiden Schwestern beiwohnen konnten.
Herzliche brüderliche Zuneigung verknüpfte ihn mit diesen beiden Gefährtinnen seiner Leiden und Freuden; leider entschlief die eine, Clara, wenige Monate nach jenen Festestagen. Wie sehr er auch an seinem Bruder hing, der jetzt in Breslau seinen Wohnsitz hat, das zeigte er an seinen beiden letzten Geburtstagen. Am achtzigsten war der Bruder durch Krankheit abgehalten, selber zu kommen, schickte aber als Glückwunsch ein längeres poetisches Telegramm. Dieses allein von allen eingelaufenen Telegrammen mußte auf Verlangen des Geburtstagskindes den Anwesenden vorgelesen werden. Im folgenden Jahre war der Bruder herbeigeeilt und wurde nun durch den Einundachtzigjährigen aufgefordert, das neue zu dem Tage verfaßte Geburtstagsgedicht vorzutragen und die Anspielungen auf die Jugendzeit des Gefeierten zu erläutern.
In demselben Jahre wie Bismarck geboren, hatte Weierstraß eine zwar nicht ganz so hohe, wohl aber eine ähnliche kräftige und gedrungene Gestalt. Als kerniger Westfale, welche Heimat seine Sprechweise verriet, erinnerte er durch sein Äußeres durchaus nicht an einen Gelehrten. Der große ausdrucksvolle Kopf mit glatt rasirtem rundem Gesicht hatte früh stark gelichtetes Haar, wodurch die hochgewölbte Stirn offengelegt war. Der verbliebene Lockenkranz, der das Haupt umwallte, war schon zu Anfang der sechziger (Seite 44) Jahre weiß. Die klugen blauen Augen, die etwas schief geschlitzt waren, kniff er bei schwierigen Stellen des Vortrags wohl zu, wie wenn er die Gedanken gegen die Eindrücke der Außenwelt schirmen müßte. Die letzten Bildnisse, das sehr gelungene Porträt in Öl von R. von Voigtländer, welches mit glücklichem Griffe den geistig belebten Ausdruck der Züge wiedergiebt, und die Radirung von Fehr entstammen seinen letzten Lebensjahren, und besonders das letztere zeigt ihn als kranken Greis in seinem Lehnstuhle. Wie Bismarck hatte auch er die Peinigungen der durch vieles Denken überangestrengten Nerven zu ertragen; wie dieser hat er es trotzdem zu hohem Alter gebracht, ist aber doch vor ihm erlegen. Nun ist auch der zuletzt so gebrechliche Leib, der mehr als einundachtzig Jahre dem gewaltigen Geiste als Wohnung gedient hat, des Lebens beraubt. Uns aber bleibt das Andenken an einen Mann, der wegen seiner geistigen Gaben den ersten der Menschheit zuzuzählen ist, und der doch immer schlicht und einfach war und nichts sein wollte als der Bruder seiner Mitmenschen.
Quelle: Jahresbericht der deutschen Mathematiker-Vereinigung. Bd. 6, S. 27 - 44
Letzte Änderung: März 2026 Gabriele Dörflinger
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