Edith Branco

Edith Branco/von Branca: Entwürfe eines Lebens

Weniges nur erfahren wir über das Leben von Edith Sophia Olga Branco, dem einzigen Kind aus der Ehe von Käthe und Wilhelm Branco. Der Vater nennt sie in seinen autobiografischen Aufzeichnungen erstaunlich selten und meist nur mit mageren Daten. Geboren am 18. April 1873 in Kade, ist ihre fruhe Kindheit überschattet von der langen Krankheit der Mutter. Solange Käthe das Kind noch bei sich halten kann, wird es von einer Amme betreut. Jahrelang zwischen Berlin, Dahlem und Heidelberg hin- und hergeschoben, kommt die Vierjährige zu einer gewissen Stetigkeit erst bei den Verwandten in der Domäne Dahlem, Wilhelm Branco leidet darunter, dass er bei seinen häufigen Wohnortwechseln den Kontakt zu seinem Kind fast verliert; die Habilitation in Berlin begrüßt er als Chance, diesen Mangel zu heilen.

Ab 1882 lebt Edith dann dauerhaft bei ihrem Vater und dessen zweiter Frau; begleitet das Ehepaar nun bei allen Umzügen und vielen Reisen. Der Stiefmutter Paula Branco fällt unverhofft, die schwere Aufgabe zu, ein neunjähriges Kind erziehen zu sollen, das bis dahin recht konfus erzogen war. Der Vater nennt Edith einmal — eine seltene persönliche Anmerkung — ein „verschlossenes Kind“. Aber die neue Familienkonstellation geht gut, und mit dem zwölf Jahre jüngeren Halbbruder Gerhard entwickelt sich dann ein herzliches Verhältnis. Aus den wenigen erhaltenen Briefen — namentlich von der Cannobio-Reise im Jahr 1906 — spricht ein liebevoller und besorgter Umgang der An-irigen miteinander.

An einige Monate im Berliner Haus ihres Großvaters Hermann Helmholtz im Jahr 1888 erinnert Edith Branco sich später im Gespräch mit einer Zeitung an den wöchentlichen Jour fixe, bei dem sie die Gastgeberin mit der Verteilung von Tee und Gebäck unterstützt und berühmte Wissenschaftler und Künstler sieht. Als junges Madchen geht sie zur Tanzschule und freut sich an den üblichen Vergnügungen höherer Tochter: Tanzen, Tennis, Theaterspielen in häuslichen Kreisen. Dann studiert sie am Lehrerinnen-Seminar in Berlin, lernt und unterrichtet Englisch und Französisch, beherrscht auch Italienisch. 1906, bei dem amtlichen Vorgang um die Änderung des Familiennamens, wird sie als Lehrerin bezeichnet, 1913, beim gescheiterten Antrag des Vaters auf Nobilitierung, als Studentin und Doktorandin der Philosophie. In den Matrikelbüchern der Humboldt-Universität Berlin erscheint sie von 1908/09 bis 1916/17 als Studentin mit wechselnder eigener Anschrift, zuletzt in Charlottenburg, Marchstraße 4.

Das Abgangszeugnis der Universität von 1916 listet eine planlos erscheinende Reihe von Vorlesungen in geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern auf, die Edith Branca besucht, darunter ein Semester mit „Übungen über Locke und Leibniz“ bei dem Neukantianer Alois Riehl (1844-1924). Zu dessen Festschrift steuert sie ihre wahrscheinlich einzige wissenschaftliche Arbeit bei, einen kleinen Text über den Philosophen René Descartes (1596-1650), und mit ihm hält sie offensichtlich Kontakt; einen Studienabschluß oder ein Promotionsverfahren hat sie nicht erlangt.

Beim Umzug der Eltern nach München im Jahr 1918 geht Edith Branca mit, nimmt aber eine eigene Wohnung, Schackstraße 6 III. Jetzt nennt sie sich Lehrerin und Schriftstellerin. Über die berufliche Laufbahn gibt es keine Informationen. Etliche Texte aus ihrer Produktion sind erhalten: heimatkundliche Aufsätze, Gedichte, „Dramatische Scenen“ und „Märchen“. Einige Schauspiele mit fiktiven historischen Stoffen („Um eine Herzogskrone“) führen die Geschwister und Freunde im häuslichen Rahmen auf. Einige wenige Erzählungen im bajuwarisierenden Stil („Hansl, der Räuber“) und Gedichte kommen zur Veröffentlichung.

Nach der Inflation von 1922/23 verarmt Edith Branca; sie wird von den finaziell selber tief abgestürzten Eltern unterstützt. Bei einem Fliegerangriff auf Müchen brennt 1944 ihre Wohnung aus und wird ihre Habe fast völlig zerstört. Im Dörfchen Au bei Aibling (heute ein Ortsteil von Bad Feilnbach) findet sie eine winzige Unterkunft und einen kleinen Verdienst durch privaten Sprachuntericht; beim Einmarsch der Amerikaner darf sie dolmetschen. Der Verkauf einiger geretteter Briefe von Hermann Helmholtz an die Houghton Library der Harvard-Universität bringt 1947 einen Lichtblick in die Notzeit in Form von Care-Paketen mit Lebensmitteln und Kleidung.

Evangelisch getauft und vom Berliner Hofprediger Emil Frommel konfirmiert,tritt Edith Branca am 8. März 1939 aus der Kirche aus. Politische Aktivitäten und Neigungen sind aus den wenigen erhaltenen Dokumenten nicht erkennbar; späteren Äußerungen zufolge denkt sie — wie ihr Vater und ihr Bruder — konservativ und deutsch-national. Eine Mitgliedschaft in einer nationasozialistischen Organisation ist nicht feststellbar.

Nach dem Krieg liest Edith Branca amerikanische und englische Zeitungen und Literatur und tauscht sich mit ihrem Bruder über die Zeitläufte aus. Die Amerikaner, meint sie, hätten die Deutschen aufgrund ihrer eigenen Weltmachtgeschichte doch verstehen müssen,

„[...]und wenn sie uns zu ihrer Demokratie .erziehen wollen, vergessen sie nur, unter welch ganz anderen Voraussetzungen ihre Nation entstanden ist: lauter selbständige Menschen, die sich ihren Weg jeder für sich erkämpfen mussten; das bleibt doch dann für die paar Generationen, die seitdem vergangen sind, in den Nachkommen sitzen. Ob sie das je in die Europäer hineintrichtern können?“

Dem Harvard-Bibliothekar William A. Jackson (1905-1964), mit dem sie wegen der Dokumente ihres Großvaters Helmholtz korrespondiert, schreibt sie:

„As I can never loose confidence in the future development of mankind to a higher order, I am sure the USA are destined to grow up to as near perfection as is possible on this imperfect planet of ours, and I do wish that a long time of peace may be accorded her for that development which would surely be for the best of all continents. And heartily hope that my dear fatherland, after having overcome this time of desperation and hopelessness, with all the bad qualities sprung up out of them, will once more gain its traditional place in science and all the arts of peace.“
Edith von Branca stirbt am 6. April 1950; sie wird vom evangelischen Pfarrer in Au beerdigt. In den wenigen Nachrichten über dieses Leben scheinen hochgesteckte Entwürfe zwischen Schriftstellerei und Wissenschaft auf; die Umsetzung ist stets nur in Ansätzen gelungen.

Quelle:
Mogge, Winfried: Wilhelm Branco (1844-1928). - Berlin [u.a.], 2018
S. 254-258

Edith Branco an der Berliner Universität

Die Universität erlaubte ab dem WS 1908/09 Frauen das Universitätsstudium. Vorher waren im SS 1908 bereits 503 nicht immatrikulierte Frauen registriert. Zu den ersten Studentinnen zählt Edith Branco. Sie immatrikulierte sich mehrfach (WS 1908/09, SS 1910 und SS 1914) für die Philos. Fakultät. Aus den Adressbüchern der Universität erfahren wir:

SemesterAdresse
WS 1908/09  Charlotten 59
WS 1909/10Charlotten 59
SS 1910 Kronen 6
WS 1913/14Siegmundshof 6
SS 1914 March 4
SS 1815 March 4
SS 1916 March 4
WS 1916/17 March 4
SS 1917

Berliner Adressbuch

Edith Branco wohnte als Studentin nicht in der Wohnung ihre Vaters.

JahrNameAdresse
1908-1912  Branca, WilhelmLutherstr. 47
1913Branca, WilhelmSchaperstr. 15
1914-1917Branca, WilhelmSchaperstr. 15
Branca, Edith, stud. phil.Marchstr. 4
1918Branca, WilhelmSchaperstr. 15

Adressbuch der Berliner Universität; nach 1918

Dieses Adressbuchbuch enthielt nach 1918 noch die Adresse des emeritierten Professors Branca.
SemesterName und Adresse
SS 1919  Dr. phil. et rer. nat. Branca, Wilhelm — in Ebenhausen bei München
WS 1920Branca — in Ebenhausen bei München
WS 1921Branca — München, Bauerstr. 28

Adressbuch München

JahrNameAdresse
1922-1923von Branca, WilhelmBauernstr. 28
[Freiherr] von Branca, EdithSchackstr. 6
1924-1928von Branca, WilhelmKurfürstenplatz 8
[Freiherr] von Branca, EdithSchackstr. 6
1929-1931von Branca, PaulineKurfürstenplatz 8
[Freiherr] von Branca, EdithSchackstr. 6
1934-1943Branca, Edith Freiin vonSchackstr. 6